Leben und Lernen

Immer mehr Klagen gegen Schulen

Mit dem Anwalt zur Elternsprechstunde

Wegen einer angeblich falschen Sportbewertung, einer Strafarbeit oder eines Wandertags: Immer mehr Eltern verklagen Lehrer und die Schulen ihrer Kinder. Hier berichten Anwälte von ihren absurdesten Fällen.

Getty Images

Lehrerin mit Vater und Kind (Symbolbild)

Von und
Samstag, 10.03.2018   12:14 Uhr

Wenn es in der Schulkarriere ihrer Kinder nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen, gibt es für Eltern mehrere Möglichkeiten: Sie können sich über das schlechte Zeugnis oder den Schulverweis ärgern - in dem Wissen, dass die Wut verklingen und es schon irgendwie weitergehen wird.

Oder sie setzen die Lehrer und Schulleitungen unter Druck, mit allen Mitteln: "Häufig wenden sich Eltern gar nicht mehr an die Schule, sondern sofort an das Kultusministerium", berichtet eine Lehrkraft. "Es werden Drohszenarien aufgebaut, und mit den vielen Dienstaufsichtsbeschwerden könnte man sicher die Ministeriumskantine tapezieren. Gern wird darauf hingewiesen, wer man sei und wen man kenne. Erpressung scheint vielen Eltern ein probates Mittel zu sein, um ihre Kinder irgendwie zum gewünschten Schulabschluss zu bringen."

Manche Eltern kennen dabei keine Grenzen: In Bayern ist vor ein paar Jahren ein Vater vor der Grundschule seiner Tochter auf eine Leiter gestiegen, um heimlich ins Klassenzimmer zu filmen. Die Aufnahmen sollten beweisen, dass der Lehrer ein schlechter Pädagoge sei - damit wollte der Vater ihn erpressen, so dass seine Tochter eine Gymnasialempfehlung bekommt.

"Es ist schon tragisch"

Andere Helikopter-Eltern ziehen gleich vor Gericht, und es werden immer mehr: "In den letzten zehn Jahren haben sich die Fallzahlen verdoppelt", berichtet Andreas Gleim, der die Rechtsabteilung der Hamburger Schulbehörde leitet. Auch in Bayern sind so viele Eltern klagewütig, dass die Rechtsabteilung mittlerweile die größte Abteilung des Bayerischen Lehrerverbands ist. "Es ist schon tragisch, dass dies in einem pädagogischen Verband so ist", sagt Abteilungsleiter Hans-Peter Etter.

Bestimmte Noten juristisch zu erzwingen, ist allerdings gar nicht so einfach. Denn Richter entscheiden nicht darüber, ob ein Aufsatz mit einer Zwei oder Drei richtig bewertet ist. Es geht vor Gericht nur um Formalitäten. Und deshalb versucht diese Art von Eltern, die Lehrer zu überlisten und systematisch fertigzumachen. "Sie passen genau auf, ob ein Lehrer zum Beispiel im Unterricht mit dem Handy telefoniert hat oder ob er Probearbeiten oder andere Aufgaben rechtzeitig angekündigt hat", sagt Chefjustiziar Etter.

Neben Klagen vor Verwaltungsgerichten nutzen die Eltern dann diverse weitere Möglichkeiten, um juristisch gegen die Lehrer ihrer Kinder vorzugehen: Rechtsbehelfe, Beschwerden, Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafanzeigen. Einige bringen sogar bereits zur Elternsprechstunde einen Anwalt mit.

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Lesen Sie hier Buchauszüge aus dem Kapitel "Wir sehen uns vor Gericht: Papi muss mit zum Klassenausflug"

Auch in den Kanzleien treten einige Eltern dann sehr fordernd auf. Teilweise haben die Anwälte echte Probleme damit, den Müttern und Vätern klarzumachen, warum sie einen Fall nicht annehmen - zum Beispiel, weil sie merken, dass die Eltern sich einfach nur in den Unterricht einmischen wollen und die Lehrer für Idioten halten. Oder wenn eine Klage einfach keine Aussicht auf Erfolg hat. "Es gibt Mütter, die zu uns kommen, weil ihr Kind eine bestimmte bilinguale Klasse nicht erreicht hat und die sagen: 'Wenn mein Kind nicht in der Grundschule Chinesisch lernt, was soll dann aus ihm werden?'", berichtet ein Jurist.

"Eine Mutter sagte neulich zu mir: 'Ich bin so sauer, klagen Sie!'", berichtet ein anderer. Aber Wut sei ein schlechter Ratgeber. Denn: Die Kinder müssen am nächsten Tag noch im Unterricht sitzen - und eine gestörte Beziehung zum Lehrer hat schlimmere Folgen als eine Drei minus.

