Leben und Lernen

Angeblich sexistisch

Neue Heimat für umstrittenes Gomringer-Gedicht

Von Berlin nach Oberfranken: An der Fassade einer Berliner Uni wird das umstrittene Gedicht "Avenidas" übermalt - nun kündigte die Heimatstadt des Dichters an, es an einer Museumsfassade anzubringen.

David von Becker/Alice Salomon Hochschule Berlin

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin

Donnerstag, 01.02.2018   12:52 Uhr

Selten hat ein Jahrzehnte altes Gedicht so viel Aufsehen erregt. Seit mehr als sechs Jahren steht "Avenidas" bereits an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Es besteht aus 20 aneinandergereihten Worten und erzählt von einer Szene auf den Ramblas in Barcelona, die der Dichter Eugen Gomringer in den Fünfzigerjahren beobachtet hat. Sie lauten übersetzt so: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Weil das Studierendenparlament (StuPa) und der Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) das Gedicht als sexistisch bezeichnet hatten, entschloss sich die Hochschule dazu, es durch ein anderes Gedicht zu ersetzen. Nun hat sich die Heimatstadt des Poeten in die Debatte eingemischt. Der Rat der oberfränkischen Stadt Stadt Rehau im Landkreis Hof kündigte an, "Avenidas" an die Fassade des städtischen Museums schreiben zu lassen, wie BR 24 berichtet. "Die Entscheidung fiel mit großer Mehrheit", sagte der Erste Bürgermeister Michael Abraham (CSU) auch dem "Tagesspiegel".

Der Dichter Eugen Gomringer, Sohn eines Schweizers und einer Bolivianerin, lebt seit Jahrzehnten in Rehau. Im Jahr 2000 gründete er das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie (IKKP) in der Stadt. Aus diesem Grund fühlen sich die Rehauer Kommunalpolitiker ihm gegenüber verpflichtet, wie die Zeitung weiter berichtet. Außerdem soll es eine Tafel geben, auf der die Debatte um das Gedicht erklärt wird.

Der 93 Jahre alte Gomringer hatte die geplante Übermalung seines Gedichts scharf kritisiert: "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie." Es gehe den Verantwortlichen um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen Political Correctness.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte die Entfernung des Gedichts ebenfalls scharf gerügt. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei."

Auch andere Städte, etwa Bielefeld und Schaffhausen in der Schweiz, haben angekündigt, das Gedicht an Häuserfassaden anbringen zu lassen.

kha

insgesamt 108 Beiträge
neuss66 01.02.2018
1. Großartig!
Genau diese Reaktion habe ich mir als Antwort auf die Entfernung des Gedichtes gewünscht. Ein klares Zeichen für die Kunstfreiheit und gegen eine engstirnige Gesellschaft! Ich hoffe das Gedicht nunmehr an zahlreichen Wänden zu [...]
Genau diese Reaktion habe ich mir als Antwort auf die Entfernung des Gedichtes gewünscht. Ein klares Zeichen für die Kunstfreiheit und gegen eine engstirnige Gesellschaft! Ich hoffe das Gedicht nunmehr an zahlreichen Wänden zu sehen. Als Mahnmal gegen eine völlig überzogene und fehlgeleitete, - ja geradezu kafkaeske -, Political Correctness.
im_ernst_56 01.02.2018
2.
Im Ergebnis macht sich die Alice Salomon Hochschule mit ihrer Aktion nur selber lächerlich. Und sie zeigt anschaulich, zu welchen extremen Reaktionen eine völlig überzogene Politische Korrektheit fähig ist.
Im Ergebnis macht sich die Alice Salomon Hochschule mit ihrer Aktion nur selber lächerlich. Und sie zeigt anschaulich, zu welchen extremen Reaktionen eine völlig überzogene Politische Korrektheit fähig ist.
dievo 01.02.2018
3. Von der Hauptstadt in die Provinz
Dass das Gedicht nun von der Hauptstadt Berlin in dei tiefste Provinz wandert, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Man sollte das auch mit der übrigen Kultur in Berlin machen. Wie das Ganze zeigt, ist Berlin immer noch eine Art [...]
Dass das Gedicht nun von der Hauptstadt Berlin in dei tiefste Provinz wandert, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Man sollte das auch mit der übrigen Kultur in Berlin machen. Wie das Ganze zeigt, ist Berlin immer noch eine Art Insel und man sollte die Bewohner kulturell sich selbst überlassen.
hoppelkaktus 01.02.2018
4. Viel mehr als nur ein kleines Stück Kunst auf der Flucht
Wenn kleine, aber laute und angriffslustige Minderheiten der übergroßen Mehrheit in einem Gemeinwesen erfolgreich diktieren können, welche kulturellen oder sonstigen Lebensäußerungen als politisch korrekt durchgehen und somit [...]
Wenn kleine, aber laute und angriffslustige Minderheiten der übergroßen Mehrheit in einem Gemeinwesen erfolgreich diktieren können, welche kulturellen oder sonstigen Lebensäußerungen als politisch korrekt durchgehen und somit wünschenswert und erlaubt sind, und was aber dagegen nicht erlaubt und wünschenswert, weil politisch unkorrekt sei: Dann hat eine Gesellschaft ihre Reifeprüfung in Sachen geistige Vielfalt, Freisinnigkeit und lebendige Demokratie ja sowas von (mit Verlaub) perfekt in die Sch***e gesetzt. Da gibt es für viele eine Menge Grundlegendes noch einmal neu zu lernen, damit sie es auch wirklich von den nährenden Wurzeln der Freiheit her begreifen; und vielleicht auch am Ende kapieren, dass erhaltenswerte zivilisatorische Errungenschaften sich meist nicht per Naturgesetz selbst zu erhalten vermögen, sondern in haarigen Zeiten auch mal aktiv gegen gefährdente Attacken unterschiedlichster Art v e r d e i d i g t gehören. Ach, Mensch.
BleibGesund 01.02.2018
5. Ich hoffe es geht vorbei
Diese Welle vom Sexismus geht jetzt schon an die Grenze der Peinlichkeit. Auf einer Seite handelt es sich um Kunst-Zensur und auf einer anderen Seite finde ich das Gedicht absolut harmlos. Der Autor ist ein Bewunderer von [...]
Diese Welle vom Sexismus geht jetzt schon an die Grenze der Peinlichkeit. Auf einer Seite handelt es sich um Kunst-Zensur und auf einer anderen Seite finde ich das Gedicht absolut harmlos. Der Autor ist ein Bewunderer von Schönheit, wie kann man das zensieren? Schade, schade!

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