Leben und Lernen

Bachelorprüfung im Rollstuhl

Sophie tanzt. Und tanzt. Und tanzt.

Eine Tanzstudentin sitzt nach schwerer Erkrankung im Rollstuhl. Doch aufzugeben kommt für Sophie Hauenherm nicht in Frage. Jetzt hat die 18-Jährige ihre Bachelorprüfung abgelegt.

DPA
Donnerstag, 28.06.2018   13:51 Uhr

Dem bewegenden Auftritt folgt ein Moment der Stille. Dann gibt es Standing Ovations. Als sich Sophie Hauenherm, 18, bei ihrer Bachelorprüfung an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden verbeugt, muss sie dabei sitzen bleiben - im Rollstuhl. Das Publikum ist wie gebannt, manche haben Tränen in den Augen.

Denn Sophies Tanz auf einem Stuhl und am Boden ist das ganze Gegenteil von dem, was man einem Menschen in einer solchen Lage zutrauen würde. Was ihre Beine nicht mehr können, macht der Rest des Körpers nun umso intensiver. Ihr Tanz gleicht einer Explosion an Stärke und Kraft. Und er ist die Botschaft einer jungen Frau, die sagt: "Gebt niemals auf und verliert den Mut!"

Am Morgen nach der Prüfung spricht sie von einem "unglaublichen Abend". Für Tänzer sei es emotional aufwühlend, eigene Choreografien vor Publikum zu zeigen, sagt sie: "Das ist, als würde man sich nackt auf die Bühne stellen. Man gibt die privatesten Gedanken und Gefühle frei und teilt sie mit den Leuten." Sie selbst hat ihre Gefühlswelt der letzten Monate auf der Bühne gezeigt. Es ist ein Abschluss, aber auch ein Neubeginn.

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Bachelorprüfung im Rollstuhl: Sophie tanzt. Und tanzt. Und tanzt.

Sophie stammt aus Leipzig und studiert seit 2012 an Deutschlands einziger eigenständiger Tanzhochschule. Im Dezember 2017 war sie das letzte Mal im Palucca Tanzstudio aufgetreten, damals schon mit starken Rückenschmerzen. Die Ärzte vermuteten muskuläre Verspannungen. Sophie ließ sich selbst ins Krankenhaus einweisen.

In die Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT) kam sie erst, als sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Ein Abszess war immer größer geworden und hatte die Nerven abgequetscht. Seither ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt. Sophie spricht von einer inkompletten Querschnittlähmung, weil die Nerven nicht komplett durchtrennt sind: "Das ist mein Glück."

Fünf Monate lag sie im Krankenhaus, seit Mai macht sie eine Reha. Ihr Tag ist nun gefüllt mit Krankengymnastik, Stromtherapie, Sport, Alltagstraining, Gangschule, Wassergymnastik, Massage und Luftsprudelbad.

"Das war ein Schock"

Die Ärzte wissen noch nicht, ob, wann und wie viele Funktionen ihres gelähmten Körpers wiederkommen. Inzwischen könne sie auf Unterarmstützen schon bis zu 200 Meter laufen, sagt Sophie. "Die Zukunft bleibt offen. Jetzt konzentriere ich mich erstmal auf die Ziele, die ich Schritt für Schritt erreichen kann."

Ihr Schicksal von Sophie hat ihren Kommilitonen zugesetzt. "Das war ein Schock", erinnert sich Leon Damm: "Ich wusste, dass sie starke Schmerzen hatte und auch mit sehr starken Schmerzen noch getanzt hat." Als die Nachricht kam, dass sie nun gelähmt im Krankenhaus liege, habe er das trotzdem nicht glauben wollen.

Gemeinsam mit einem anderen Studenten hat Leon Sophie in einer Spezialklinik im thüringischen Bad Berka besucht. Traurig ging es dort nicht zu. Gemeinsam haben sie Tanzvideos mit dem Handy gedreht. Das hatte Sophie auch zuvor schon getan - sehr zur Verwunderung der Putzfrau im Krankenhaus.

"Ich ziehe das durch"

"Die Erfahrungen aus dem Studium haben mir geholfen, die Erkrankung zu bewältigen", sagt Sophie rückblickend und verweist auf "Palucca-Tugenden" wie Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und eiserner Wille. "Ich bin vom Typ her nicht jemand, der sich hängen lässt und den Kopf in den Sand steckt. Ich habe mir aber immer gesagt: Ich schaffe das, ziehe das durch, mache jede Therapie mit, alles was ich kann."

