Leben und Lernen

Ganz harte Schule

190 Euro Zeugnisgeld?

Es ist die Zeit der Halbjahreszeugnisse. Die sind wichtig - doch für viele Schüler nicht wegen der Noten, musste auch Armin Himmelrath feststellen.

DPA
Samstag, 03.02.2018   18:41 Uhr

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene

"Willst du mich zum Außenseiter machen?", begrüßt mich mein Sohn mit tadelndem Unterton, als er an den Frühstückstisch kommt, "zum Loser ohne Freunde? Zum Paria der Jahrgangsstufe?"

"Guten Morgen erst mal", sage ich und versuche, ihn zu ignorieren. Das ist ganz schön schwer, denn er plappert einfach weiter.

"Es ist dir wahrscheinlich egal, dass ich eine Existenz am Rande, abseits meiner Mitschüler führen werde", raunt er und hebt den Zeigefinger: "Die meisten Eltern in Deutschland belohnen ihre Kinder fürs Zeugnis! Ausflug, Geld oder ein anderes Geschenk sind absoluter Standard - hat Forsa repräsentativ herausgefunden."

"Na und?", frage ich. Er, mit gespieltem Selbstmitleid: "Wir haben nie, wirklich nie etwas bekommen. Kein Zeugnisgeld, niemals. Keine Belohnung. Keine Anerkennung."

Das ist natürlich völliger Quatsch, und das sage ich ihm auch: "Es stimmt, Geld gab es nicht. Aber wir waren mal im Zoo, wir waren öfter Eis essen, und von deiner Oma gab und gibt es auch jedes Jahr zweimal ein bisschen Zeugnisgeld..."

20 Euro für eine Eins

"Oma gilt nicht. Das waren immer nur fünf oder zehn Euro, und die hätte es auch bei einem schlechten Zeugnis gegeben." Da hat er recht, denke ich und verpasse fast seinen Anschluss: "Das erzeugt doch keine Motivation, wenn man das Geld auf jeden Fall bekommt. Ich schlage stattdessen vor: 20 Euro für eine Eins, zehn für eine Zwei. Komm, gib dir einen Ruck, das ist schließlich mein allerletztes Halbjahreszeugnis vor dem Abitur."

Und ausgerechnet da soll ich meine Prinzipien umschmeißen? Nein, keine Chance. Trotzdem frage ich: "Hast du denn schon mal überschlagen, wie viel..."

"190", sagt er.

Ich schüttele den Kopf.

"Hatte ich auch gar nicht erwartet", sagt er und gibt sich überraschend schnell geschlagen - scheinbar: "Aber wir müssen mal über etwas anderes reden. Du machst doch aus diesem Gespräch garantiert wieder so eine SPIEGEL-ONLINE-Geschichte. Müsste ich da nicht eigentlich die Hälfte des Honorars bekommen?" Er grinst frech.

"Erst mal", doziere ich, "erst mal musst du dein über Jahre angehäuftes Minus bei mir ausgleichen. 18 Jahre lang habe ich dich aufgezogen, Zeit und Essen und alles mögliche zur Verfügung gestellt. Bis zur Volljährigkeit kommt da eine halbe bis eine Million Euro zusammen. Du stehst tief in meiner Schuld!"

Er winkt lässig ab. "Deine Pflicht", sagt er nur, "du kommst doch eh nur deiner Pflicht nach. Sieht man auch an einer anderen Statistik."

Ich schaue fragend.

"Na ja, wie viel Zeit Väter mit ihren Kindern verbringen. Im Schnitt 31 Minuten am Tag. Da bist du ja weit von entfernt."

"Hast du denn auch bedacht, dass von, sagen wir: vier Stunden wacher Zeit, die ich zu Hause bin, du mindestens drei Stunden und 45 Minuten in deinem Zimmer hockst und auf Tauchstation gehst?", halte ich dagegen.

Quatsch!

"Zählt nicht", sagt er.

"Zählt nicht?", rufe ich empört, "dann zählt auch die Zeit beim Frühstück nicht? Und dass ich dir seit Jahren jeden Morgen deinen Tee eingieße? Mit der Milch zuerst, wie du das magst?"

"Das machst du ja nur, weil ich dich so konditioniert habe", sagt er trocken. "War übrigens gar nicht so schwer. Einfach nur ein paar Mal die Tasse hinhalten, fertig."

Wahrscheinlich sehe ich in diesem Moment ziemlich dämlich aus. "Du willst mich doch nur demütigen", murmele ich.

Er schüttelt ein bisschen zu resolut den Kopf. "Um dich mal zu zitieren: Quatsch!", sagt er. Und hält mir seine Tasse hin.

Aber Geld fürs Zeugnis bekommt er nicht. Dieses Mal hab' ich gewonnen.

