Leben und Lernen

Wenn Erstklässler den Unterricht verweigern

"Die Schule macht mich krank"

Kaum eingeschult, schon wehrt sich das Kind dagegen, zur Schule zu gehen. Woran kann das bei Erstklässlern liegen? Tims Eltern fanden den Grund erst nach Jahren heraus.

DPA

Junge sitzt auf einer Tischtennisplatte in Berlin (Symbolbild)

Freitag, 14.09.2018   06:39 Uhr

Auf den ersten Schultag hatte sich Tim riesig gefreut. Doch die Begeisterung verflog schnell. Jeden Abend und jeden Morgen klagte der Sechsjährige über Bauchschmerzen. Nach einigen Monaten kamen Kopfschmerzen und Übelkeit dazu, wie seine Mutter Claudia Sunder sagt. "Wir haben gemerkt, dass er sich immer mehr zurückzieht und trauriger wird."

Die Mutter musste ihren Sohn oft früher von der Schule abholen. Schließlich suchten die Eltern immer wieder das Gespräch mit der Klassenlehrerin. "Sie hat sich aber nie richtig Zeit genommen", sagt Sunder, die ihren richtigen Namen nicht in den Medien lesen möchte. Die Grundschule in der niedersächsischen Kleinstadt, in der die Familie lebt, sei mit der Situation überfordert gewesen. Nach einer Weile sei Tim gar nicht mehr zum Unterricht gegangen.

Wenn von Schulverweigerern die Rede ist, denken viele an Jugendliche in weiterführenden Schulen, die lieber im Bett bleiben oder mit Freunden abhängen, als zur Schule zu gehen. Tatsächlich gibt es Fachleuten zufolge Schulverweigerer bereits ab der ersten Klasse. Warum die Kinder nicht zum Unterricht gehen wollen, kann dabei ganz verschiedene Gründe haben.

Manche hätten soziale Ängste oder Erfahrungen mit Mobbing gemacht. Andere seien überfordert, sagt Klaus Seifried, der viele Jahre als Schulpsychologe und Lehrer in Berlin tätig war. "Leistungsängste beginnen schon in der ersten oder zweiten Klasse der Grundschule."

Unzureichende Statistiken

Zahlen über das Ausmaß der Schulverweigerung gibt es nicht, die Kultusministerkonferenz führt keine bundesweite Statistik. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2003 heißt es: Drei Prozent aller Schulverweigerer-Karrieren beginnen bereits im Alter von sechs bis acht Jahren, zwölf Prozent im Alter von neun bis elf Jahren.

Statistiken dokumentierten das Problem nur unzureichend, sagt Seifried. "Teilweise wird das Fernbleiben von den Eltern oder durch ein Attest entschuldigt." Es sei Aufgabe der Schule, frühzeitig das Gespräch mit Eltern zu suchen und Schulpsychologen einzuschalten. "Für das Verhalten des Kindes gibt es immer eine Ursache."

Um Schüler wieder zurückzugewinnen, sei es wichtig, ihnen Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Auch eine gute Beziehung zum Klassenlehrer und zu Mitschülern sei entscheidend. "Das Kind muss das Gefühl haben: Mein Lehrer mag mich, ich habe Freunde in der Klasse", sagt Seifried. Zugleich müsse die Lehrkraft Regeln und Orientierung vermitteln.

Oftmals beginne das Problem aber beim Verhalten der Eltern, sagt Stefanie Höfer, Leiterin des Beratungszentrums "Rebuz Bremen-West". Einige Mütter und Väter erwarteten beispielsweise zu viel von ihrem Kind. Oder sie hätten verpasst, den Nachwuchs auf Trennungssituationen vorzubereiten, oder selbst keine guten Erfahrungen in der Schule gemacht. Diese Erfahrungen würden sie an die Kinder weitergeben, sagt Höfer.

Lego gegen Schulbesuch

Auch bei Familie Neumer fingen die Probleme bereits in der Grundschule an. Später blieb ihr Sohn dem Unterricht über Monate fern. Trotz Überforderung redeten die Neumers, die eigentlich anders heißen, aus Scham nicht offen über die Situation. "Wir hatten Angst zu hören: Wie kann es sein, dass euch euer Kind auf der Nase herumtanzen kann?" Erst als sie sich ans Jugendamt wandten, bekamen sie Hilfe - und das Problem in den Griff.

Auch Familie Sunder brauchte lange, um gegenzusteuern und die Gründe für Tims Verhalten zu finden. "Wir waren gerade erst umgezogen, wir dachten, das renkt sich ein", sagt Claudia Sunder. Die Klassenlehrerin machte die Eltern verantwortlich - und die probierten alles aus: Sie machten klare Ansagen, gingen mit ihrem Sohn zur Psychologin, drohten mit Sanktionen, versuchten es am Ende aus lauter Verzweiflung mit Bestechung: Lego gegen Schulbesuch.

Manchmal lief es dann bei Tim für ein paar Wochen gut. Er ging zum Unterricht. Aber eines Tages kam er nach Hause, warf sich weinend auf den Boden und sagte zu seiner Mutter: "Die Schule macht mich krank." Er zeigte Anzeichen einer Depression.

Die Eltern veranlassten schließlich einen Intelligenztest. Der Test zeigte: Der Junge ist hochbegabt. Er sei immer schon besonders gut in Mathe gewesen, im Unterricht habe er schnell vorankommen wollen, sei von der Lehrerin aber gebremst worden. Da habe Tim die Lust verloren, glaubt seine Mutter.

Wäre die Hochbegabung früher festgestellt worden, hätte vieles vielleicht anders laufen können, vermutet Claudia Sunder. Als Tim in der dritten Klasse war, habe die Schulleitung die Eltern aufgefordert, für Tim eine andere Schule zu suchen. Seit dem Sommer geht er nun in eine Schule in der Nachbarstadt. Dort sei das Kollegium bereit, anders auf Tim einzugehen. Er habe zudem einen Assistenten, der ihn in den Unterricht begleite. "Tim ist wie ausgewechselt", sagt seine Mutter.

Janet Binder/dpa/fok

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