Leben und Lernen

Brandbrief in Saarbrücken

Eine Schule in Angst

Schüler und Eltern bedrohen Lehrer, beschimpfen sie aufs Übelste: An der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken ist Unterricht kaum mehr möglich. Was läuft da schief?

action press

Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken

Von , und
Freitag, 15.12.2017   16:52 Uhr

"Wichser" und "Hurensohn" werden die Lehrer genannt, "Cracknutte" die Lehrerinnen: An der Gemeinschaftsschule Saarbrücken-Bruchwiese herrscht ein Klima der Angst, der Aggressivität und Respektlosigkeit gegenüber den Lehrkräften.

"Mittlerweile müssen wir bei unseren pädagogischen Maßnahmen immer unseren Eigenschutz im Auge behalten, da wir im Umfeld dieser hoch gewaltbereiten Jugendlichen auch privat leben", heißt es in einem Brandbrief, den das Kollegium an das Bildungsministerium geschickt hat.

Der Brief, über den die "Saarbrücker Zeitung" zuerst berichtete, liegt SPIEGEL ONLINE vor. (Sie können den vollständigen Brief hier lesen.) Er enthält neben den Beschreibungen der Gewalt durch Schüler gegen Lehrer auch konkrete Forderungen. Denn: Die Schule wolle nicht frustriert aufgeben, heißt es, "da uns die Schüler am Herzen liegen".

Abgeschickt wurde der Brief bereits im Juni - mit der Bitte um "eine angemessene Reaktion bis September". Eine solche hat die Schule vom saarländischen Bildungsministerium bislang wohl nicht erhalten.

Alle bildungspolitischen Versäumnisse treffen aufeinander

SPIEGEL ONLINE hat die Forderungen der Schule geprüft, beim Ministerium nachgefragt, was bereits angegangen wurde, und eine Gewerkschafterin und Lehrerin der Schule um eine Bewertung der Maßnahmen gebeten.

Ein Blick auf die Rahmenbedingungen der Schule zeigt: Die Probleme an der Gemeinschaftsschule Saarbrücken-Bruchwiese sind keine Ausnahme, sondern hier treffen die aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen und Versäumnisse der Bundesrepublik aufeinander.

Die Schule gilt als sogenannte Brennpunktschule. Hier werden viele Schüler mit schwierigen Ausgangsbedingungen unterrichtet: Kinder aus bildungsfernen Familien, Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen, Kinder mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, Kinder mit Behinderungen, Kinder mit Fluchthintergrund. Insgesamt liege der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei etwa 86 Prozent, so die Schule in dem Brandbrief.

Ein paar Lehrerstellen mehr

Und wie hat das Bildungsministerium reagiert? "Verbesserungen haben wir nicht bemerkt", heißt es aus der Schule. Gutgemeinte Worte habe es gegeben und ein paar mehr Lehrerstellen, aber das Grundproblem bleibe: "Es darf nicht zu solchen Ballungen kommen", sagt Karen Claassen, Vorsitzende des Verbands Reale Bildung (VRB) im Saarland und Lehrerin an der Gemeinschaftsschule. "Das ist ein politisches und gesellschaftliches Problem, nicht Sache der Schule."

Die Lehrer wissen offenbar schon lange nicht mehr, um wen sie sich zuerst kümmern sollen: Um die 67 der 326 Schülerinnen und Schüler, die laut dem Bildungsministerium als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und erst mal Deutsch lernen und ankommen müssen? Um die 14 Prozent der Schüler, die als Inklusionskinder einen besonderen Förderbedarf haben?

Unter der Hand ist aus der Schule zu erfahren, dass die Probleme vor zwei Jahren begannen, als die Inklusionsverordnung in Kraft getreten sei. So richtig möchte sich aber derzeit niemand äußern, trotz Dutzender Anfragen bei Schülern, Eltern und Lehrern.

Unklarheit über die Ursachen

Das SPD-geführte Bildungsministerium sieht das Problem hingegen besonders bei der Verteilung der Geflüchteten. Dem Ballungsgebiet seien zu viele Flüchtlingskinder zugewiesen worden.

Tatsächlich zeigen Beispiele auch aus anderen Bundesländern, dass die neuen Schüler nicht gleichmäßig auf die Stadtteile und Schulformen verteilt werden: Gymnasiasten in gut situierten Stadtteilen bleiben zumeist unter sich, Schulen in Problemvierteln bekommen durch die neuen Schüler noch mehr Aufgaben zugeteilt, als sie ohnehin schon zu bewältigen haben.