Ted Meier, Dozent an der Hochschule, zieht vor seiner Schülerin den Hut. Bei den Proben für die Prüfung habe er oft mit ihr gescherzt. "Sophie ist eine echte Durchbeißerin", sagt er. Sie selbst stimmt zu: "Das bin ich, voller Energie und Ehrgeiz - und genau das war ich schon immer. Ich zeige nur meinen aktuellen Zustand und auch den Weg, auf dem ich bin."

In einem Jahr werde sie schon ganz anders auf der Bühne zu sehen sein, ist sich die Tänzerin sicher: "Es ist immer noch das schönste Gefühl der Welt, auf der Bühne zu stehen."

Jörg Schurig/dpa/him

insgesamt 3 Beiträge
strixaluco 28.06.2018
1. Bewundernswert - aber wo waren die Lehrer???
Ich finde es sehr bewundernswert, wie sich Sophie zurückgekämpft hat. Erschreckend finde ich aber, dass an einer Tanzhochschule niemand verhindert, dass jemand mit starken Schmerzen weitermacht - wäre sie früher behandelt [...]
Ich finde es sehr bewundernswert, wie sich Sophie zurückgekämpft hat. Erschreckend finde ich aber, dass an einer Tanzhochschule niemand verhindert, dass jemand mit starken Schmerzen weitermacht - wäre sie früher behandelt worden, hätte das vielleicht größere Schäden verhindert. Tanzen ist Hochleistungssport, das wissen Leute, die das machen eigentlich; wenn man so etwas Jugendlichen - Minderjährigen! - schon zumutet, die es absehbar ohnehin nur ein paar Jahre praktizieren können, würde man sich doch wünschen, dass damit wirklich verantwortungsvoll umgegangen wird.
yifter 28.06.2018
2. immer wieder Ärztepfusch
@1 die Lehrer bzw. Dozenten sind imho unschuldig, schuldig sind die inkompetenten Ärzte. Wie immer: ins MRT erst wenn es eigentlich schon zu spät ist. Eventuell sollten wir tatsächlich mal solch ein Schadenersatz möglich [...]
@1 die Lehrer bzw. Dozenten sind imho unschuldig, schuldig sind die inkompetenten Ärzte. Wie immer: ins MRT erst wenn es eigentlich schon zu spät ist. Eventuell sollten wir tatsächlich mal solch ein Schadenersatz möglich machen wie in den USA, da würden sich die Ärzte solchen Pfusch nicht erlauben.
le.toubib 28.06.2018
3. Was schwatzen Sie denn da?
Laut Artikel kam die Patientin sehr schnell nach dem Erstkontakt mit Ärzten ins MR. Wer bitteschön pfuschte also? Zudem sind ihre Chancen, wieder ein normales Leben führen zu können, ziemlich gut. Glauben Sie es oder [...]
Zitat von yifter@1 die Lehrer bzw. Dozenten sind imho unschuldig, schuldig sind die inkompetenten Ärzte. Wie immer: ins MRT erst wenn es eigentlich schon zu spät ist. Eventuell sollten wir tatsächlich mal solch ein Schadenersatz möglich machen wie in den USA, da würden sich die Ärzte solchen Pfusch nicht erlauben.
Laut Artikel kam die Patientin sehr schnell nach dem Erstkontakt mit Ärzten ins MR. Wer bitteschön pfuschte also? Zudem sind ihre Chancen, wieder ein normales Leben führen zu können, ziemlich gut. Glauben Sie es oder auch nicht, selbst im MR sieht der erfahrenste Radio.-Diagnostiker nur Dinge, die man im MR auch sehen kann - sprich, man sieht erst etwas, wenn es auch etwas zu sehen gibt. Übrigens hatte meine verstorbene Frau zwei Lebermetastasen, die man weder im CT noch im MR sehen konnte, sondern lediglich im Ultraschall! Der Chefarzt der Onkologie und ich sassen eine gute Stunde vor den Photos, in der Hoffnung, wenigstens *etwas* erkennen zu können, aber wir sahen - *nichts* ...

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