Leben und Lernen

Spon-Leser zur Leseschwäche von Grundschülern

"Damit man sich mit den Blagen nicht selbst beschäftigen muss"

Hunderte Kommentare auf Facebook und Dutzende Seiten im Forum: Die Ergebnisse der Grundschul-Lese-Untersuchung beschäftigen die Leser von SPIEGEL ONLINE sehr. Eine Auswahl der Vorschläge und Kritik.

DPA

Erst- und Zweitklässler beim Lesen

Mittwoch, 06.12.2017   15:23 Uhr

Fast jeder fünfte Viertklässler in Deutschland kann nicht richtig lesen, zeigt die neue Iglu-Studie. Woran das liegt und was man dagegen tun kann, dazu haben auch die SPIEGEL-ONLINE-Leser eine klare Meinung. Im Leser-Forum, bei Facebook und auf Twitter wird heftig diskutiert.

Didaktik - Was die Schulen tun sollen

Kinder lernen in der Schule lesen. Doch wie ihnen das Abc am besten beigebracht wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Zunehmend in Verruf gerät die sogenannte Reichen-Methode, auch "Lesen durch Schreiben" oder "Schreiben nach Gehör" genannt. Auch die SPIEGEL-ONLINE-Leser geben dem Konzept eine Mitschuld an der Lese-Misere. Dabei ist die Methode bereits auf dem Rückzug, wie Leser "peterpahn" korrekt anmerkt:

"Ein richtiger Schritt ist die Abschaffung des sog. Schreibens nach Gehör, wie es meines Wissens nach etliche Bundesländer jetzt endlich beschlossen haben, denn für das Gehirn ist es unendlich viel schwerer, einmal Gelerntes zu korrigieren, statt bloß etwas Neues (direkt richtig) zu lernen."

Leser "Sepp1966" sagt dazu aus eigener Erfahrung:

"Ich habe zwei Töchter, 8 und 12 Jahre alt. Die ältere sollte so schreiben, wie sie die Worte verstand. Die Lehrerin sagte, das sei ein neues Konzept, richtig schreiben lernt man später. Die jüngere Tochter hatte eine Grundschullehrerin, die jede Woche Listen mit acht bis zehn sogenannten Lernwörtern verteilte. Diese Worte mussten so lange schriftlich geübt werden, bis die Rechtschreibung saß. Nun rate mal jeder, wer heute keine Probleme mit Rechtschreibung hat."

Der Einfluss der (digitalen) Medien - Sind Handys und TV schuld?

Ein Reflex herrscht auch bei vielen SPIEGEL-ONLINE-Lesern vor:

Dieser Meinung schließt sich unter vielen anderen Andreas Mitterhofer auf Facebook an:

"Danke, liebe Eltern, dass man den Kindern schon in der Grundschule ein Smartphone, eine Spielekonsole und dazu noch ein Tablet zum Daddeln kauft, damit man sich mit den Blagen nicht selbst beschäftigen muss. Bücher bleiben auf der Strecke, genauso wie die Erziehung."

Nutzer "almeo" widerspricht im Forum entschieden:

"Das ist ein Vorurteil, welches schlicht falsch ist. Natürlich muss Mediennutzung kontrolliert geschehen, aber im Kern sorgen genau diese Medien (Fernsehen, PC, Handy) dafür, dass unsere Kinder bedeutend (!) intelligenter sind als Kinder aus der 'guten, alten Zeit'."

Und "chritian-h" ergänzt:

"Es kommt nicht auf das Medium an, sondern auf den Inhalt. Wissenssendungen für Kinder (z.B. 'Wissen macht Ah', 'Willi wills wissen'...) halte ich nicht für etwas Schlechtes, genau wie Spiele und Apps, bei denen Kinder etwas lernen können (Mathe-, Deutsch-, Naturwissenschafts-Apps)."

Lesen zu Hause - Die Verantwortung der Eltern

Sind also die Eltern schuld? Schließlich sind Vorbilder für Kinder wichtig, das ist auch beim Lesen so. Facebook-Nutzer Kevin Kaut kommentiert deshalb:

"Ich bin bis heute schockiert, wenn ich bei Familien zu Gast bin, in denen es kaum Bücher gibt. Mein Elternhaus gleicht eher einer Bibliothek, ich hielt es für normal, dass in Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer mindestens eine Wand vollständig durch Bücherregale belegt wird."