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insgesamt 40 Beiträge
biber01 03.02.2018
1. 190,-?
Kann kein schlechtes Zeugnis sein;-)
Kann kein schlechtes Zeugnis sein;-)
wetzer123 03.02.2018
2. Zeugnisgeld
gibts bei uns auch nicht. Gerade so eine Nummer mit starrer Verbindung zu Noten ist doof. Der eine bekommt lauter 1en und 2en ohne einen Finger zu krümmen, der andere hat sich den Hintern aufgerissen für eine 3, soll man [...]
gibts bei uns auch nicht. Gerade so eine Nummer mit starrer Verbindung zu Noten ist doof. Der eine bekommt lauter 1en und 2en ohne einen Finger zu krümmen, der andere hat sich den Hintern aufgerissen für eine 3, soll man ersterem jetzt noch Geld hinterherwerfen...
MisterD 03.02.2018
3. Der völlig falsche Weg...
seine Kinder mit Geld zu guten Noten motivieren zu wollen. Insbesondere ein Abiturient sollte begriffen haben, dass gute Noten der Schlüssel zum Wunschstudium oder zur Wunschausbildung sind. Später im Leben wird Cheffe auch [...]
seine Kinder mit Geld zu guten Noten motivieren zu wollen. Insbesondere ein Abiturient sollte begriffen haben, dass gute Noten der Schlüssel zum Wunschstudium oder zur Wunschausbildung sind. Später im Leben wird Cheffe auch nicht 300 EUR springen lassen, wenn ein Projekt gut läuft, das wird schlicht erwartet... diese Bestechung seiner Kinder mit Geld für dies und das ist ganz, ganz schlimm.... wer sowas von kleinauf lernt, wird später bitter auf die Nase fallen...
1+1=3 03.02.2018
4. Geld bei guten Noten? Never ever ...
Als Vollzeitberufstätige und Alleinerziehende sagte ich meinem Sohn, als er mit 10 in Berlin aufs Gymnasium wechselte: "Ich habe meinen Job und den mache ich, so gut ich kann. Die Schule ist dein Job und ich bin sicher, den [...]
Als Vollzeitberufstätige und Alleinerziehende sagte ich meinem Sohn, als er mit 10 in Berlin aufs Gymnasium wechselte: "Ich habe meinen Job und den mache ich, so gut ich kann. Die Schule ist dein Job und ich bin sicher, den machst du auch so gut du kannst". Er war - wie er mir später mal sagte - stolz, auch einen "Job" zu haben und er hat ihn tatsächlich sehr gut gemacht. Statt Zeugnisgeld gab es gemeinsame Unternehmungen, z.B. 2 Tage im Deutsches Museum in München, nur unterbrochen durch Essen und Schlafen.
supergrobi123 03.02.2018
5. Wirklich?
Also ich hatte als Abiturient noch überhaupt keinen Schimmer, was ich nach der Schule machen wollte, war daher mehr oder weniger froh, dass erstmal Zivildienst anstand. Sowas wie ein "Wunschstudium" oder eine [...]
Zitat von MisterDseine Kinder mit Geld zu guten Noten motivieren zu wollen. Insbesondere ein Abiturient sollte begriffen haben, dass gute Noten der Schlüssel zum Wunschstudium oder zur Wunschausbildung sind. Später im Leben wird Cheffe auch nicht 300 EUR springen lassen, wenn ein Projekt gut läuft, das wird schlicht erwartet... diese Bestechung seiner Kinder mit Geld für dies und das ist ganz, ganz schlimm.... wer sowas von kleinauf lernt, wird später bitter auf die Nase fallen...
Also ich hatte als Abiturient noch überhaupt keinen Schimmer, was ich nach der Schule machen wollte, war daher mehr oder weniger froh, dass erstmal Zivildienst anstand. Sowas wie ein "Wunschstudium" oder eine "Wunschausbildung" hatte ich nicht. Seit Jahrhunderten versuchen Erwachsene ihren Nachwuchs mit Sprüchen wie "du lernst fürs Leben, nicht für die Schule" auf den rechten Pfad zu bringen. Funktioniert hat das noch nie! Auch nicht bei Abiturienten. Und übrigens lässt "Cheffe" sehr wohl in vielen Branchen leistungsabhängige Bonuszahlungen springen, bzw. macht die Höhe der nächsten Gehaltserhöhung oder die Berücksichtigung für den nächstbesten Posten von den Leistungen des Arbeitnehmers abhängig. Oder andersherum macht gute Leistung den Unterschied, wer betriebsbedingt gekündigt wird und wer nicht! Genau genommen ist das Credo "Geld gegen Leistung" exakt das, womit wir nach der Schule einen Großteil unserer Zeit verbringen. Warum sollte jemand, der sowas von Kleinauf lernt, "später bitter auf die Nase fallen"?

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