Kennen Sie Helikopter-Eltern?

insgesamt 100 Beiträge
sincere 10.03.2018
1. Einzelfallentscheidung.
Man muss jeden Fall individuell prüfen und nicht den Lehrer oder Schüler pauschal als das arme Opfer darstellen. Vor allem gegenüber dem Arbeitgeber sollten Lehrer keinen besonderen Schutz genießen da dies oft missbraucht wird [...]
Man muss jeden Fall individuell prüfen und nicht den Lehrer oder Schüler pauschal als das arme Opfer darstellen. Vor allem gegenüber dem Arbeitgeber sollten Lehrer keinen besonderen Schutz genießen da dies oft missbraucht wird und sich am willkürlichen Verhalten nichts ändert. Genauso sollte man gegenüber Yuppieeltern und sonstig weltfremde Personengruppen konsequent sein.
m82arcel 10.03.2018
2.
Ja, da läuft sicher bei manchen Eltern einiges aus dem Ruder und mit (vermeintlichen) Ungerechtigkeiten umzugehen, gehört zum erwachsen werden. Wenn allerdings, wie in Fall 9, eine einzige Frage zur Verkehrssicherheit darüber [...]
Ja, da läuft sicher bei manchen Eltern einiges aus dem Ruder und mit (vermeintlichen) Ungerechtigkeiten umzugehen, gehört zum erwachsen werden. Wenn allerdings, wie in Fall 9, eine einzige Frage zur Verkehrssicherheit darüber entscheidet, ob ein Kind das Gymnasium besuchen darf, läuft auch hier einiges falsch. Verkehrssicherheit, Kunst, Musik und Sport sollen gerne unterrichtet werden, aber die Noten (sofern sie hier überhaupt notwendig sind), sollte man dann aus der Beurteilung heraus nehmen, wenn es um den weiteren Lebensweg der Kinder geht.
moonstruckannalist 10.03.2018
3. Manche Fälle muten aber auch bzgl. der Lehrer seltsam an
Worin besteht der Schaden einen zusätzlichen Erwachsenen auf einen Ausflug mitzubringen. Manche meiner Lehrer wären früher froh gewesen über diese Form von Engagement. Ist ja nicht so als ob sich jeder [...]
Worin besteht der Schaden einen zusätzlichen Erwachsenen auf einen Ausflug mitzubringen. Manche meiner Lehrer wären früher froh gewesen über diese Form von Engagement. Ist ja nicht so als ob sich jeder Erziehungsberechtigte heutzutage darum streitet seine Freizeit dafür zur Verfügung zu stellen.
OhMyGosh 10.03.2018
4. Und über den Schulen
kreisen die Helikopter und werfen jede Menge Wuteltern ab... dass die Sprösslinge vielleicht zu dumm, zu faul oder nicht teamfähig genug sind, um in der Schule zu reüssieren, kommt deren Erzeugern offensichtlich nicht in den [...]
kreisen die Helikopter und werfen jede Menge Wuteltern ab... dass die Sprösslinge vielleicht zu dumm, zu faul oder nicht teamfähig genug sind, um in der Schule zu reüssieren, kommt deren Erzeugern offensichtlich nicht in den Sinn. Und dann wundern sich die Bezirksregierungen, dass es immer schwieriger wird, Lehrer zu finden. Aber Hauptsache, man pampert Schüler und Eltern, gell?
womo88 10.03.2018
5. Die Halbjahresarbeit
In einem Religionskurs, Klasse 12 Gymnasium, ist eine Halbjahresarbeit anzufertigen. Erwünscht ist natürlich, dass Inhalte des Unterrichts mit verarbeitet werden. 3 Schüler bitten mich, eine Gruppenarbeit anfertigen zu dürfen, [...]
In einem Religionskurs, Klasse 12 Gymnasium, ist eine Halbjahresarbeit anzufertigen. Erwünscht ist natürlich, dass Inhalte des Unterrichts mit verarbeitet werden. 3 Schüler bitten mich, eine Gruppenarbeit anfertigen zu dürfen, weas ich genehmige unter der Prämisse, dass ich die 3 Teile klar zuordnen kann. Ich bekomme nach knapp einem halben Jahr eine nahezu perfekte Halbjahresarbeit aus einem Guß und benote die Arbeit mit 0 Punkten. Begründung: Die Arbeit ist nicht von den Dreien verfasst. Darauf deutet schon hin, dass sie aus einem Guß ist, in Wortschatz und Syntax nicht dem Können dieser Schüler entspricht, die ich seit fast 2 Jahren kenne und Unterrichtsinhalte gar nicht vorkommen. Nun kommt das Kampfgeschwader in Form von 3 erbosten Müttern, die zugeben, dass ihre Sprößlinge die Arbeit nicht verfasst haben, ABER sie haben per Aushang an der Uni eine Studentin gefunden, die ihnen die Arbeit geschrieben hat. Und nun sind die Mütter der Meinung, diese Idee "Aushang an der Uni" müsse ich mit wenigstens 5 Punkten honorieren, sonst würden sie zum Anwalt gehen. Für mich war das ein glasklarer Täuschungsversuch, also 0 Punkte. Dabei ist es dann auch geblieben.
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