So einfach sei die Schlussfolgerung nicht, kritisiert hingegen Leserin "dolledern" im Forum:

"Es stört mich, dass von der Menge meiner Bücher auf das Bildungsniveau geschlossen wird. Bei meiner Tochter bekamen wir gerade einen Fragebogen. Nirgends wurde abgefragt, ob wir regelmäßig in die Leihbücherei gehen. Das tun wir. Es entsteht also nicht automatisch ein Verhältnis zwischen lesen können und der Menge der Bücher im Haus."

Soziale Schieflage - Ein Blick auf die Gesellschaft

In Deutschland gibt es keine Chancengleichheit, das belegen Bildungsstudien seit Jahren. Die Leistungen der Kinder hängen demnach stark von ihrem Elternhaus ab, ihrer Herkunft und ihrem Bildungsgrad. Auf diesen Umstand weisen auch die SPIEGEL-ONLINE-Leser hin.

Im Forum kommentiert "hugotheKing":

"Erkennt bitte, dass es hierzulande Menschen gibt, die trotz Jobs - ja manche Menschen müssen sogar mehrere Jobs annehmen - immer noch ganz schlecht über die Runden kommen. Wie sollen dann deren Kinder mit Büchern, Nachhilfeunterricht, Vereinsgebühren versorgt werden? Die soziale Schieflage in diesem Lande ist der Hauptgrund der Bildungsmisere."

Facebook-Nutzer Hans Braumann kommentiert:

"Wir haben halt das Problem, dass bildungsferne Familien ihre Kinder nicht hinreichend unterstützen können. Nur, die Gesellschaft kann es sich gar nicht leisten, das Potenzial, das auch Kinder aus bildungsfernen Bereichen nun einmal haben, nicht zu nutzen. Daher müssen Ganztagsangebote her, die helfen können, das Problem zu mindern. Und die Klassen müssen deutlich kleiner werden."

Viele Leser beschäftigt auch der Reformeifer der Politik, der in den unterschiedlichen Bundesländern ständig neue, offenbar nicht sonderlich durchdachte Maßnahmen hervorbringt. Nutzer "nemo" plädiert in diesem Zusammenhang für eine genaue Analyse des Problems, bevor weitere Schritte folgen.

"Offenbar darf jeder im Bildungsbereich eigene Theorien entwickeln, wie zu lehren und lernen ist, aber wirkliche wissenschaftliche Analyse fehlt. Obwohl es sich aufdrängen sollte, dass vor Behandeln des Problems die genaue Analyse kommen muss. Zu wenig Bildung bei den Ausbildenden?"

