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Das steckt hinter antisemitischem Mobbing

Berichte über judenfeindliche Beleidigungen und Übergriffe an Schulen sorgen bundesweit für Aufsehen. Hier erzählen Experten, was zu religiösem Mobbing führt und wie Lehrer damit umgehen können.

DPA

Junge mit Kippa (Symbolbild)

Von und
Montag, 16.04.2018   10:40 Uhr

Eine Zweitklässlerin, die von Mitschülern als "Jüdin" beschimpft wird, Todesdrohungen bekommt, weil sie nicht an Allah glaubt, und ein IS-Enthauptungsvideo, das in einem Chat von Grundschülern auftaucht: An einer Berliner Grundschule soll ein Mädchen massiv von muslimischen Mitschülern gemobbt worden sein. So erzählte es der Vater des Mädchens der "Berliner Zeitung".

Seitdem berichten Medien verstärkt über antisemitische Übergriffe an Schulen, die vor allem von muslimischen Schülern ausgehen sollen. Politiker reagieren empört. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt forderte "Null-Toleranz-Strategie" gegen Islamismus auf dem Schulhof. Es bedürfe "einer konsequenten Vermittlung unserer Leitkultur im Unterricht". Bundesfamilienministerin Franziska Giffey will bundesweit 170 "Anti-Mobbing-Profis" an Schulen schicken. 20 Millionen Euro stünden dafür bereit, sagte die SPD-Politikerin der "Passauer Neuen Presse".

Doch was steckt hinter der Aufregung? Und was ist wirklich los an deutschen Schulen?

"Fakt ist: Antisemitismus ist gerade wegen des Nahostkonflikts in einigen muslimischen Milieus fest verankert, auch in Deutschland", sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer dem SPIEGEL.

Ob der Antisemitismus an Schulen tatsächlich zugenommen hat, ist allerdings unklar, da solche Vorfälle nicht gesondert erfasst werden. Unions-Fraktionschef Volker Kauder will deshalb Schulen künftig verpflichten, judenfeindliche Vorkommnisse der Schulverwaltung zu melden.

Wie viele antisemitische Straftaten registriert die Polizei?
Die Polizei zählte im vergangenen Jahr bundesweit 1453 antisemitische Delikte, nicht nur an Schulen. Das sind in etwa so viele wie 2016 und etwas mehr als 2015. Die endgültige Kriminalstatistik für 2017 steht allerdings noch nicht fest. Die Zahl der Straftaten könnte deshalb noch steigen. Außerdem werden bei weitem nicht alle Fälle von Antisemitismus im Alltag gemeldet.
Wie viele dieser Straftaten begehen Muslime?
Das geht aus der Kriminalstatistik nicht eindeutig hervor. Zwar brachte die Polizei nur 25 Delikte aus dem Jahr 2017 eindeutig mit "religiös motiviertem" Antisemitismus in Verbindung. Allerdings fließen die meisten Fälle als rechtsextreme Taten in die Statistik ein, auch wenn die Täter unbekannt sind. Experten kritisieren das bereits seit Längerem.

"Das Problem mit antisemitischem Mobbing ist nicht neu", sagt Willy Klawe, Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP), das Weiterbildungen unter anderem für Beratungsstellen und Schulen anbietet. Inzwischen seien aber mehr Schulen bereit, das Problem offen anzusprechen. "Allerdings werden Berichte über antisemitische Beleidigungen auch genutzt, um zu polarisieren und Vorurteile gegenüber Muslimen zu schüren", sagt der Soziologe.

Tatsächlich weisen mehrere Studien darauf hin, dass muslimische Jugendliche aus arabischen Ländern häufiger judenfeindliche Einstellungen vertreten als Schüler ohne Migrationshintergrund. Der Antisemitismus ist demnach aber selten religiös begründet, sondern geht vor allem auf den Nahostkonflikt zurück. "Je deutlicher sich die Jugendlichen im Nahostkonflikt mit den Palästinensern identifizieren, desto deutlicher fällt die Ablehnung gegen Juden aus", heißt es einem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises für Antisemitismus im Bundestag. Die Ablehnung gegen Israel werde häufig auf alle Juden übertragen.

Dass Antisemitismus besonders unter Muslimen in Deutschland verbreitet ist, die sich mit den Palästinensern solidarisieren, zeigt auch eine andere Umfrage: Demnach neigen türkischstämmige Muslime weniger zu Antisemitismus als jene aus nordafrikanischen oder arabischen Ländern.

Was steckt hinter religiösem Mobbing?

Experten verweisen außerdem auf die soziale Situation hiesiger Jugendlicher: "Religiöses Mobbing - ob gegen Christen, Muslime oder Juden - entsteht häufig aus dem subjektiven Grundgefühl heraus, ungerecht behandelt zu werden", sagt Klawe. Tatsächlich haben Menschen mit Migrationshintergrund schlechtere Chancen. Sie haben seltener einen Schulabschluss oder einen Job und sind häufiger von Armut bedroht, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen.

