Leben und Lernen

Juden und Araber an der Universität Jerusalem

Sie sind Kommilitonen. Können sie auch Freunde sein?

Die Universität ist einer der wenigen Orte Jerusalems, wo Juden und Araber in Kontakt kommen. Hier sprechen sie miteinander über Vorurteile, falsche Freundlichkeit - und was wichtiger ist als gemeinsames Lernen.

SPIEGEL ONLINE
Aus Jerusalem berichtet
Mittwoch, 07.02.2018   06:18 Uhr

Der Blick über Jerusalem ist spektakulär. Die Hebräische Universität thront hoch oben über der umkämpften Stadt auf dem Skopusberg. 20.000 überwiegend jüdische Studierende sind hier immatrikuliert. Es gibt aber auch rund 2600 arabische Studenten mit israelischem Pass auf dem Campus - und eine steigende Anzahl von Palästinensern aus Ostjerusalem, die sich mit einem Abschluss von der Hebräischen Universität die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen.

Dass Juden und Muslime hier gemeinsam lernen, ist keine Selbstverständlichkeit: Im Jerusalemer Alltag ignorieren sich beide Seiten oft weitgehend. "Die Universität ist der erste und oft auch der letzte Ort, wo Juden und Araber aus Jerusalem in ihrem Leben miteinander tatsächlich interagieren", sagt Rektor Barak Medina.

Und die Studierenden? SPIEGEL ONLINE hat fünf von ihnen zu einer Diskussionsrunde gebeten - es geht um den Einfluss von Weltpolitik auf dem Campus, falsche Freundlichkeit und Ängste auf dem Heimweg.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die Universität ein unpolitischer Ort sein, damit das gemeinsame Lernen an einem so umstrittenen Ort wie Jerusalem klappt?

Sapir Paz: Ich möchte keine Universität, an der man seine Meinung nicht sagen kann. Seit es mehr Palästinenser aus Ostjerusalem auf dem Campus gibt, gibt es auch öfter mal Demos, wo sie ihre Flagge hochhalten. Ich sehe darin kein Problem.

Saja Kabha: Das ist schon ein Problem! Gerade hier in Jerusalem und gerade hier an der Universität sollte überhaupt kein Platz für Politik sein. Vor ein paar Wochen erst gab es wegen palästinensischer Flaggen hier auf dem Campus eine Schlägerei, jüdische Studenten fühlten sich provoziert. Ich als Muslima sage: Die Palästinenser sollten ihre Flaggen daheim lassen!

Sapir Paz: Ach echt, dich stört das so? Warum?

Saja Kabha: Seien wir doch nicht so naiv. Unsere Universität liegt in Jerusalem, eine der am härtesten umkämpften Städte der Welt. Da kann man nicht noch Öl ins Feuer gießen.

Sapir Paz: Ich find's immer noch okay.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Wochen hat US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt, unter Protesten der Palästinenser. Inwiefern beeinflusst die aktuelle politische Lage Jerusalems auch die Stimmung auf dem Campus?

John Bader: Meine Beobachtung: Beide Seiten tun immer gerne so, als sei alles okay - gerade, wenn etwas Großes passiert. Die Trump-Entscheidung hat hier aber keine große Aufregung ausgelöst.

Etai Hanan: Du meinst also, dass jede Freundschaft zwischen den Seiten nur gespielt ist, weil es im Hintergrund einen ungelösten Konflikt gibt?

John Bader: Nein, ich geb' dir mal ein Beispiel für das, was ich meine: Ich wohne in der Altstadt von Jerusalem, habe keinen israelischen Pass und verstehe mich, auch als arabischer Christ, als Palästinenser. Ich hatte schon öfter nette Gespräche mit Kommilitonen - und dann logge ich mich später bei Facebook ein und lese, wie diese Leute in ihren Kommentaren Palästinenser beleidigen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es Dir lieber, wenn diese Kommilitonen ihre Abneigung direkt zeigen würden?

John Bader: Nee. Ich finde das gar nicht so schlimm. Manchmal spielen wir uns eben was vor. Ich mache da auch mit.

Sapir Paz: Hass kommt aber von beiden Seiten. Ich denke mir bei palästinensischen Bekannten von der Uni auch oft: Warum sprichst du im Seminar überhaupt mit mir, wenn ich dann nachher auf Facebook lese, dass du findest, alle Juden sollen verschwinden?

John Bader: Meine Theorie: Manchmal ist es leichter, Freunde zu werden als einander zu hassen und dann an der Uni ständig einen Konflikt zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau unterscheidet sich die Uni vom Rest Jerusalems?

Saja Kabha: Ich hatte einen totalen Kulturschock, als ich fürs Studium nach Jerusalem gezogen bin. Ich komme aus einem arabischen Dorf und hatte vorher kaum Kontakt zur jüdischen Bevölkerung. Im Zentrum schauen mich die Leute komisch an mit meinem Hijab. Die Uni ist für mich ein sicherer Ort. Hier kann ich alles vergessen, was draußen in der Stadt vor sich geht, und lernen und lesen.

Tal Gelbart: Ich wohne im Stadtzentrum, aber ich habe dort das Gefühl, dass ich hauptsächlich von Menschen umgeben bin, die sind wie ich. Hier auf dem Campus gibt es alles: Drusen, Muslime, Christen und natürlich Juden.

