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Gewalt an Schulen ist in einigen Bundesländern gestiegen

Schüler, die sich gegenseitig verletzten und beleidigen: Am Montag haben wir an dieser Stelle über sinkende Statistiken berichtet. Tatsächlich gibt es aktuelle Daten, die auf mehr Gewalt an Schulen hindeuten.

DPA

Polizisten sichern ein Schulgelände (Archivbild)

Dienstag, 27.03.2018   18:26 Uhr

Am Montag, 26. März 2018, ist in der "Bild-Zeitung" ein Interview mit dem Chef des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, erschienen. Demnach, so Meidinger, könne die Situation an einigen Brennpunktschulen in Deutschland außer Kontrolle geraten, weil Schüler zunehmend gewalttätig werden.

SPIEGEL ONLINE hat dieses Interview zum Anlass genommen für einen Text über die Gewalt an Schulen. In diesem Artikel, der am Montagabend erschienen ist, haben wir Daten von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention des deutschen Jugendinstituts sowie von anderen Jugendgewaltforschern zitiert, wonach die Gewalt an Schulen in Deutschland kontinuierlich seit den Neunzigerjahren gesunken sei.

In der Zwischenzeit haben wir festgestellt, dass diese Daten mittlerweile teilweise überholt sind: Aktuelle Statistiken zeigen, dass die Anzahl der Gewalttaten an Schulen in einigen Bundesländern seit 2015 gestiegen ist. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und möchte hier noch einmal auf die jüngsten Gewaltstatistiken einiger Landeskriminalämter hinweisen.

Es gibt keine aktuelle Erhebung, die bundesweit Auskunft darüber gibt, ob die Gewalt an Schulen steigt oder sinkt. Aktuelle Erhebungen für die Jahre 2016 und 2017 in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen zeigen jedoch Folgendes:

Laut polizeilicher Kriminalstatistik von Nordrhein-Westfalen kam es in dem Bundesland seit 2015 zu einem Anstieg der Straftaten an Schulen. So wurden im Jahr 2015 insgesamt 25.596 Straftaten an Schulen in NRW verzeichnet, 2017 waren es 27.541. "Schwerpunkte bildeten die Diebstahlsdelikte gefolgt von Sachbeschädigungen und Körperverletzungen", heißt es in der polizeilichen Kriminalstatistik des Landeskriminalamts (LKA).

Die Zahl der Körperverletzungen stieg in diesem Zeitraum an Schulen in NRW von 3811 auf 4343. Die Fälle von Nötigung und Bedrohung sind von 814 (2015) auf 1031 (2017) gestiegen.

Auch in Bayern zeichnet sich eine Trendwende ab, nachdem die Zahlen der Gewalt an Schulen zuvor jahrelang gesunken waren. So stieg die Zahl der angezeigten Gewalttäter an Schulen von 299 im Jahr 2015 auf 355 im Jahr 2016, also eine Zunahme um 18,7 Prozent, wie das Bayerische LKA mitteilte.

In Berlin wurden im Jahr 2016 erstmals wieder "merklich ansteigende Zahlen schulischer Gewaltvorfälle polizeilich registriert". Gestiegen sind demnach vor allem Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten.

Meistens sind die Täter männlich. Die Herkunft scheint dabei keine entscheidende Rolle zu spielen: "Bezüglich der Rolle von Schüler/innen nicht deutscher Herkunftssprache als Verursacher/innen lassen sich demgegenüber keine erheblichen Abweichungen gegenüber ihrem Anteil an der Berliner Schülerschaft ausmachen", heißt es im "Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz 2017". So lag der Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunftssprache in Berlin im Jahr 2016 bei 37,8 Prozent und ihr Anteil an Gewaltvorfällen bei 40,4 Prozent.

Fest steht: 43 Prozent der Gewaltvorfälle an Berliner Schulen finden demnach in einem vergleichsweise kleinen Teil Berlins statt, nämlich in nur 15 Prozent der Bezirksregionen: "Die Bezirke Marzahn-Hellersdorf, Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Neukölln, Spandau, Reinickendorf und Lichtenberg weisen laut Polizeistatistik erhöhte, überdurchschnittliche Belastungen auf."

Dass die Situation an Brennpunktschulen in Ballungsgebieten mit "einseitiger Sozialstruktur" wie Berlin oder dem Ruhrpott besonders brisant ist, hatte auch Meidinger festgestellt.

Was ist überhaupt eine Brennpunktschule?

Eine klare Definition gibt es nicht. Als Brennpunkte gelten unter anderem Gebiete, die häufiger von Arbeitslosigkeit, Armut oder Integrationsschwächen betroffen sind als andere. Der Berliner Senat unterstützt beispielsweise vor allem Schulen, die von ärmeren Kindern besucht werden. Wenn mindestens die Hälfte der Schüler von der Zuzahlung von Lehrmitteln befreit ist, hat sie Anrecht auf ein Bonusprogramm, das zusätzliche Unterstützung vorsieht. Das gilt zum Beispiel für Kinder, deren Eltern Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Bafög beziehen oder für Kinder, die in Pflegefamilien oder Heimen leben.

An einigen Problemschulen würde eine "Quote an Migranten überschritten", so Meidinger. Eine Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration zeigt: Tatsächlich gibt es etliche Schulen, an denen die Mehrheit der Schüler einen Migrations- oder Fluchthintergrund hat, viele von ihnen sind außerdem sozial benachteiligt. "Schuld daran ist die Segregation, die sich in der deutschen Schullandschaft seit Jahren abzeichnet", schreiben die Forscher. Sie sprechen von "segregierten Schulen", in denen mehr als 50 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben.

Tatsächlich zeigen Beispiele aus den Ländern, dass die neuen Schüler nicht gleichmäßig auf die Stadtteile und Schulformen verteilt werden. Kurz: Die Gymnasiasten in den gut situierten Stadtteilen bleiben zumeist unter sich, die Schulen in den Problemvierteln bekommen durch die neuen Schüler noch mehr Aufgaben zugeteilt, als sie ohnehin schon zu bewältigen haben. Der Kriminologe und Psychologe Friedrich Lösel fordert eine Durchmischung von deutschen und ausländischen Schülern.

Dass der Zuwachs an Schülern mit Flucht- oder Migrationshintergrund der Grund für die gestiegenen Probleme ist, vermuten einige Wissenschaftler; aus der uns vorliegenden Polizeistatistik zu Berlin kann man diese These jedoch nicht ablesen.

lgr

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