sun/mav

insgesamt 85 Beiträge
hausfeen 06.12.2017
1. Alles nicht verwunderlich.
Die Leseschwäche ist mittlerweile schon in der dritten Generation. wenn schon die junge Oma nur noch mit 2 Daumen kommuniziert, kann es auch in der Schule nix werden. Übermächtige Bildersprache in Werbung, Videos, Kino und [...]
Die Leseschwäche ist mittlerweile schon in der dritten Generation. wenn schon die junge Oma nur noch mit 2 Daumen kommuniziert, kann es auch in der Schule nix werden. Übermächtige Bildersprache in Werbung, Videos, Kino und überall ersetzt Schrift und Sprachempfinden. Wo erleben die Kinder noch Vorbildfunktionen? Zu Hause zwischen Lieferheld, Video- und Game-Time? Auf jeden Fall ein Wettbewerbsvorteil für Kinder aus Bildungsschichten, die in reformbedürftigen Gymnasien zur Elite heranreifen. Da würden nur umfängliche Förderprogramme helfen, statt Ganztagsschule eher nachmittägliche Förderstufe. Auch für die Eltern.
widower+2 06.12.2017
2. Anzahl der Bücher im Haushalt
Die Anzahl der Bücher im Haushalt ist tatsächlich ein eher vages Kriterium geworden. Ich bin seit 50 Jahren eine absolute Leseratte und habe tausende Bücher gelesen. Im Moment habe ich wohl nur noch knapp 100 im Haus. [...]
Die Anzahl der Bücher im Haushalt ist tatsächlich ein eher vages Kriterium geworden. Ich bin seit 50 Jahren eine absolute Leseratte und habe tausende Bücher gelesen. Im Moment habe ich wohl nur noch knapp 100 im Haus. Zumindest bei jedem Umzug (und auch dazwischen) wurden jeweils hunderte Bücher entsorgt, verkauft oder gespendet. Dazu kommen noch hunderte Bücher aus Leihbüchereien. Würde ich alle Bücher, die ich jemals gelesen habe, in meinem Haus lagern, könnte ich mich darin wohl nicht mehr bewegen. Hinzu kommt, dass das herkömmliche Buch teilweise (bei mir noch nicht) durch Kindle et. al. ersetzt werden und man auch im Internet durchaus interessanten Lesestoff finden kann.
skeptikerjörg 06.12.2017
3. Vorschlag
1. Ab dem 3., spätestens dem 4. Lebensjahr mal täglich für ne knappe Stunde den Fernseher aus, das Smartphone/Tablet beiseite legen, ein Buch schnappen und den Kindern vorlesen. 2. Und ab der zweiten Grundschulklasse alters- [...]
1. Ab dem 3., spätestens dem 4. Lebensjahr mal täglich für ne knappe Stunde den Fernseher aus, das Smartphone/Tablet beiseite legen, ein Buch schnappen und den Kindern vorlesen. 2. Und ab der zweiten Grundschulklasse alters- und kindgerechte Bücher beschaffen/ausleihen und sich vom Kind vorlesen lassen, konzentriert und aufmerksam zuhören, ggf. helfen und anschließend loben. 3. Ein für Eltern (alternativ Großeltern) und Kind wichtiges Ritual draus machen.
Atheist_Crusader 06.12.2017
4.
Richtig schreiben lernen war für mich nie ein Problem (zumindest der theoretische Teil, nicht die Sauklaue), weil ich sehr früh und viel zu lesen anfing. Wenn man die Worte oft genug (richtig) geschrieben sieht, dann lernt man [...]
Richtig schreiben lernen war für mich nie ein Problem (zumindest der theoretische Teil, nicht die Sauklaue), weil ich sehr früh und viel zu lesen anfing. Wenn man die Worte oft genug (richtig) geschrieben sieht, dann lernt man sie ganz einfach nebenbei. Probleme gab es damals erst mit der gerade eingeführten Rechtschreibreform, die dann die bekannten Regeln zum Teil kippte und Dinge die ich bisher so nebenbei gelernt hatte ungültig machte. Lesen ist die beste Art um Rechtschreibung zu lernen. Aber nicht als Schulaufgabe, sondern auf Eigeninitiative. Dazu müsste man aber Schüler dafür begeistern können - und das hieße z.B. auch etwas mehr Varianz zu bieten um die unterschiedlichen Geschmäcker anzusprechen. Ich persönlich habe jedes Buch gehasst das wir damals im Deutschunterricht durchgenommen hatten. Keines davon jünger als 20 Jahre, nie hatten wir ein Mitspracherecht bei der Auswahl. Das hat jenen die privat noch nicht gelesen haben wohl sehr das Lesen verleidet. Hätte ich dazugehört, wäre es bei mir wohl nicht anders gewesen. Dass Bücher großartige Unterhaltung bieten können (wenn man denn das richtige für sich findet) ist etwas das man gar nicht früh genug vermitteln kann. Tatsächlich. Studien haben ergeben, dass sich der schulische Erfolg eines Kindes zum Teil anhand der Frage prognostizieren lässt, ob im Elternhaus Bücher vorhanden sind. Wer Bücher erst in der Schule kennenlernt, wird sie immer damit in Verbindung bringen - und das ist für viele Kinder eine 1A Möglichkeit um jedes Interesse daran abzutöten.
075530 06.12.2017
5. Nicht verwunderlich
Es wird heute weder richtig deutsch gesprochen noch geschrieben obwohl die Wörter vorhanden sind. Die Schreiberlinge meinen sie müssen sich jeden Tag neu erfinden. Der so überstolze Duden nimmt das auch noch auf. Die heutige [...]
Es wird heute weder richtig deutsch gesprochen noch geschrieben obwohl die Wörter vorhanden sind. Die Schreiberlinge meinen sie müssen sich jeden Tag neu erfinden. Der so überstolze Duden nimmt das auch noch auf. Die heutige deutsche Sprache ist gesprochen und geschrieben verhunzt. Fehlt hier nur noch die Anmerkung "open alle comments".
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