Bildungspolitiker Alexander Zeyer vom saarländischen Koalitionspartner CDU kritisiert, dass die Verteilung von Schülern mit besonderem Förderbedarf generell nicht gut laufe. "Da liegt ein Fehler im System".

Die meisten Forderungen der Schule betreffen Aspekte der Inklusion und den Mangel an Ressourcen. Die Lehrer wünschen sich kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte, zusätzliche Förderstunden und Sozialarbeiter.

Problemschüler: Wie Lehrer Leben retten

Das Ministerium bestätigt, es habe weitere 60 Stunden zur Sprachförderung bewilligt und zusätzlich 109 Lehrerwochenstunden. Das entspricht vier Lehrerstellen. Im kommenden Jahr solle die Schule außerdem in einem Pilotprojekt mit neun weiteren Brennpunktschulen entlastet werden, sagt Ministeriumssprecherin Marija Herceg. Es solle zusätzliche Ressourcen geben, um etwa die Klassengröße zu reduzieren oder eine zweite Lehrkraft im Unterricht einzusetzen.

Verbandsvorsitzende Claassen sagt, über die Umsetzung sei noch nicht gesprochen worden. Klar sei lediglich, es gebe für ein Jahr 40.000 zusätzliche Euro. Aufbauen könnte man bei einer solch kurzen Laufzeit aber nichts.

Die Schule will ein Vetorecht

Dabei hat die Schule sehr konkrete Forderungen, die auch ohne finanzielle Ressourcen möglich wären. Bürokratieabbau etwa oder dass die Expertise der Lehrer wieder zähle, wenn diese sich dafür aussprechen, dass ein Schüler die Schule verlassen und auf eine spezielle Förderschule gehen soll.

Eine zentrale Forderung der Schule ist dabei ein Vetorecht bei den Neuzugängen: Zurzeit würden viele Schüler auf die Gemeinschaftsschule abgeschoben, die anderswo gescheitert sind. Ein Blick auf die siebte Klasse zeigt es im Brandbrief deutlich: Binnen einem halben Jahr seien vier Schüler auf die Schule gekommen, die anderswo kurz vor dem Rausschmiss standen oder strafversetzt wurden. Ein gesundes Klassengefüge sei so nicht möglich.

Die Zustände an der Gemeinschaftsschule Bruchwiese erinnern an die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln: Vor zehn Jahren verfassten Lehrer dort einen Brandbrief an den Berliner Senat. Sie schrieben von Schülern, die Türen eintraten, ihre Lehrer mit Gegenständen bewarfen und Knallkörper zündeten, und sie forderten die Auflösung der Hauptschule.

Danach diskutierte die gesamte Republik, und Rütli wurde zum Symbol der gescheiterten Integration von Migranten oder, genereller, der Verwahrlosung der Institution Hauptschule. Heute heißt die Schule Campus Rütli und soll anderen Schulen ein Vorbild sein.

Eine gute Nachricht gibt es inoffiziell bereits aus Saarbrücken: Viele Schüler hätten erst durch den Brandbrief erfahren, dass es Lehrer gebe, die Angst vor ihnen hätten - und seien darüber schockiert. Hier beginne in Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern nun zumindest eine Aufarbeitung.