Etai Hanan: Ich wohne auch im Stadtzentrum und man kann doch dort kaum die Straße überqueren, ohne als jüdischer Einwohner einer Frau mit Hijab oder einem Ultraorthodoxen über den Weg zu laufen.

Tal Gelbart: Klar läuft man in Jerusalem aneinander vorbei. Aber das war es dann auch. Hier auf dem Campus erlebe ich eine echte Interaktion. Ich studiere Jura und wir halten Scheinprozesse mit verteilten Rollen ab. Da lernt man sich wirklich kennen.

Sapir Paz: Tal spricht den entscheidenden Unterschied an. Ich habe schon als Kind an jüdisch-muslimischen Austauschprogrammen teilgenommen. Aber an der Universität ist es nochmal was ganz anderes. Zum ersten Mal sind die Muslime nicht nur Leute, die irgendwie wie ich auch Frieden wollen und deshalb zu einer Konferenz kommen. Sondern wir sind absolut ebenbürtig. Wir lernen für die gleichen Prüfungen, wir leihen die gleichen Bücher in der Bibliothek aus.

SPIEGEL ONLINE: Und, habt ihr an der Uni tatsächlich neue Freundschaften mit der jeweils anderen Seite geschlossen oder ist es trotzdem kompliziert?

John Bader: Ja, viele.

Saja Kabha: Es ist verdammt schwer für mich als arabische Studentin, auf meine jüdischen Kommilitonen zuzugehen. Die waren alle vor der Uni drei Jahre in der Armee und sind viel älter als ich, haben viel mehr Erfahrung.

Arabische Studenten an der Jerusalemer Universität

Rund 13 Prozent der 20.000 Studierenden an der Hebräischen Universität sind israelische Araber. Das heißt, dass sie einen israelischen Pass haben. Palästinenser aus dem nahen, abgegrenzten Westjordanland studieren nicht an der Uni auf dem Skopusberg. Eine Sonderrolle nehmen die Palästinenser im arabischen Ostteil Jerusalems ein: Sie haben zwar keinen israelischen Pass, können sich aber dank blauer ID-Karten in Israel als "ständige Einwohner" bewegen.

Die Universität bemüht sich laut Rektor Barak Medina, die Zahl arabischer Studierender zu steigern. Die Uni erkennt deshalb seit Kurzem das arabische Abitur an und bietet außerdem Hebräischkurse an, die dem Studium vorgeschaltet sind. Denn die Studierenden aus Ostjerusalem sprechen in der Schule Arabisch.

Tal Gelbart: Es ist vor allem schwer, die erste Hemmschwelle zu überwinden. Die Universität könnte da noch mehr helfen.

Saja Kabha: Ach ja, wie denn?

Tal Gelbart: Die Uni sollte darauf achten, dass es jüdisch-muslimische Teams in den Seminaren gibt.

Etai Hanan: Ich habe muslimische Freunde, aber alle Vorurteile nimmt das nicht. Wenn es gerade wieder einen Anschlag in der Stadt gab und neben mir in der Straßenbahn sitzt eine Frau im Hijab und kramt in ihrer Tasche, denke ich: 'Etai, pass auf, wo die Frau ihre Hände hat.' Ich schäme mich für solche Gedanken.

Saja Kabha: Musst du nicht. Ich habe auch Angst. Nach Anschlägen meide ich das Zentrum komplett.

SPIEGEL ONLINE: Was glaubt ihr, wie es nach der Universität weitergehen wird mit euren jüdisch-arabischen Kontakten?

Tal Gelbart: Es ist total traurig, aber ich glaube, das verläuft sich. Wir studieren zwar zusammen, aber das, was Freundschaften ausmacht, passiert nach der Uni. Wir jüdischen und muslimischen Studenten verbringen einfach nicht genug Freizeit miteinander, wir gehen nicht gemeinsam aus. Solche Erlebnisse bräuchte es aber viel mehr, damit wir uns dauerhaft verbunden fühlen. Jeder wird sich wieder in seine alte Umgebung mit den alten Vorurteilen zurückziehen - und der Konflikt geht weiter.

John Bader: Hmm, jetzt, wo du es sagst, fällt mir auf: Ich spreche mit meinen jüdischen Freunden auch nur über die Uni, nie über Privates... Ich hoffe aber trotzdem sehr, dass ich die Freundschaften aufrechterhalten kann.

Sapir Paz: An dem, was Tal sagt, ist schon was dran: Es kommt auf die persönlichen Kontakte an, auch nach den Seminaren.

Saja Kabha: Ich bin auf Hebräisch einfach nicht ganz so witzig und schlagfertig wie die Saja, die Arabisch spricht. Das Gefühl ärgert mich selber, vielleicht ändert es sich noch. Aber deshalb denke ich mir manchmal, dass mir bei diesen multikulturellen Freundschaften auf Dauer doch etwas fehlt.

Etai Hanan: Ich bin optimistisch und hoffe, dass ich selber zum Wandel in unserer Gesellschaft beitragen kann. Deshalb studiere ich auch Erziehungswissenschaften. Die jungen Menschen können echt etwas verändern.

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