Viele muslimische Jugendliche empfänden aus einem weiteren Grund eine große Ungerechtigkeit. "Die Öffentlichkeit reagiert sehr sensibel auf Antisemitismus, auf Islamfeindlichkeit hingegen nicht", sagt Aycan Demirel, Mitgründer der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, kurz KIgA e.V. Deshalb fragten sich manche muslimischen Schüler: Warum sind Juden offenbar mehr wert als ich?

Außerdem richteten sich antisemitische Beschimpfungen nicht immer tatsächlich gegen Juden, sagt Islamwissenschaftler Kiefer. "In einigen Ländern ist Antisemitismus bereits seit Generationen so verankert, dass judenfeindliche Schimpfworte im allgemeinen Sprachgebrauch akzeptiert sind." Das Phänomen ist auch im Deutschen bei Schimpfwörtern wie "Schwuchtel" oder "Spast" zu beobachten, die sich oft gar nicht gegen Homosexuelle oder Menschen mit Behinderung richten.

Trotzdem dürften antisemitische Übergriffe in keinem Fall bagatellisiert werden, fordern sowohl Kiefer als auch Klawe. Sie raten Lehrern deshalb vor allem vier Dinge:

Hinschauen

Religiöses Mobbing sollte in keinem Fall ignoriert werden. "Beleidigt ein Kind einen Mitschüler im Unterricht beispielsweise als 'Jude', rate ich dem Lehrer zu sagen: 'Ich habe das gehört. Das ist absolut nicht okay. Wir sprechen nach der Stunde darüber'", sagt Kiefer. So habe der Lehrer genug Zeit, sich auf das Gespräch vorzubereiten.

Hinterfragen

"Der Lehrer könnte den Schüler zum Beispiel fragen, warum er glaube, dass 'Jude' ein Schimpfwort sei", sagte Demirel von KiGA e.V. Jugendliche wüssten darauf häufig nichts zu erwidern. Denn meist benutzten sie diesen Begriff, ohne darüber nachzudenken. Nach dem Gespräch könne der Lehrer dann entscheiden, ob das Thema noch mit der gesamten Klasse oder sogar der Schule besprochen werden müsse.

Nahostkonflikt thematisieren

Religiöses Mobbing ist laut Kiefer auch deshalb ein Problem, weil Lehrer während der Ausbildung nicht ausreichend darauf vorbereitet werden - und weil Unterrichtsmaterialien zum Thema Antisemitismus vor allem vom Holocaust geprägt seien. "Das ist zwar ein entscheidender Aspekt, wichtige Themengebiete wie der Nahostkonflikt werden jedoch meist ausgeklammert." Dabei sei Aufklärung das Entscheidende. Lehrer sollten die Hintergründe des Nahostkonflikts deshalb auch im Unterricht besprechen.

Hier können sich Schulen Hilfe holen

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus arbeitet schwerpunktmäßig mit muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Berlin, organisiert aber auch bundesweit Vorträge, Beratungen und Workshops für Lehrer und stellt Hintergrundmaterial zur Verfügung.


Der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben ist über seine Landesverbände in der Bildungsarbeit aktiv und bietet unter anderem Seminare und Beratung für jährlich rund 300.000 Jugendliche und Erwachsene an.

Gemeinsamkeiten suchen

"Wir dürfen Menschen nicht allein auf ihre Religion reduzieren", sagt Klawe. "Wir bieten beispielsweise Seminare an, in denen Opfer und Täter zusammenkommen." Die Jugendlichen lernten dabei spielerisch, sich in den anderen hineinzuversetzen und stellten dann meist fest, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie denken. "Ich habe beispielsweise erlebt, dass sich Betroffene nach den Treffen gemeinsam bei einem Fußballverein angemeldet haben", sagt Klawe.

Diese Erfahrung hat auch Kiefer gemacht. "Unsere Aktion: Ibrahim trifft Abraham war besonders erfolgreich", erzählt der Islamwissenschaftler. Bei dem dreijährigen Modellprojekt trafen Muslime und Juden aufeinander. "Ich erinnere mich noch, dass einige muslimische Jungen eine Synagoge nicht mal betreten wollten."

Doch am Ende des Projekts habe es einen sehr konstruktiven Diskurs gegeben, so Kiefer. "Meiner Erfahrung nach lassen sich viele Vorurteile schnell aus der Welt schaffen, wenn sich die Betroffenen kennenlernen und nicht mehr die Unterschiede im Vordergrund stehen, sondern die Gemeinsamkeiten."

Video: Antisemitismus unter arabischen Jugendlichen: "Du Jude!" als Schimpfwort

Foto: SPIEGEL TV

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