insgesamt 133 Beiträge
frankfurtbeat 15.12.2017
1. schöner ..
schöner Artikel und superschönes Ergebnis, nämlich so gut wie nichts passiert! schönes Beispiel aus der Gesellschaft aber "wir schaffen das"?! Nur mit Worten ist es nicht getan ... mittlerweile brennt es sehr viel in [...]
schöner Artikel und superschönes Ergebnis, nämlich so gut wie nichts passiert! schönes Beispiel aus der Gesellschaft aber "wir schaffen das"?! Nur mit Worten ist es nicht getan ... mittlerweile brennt es sehr viel in Deutschaland und kein Politiker kümmert sich wirklich darum ... für was haben wir diese Volksvertrter denn gewählt?
pascal3er2 15.12.2017
2. Ursachen ganz klar
Ganz klar Missbrauch in den Familien. Klarer Fall fürs Jugendamt. Aber Beamte ducken sich weg. Als ehemaliger Mitarbeiteer vom Jugendamt weiß ich wovon ich spreche. Ich war damals der erste Beamte, der seit 15 Jahren in der [...]
Ganz klar Missbrauch in den Familien. Klarer Fall fürs Jugendamt. Aber Beamte ducken sich weg. Als ehemaliger Mitarbeiteer vom Jugendamt weiß ich wovon ich spreche. Ich war damals der erste Beamte, der seit 15 Jahren in der dortigen Schule aufgetaucht ist und sich dort mal engagiert hat. 15 Jahre lang vor mir war keiner dort. Schlimme Zustände, aber bei unseren Kindern sollten wir sparen oder? Scheubles Null ist doch so wichtig oder?
Actionscript 15.12.2017
3. Es ist ein Fehler,
Schüler nach Wohnbezirken in Schulen zu verteilen. Das führt zu den obigen Problemen, dass Schüler aus ärmeren Bezirken auf die eine und aus Bezirken mit wohlhabenden Eltern auf die andere Schule gehen. Von daher sollten die [...]
Schüler nach Wohnbezirken in Schulen zu verteilen. Das führt zu den obigen Problemen, dass Schüler aus ärmeren Bezirken auf die eine und aus Bezirken mit wohlhabenden Eltern auf die andere Schule gehen. Von daher sollten die Schüler anders verteilt werden auch wenn dies mit einem weiteren Fahrweg verbunden sein sollte. Ich kenne das Problem aus meiner eigenen Schulzeit und auch als Aushilfslehrer an zwei Gymnasien mit Schülern aus sehr unterschiedlichen sozialem Umfeld. Die Atmosphäre an den Schulen ist nicht die Gleiche und das zu einer Zeit, wo es noch keine Flüchtlinge und kaum Migranten gab.
bs2509 15.12.2017
4. Die Probleme sind hausgemacht
Flüchtlingskinder und Kinder aus der Unterschicht dominieren mittlerweile die Klassen. Und nicht nur im Saarland. Es ist auch ein Vermächtnis von Altbundeskanzler Schröder, der der Auffassung war, die Schüler hätten ein [...]
Flüchtlingskinder und Kinder aus der Unterschicht dominieren mittlerweile die Klassen. Und nicht nur im Saarland. Es ist auch ein Vermächtnis von Altbundeskanzler Schröder, der der Auffassung war, die Schüler hätten ein Recht ihre Lehrer/innen auf "Trap" zu bringen. Schröder hat - wie immer nicht nachgedacht - sondern als "Dampf-Plauderer" vom Leder gezogen. Mittlerweile sind mit den Flüchtlingskindern, Schüler/innen dazugekommen, die wie ihre "Unterschichten-Kameraden/innen" wissen, die "Kohle" fließt auch so in die elterliche Kasse. Und mit dem Einsatz oder Androhen von Gewalt käme man weiter, ohne Strafen zu erhalten. Mit pädagogischen Einsatz und Willen ist bei dieser "Unterschicht" Hopfen und Malz verloren. Das Motto "Keine Lust zu gar nichts" lebt und wird gelebt. Nur Berlin und die Landeshauptstädte geht das am A- - - - vorbei. Wie die Opfer von Anschlägen, werden auch Lehrer, Eltern und Schüler, die damit konfrontiert werden, einfach mit platten Sonntagsreden nach Hause geschickt. Und was dabei noch ersichtlich ist, zeigte sich in Berlin, dort arteten die aus, die dieses System missbrauchen.
Broko 15.12.2017
5.
In diesem Zusammenhang auch noch einmal ein "Herzliches Dankeschön!" an alle Juristen, die uns Lehrern de facto sämtliche Möglichkeiten genommen haben, diesen Krakeelern disziplinarisch das Handwerk zu legen ... [...]
In diesem Zusammenhang auch noch einmal ein "Herzliches Dankeschön!" an alle Juristen, die uns Lehrern de facto sämtliche Möglichkeiten genommen haben, diesen Krakeelern disziplinarisch das Handwerk zu legen ... Dieses Land verwahrlost immer mehr: Nicht erziehende Eltern - eine Schulbürokratie, die im übelsten Sinne und ohne jede Sachkenntnis nur verwaltet und den Lehrern unsinnige Verwaltungsaufgaben aufoktroyiert, während sie gleichzeitig ihre im wahrsten Sinne des Wortes "Untergebenen" im Stich lässt - Politiker, die nur ihre Luftballons aufblasen, falsche Hoffnungen verbreiten und lügen, dass sich die Balken biegen - eine "Recht"sprechung, die einseitig die Delinquenten bevorzugt - es ist nur noch zum Heulen! Ich kann niemandem empfehlen, heutzutage noch Lehrer zu werden ...
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