Leben und Lernen

Nach Mobbingvorwürfen

Max-Planck-Direktorin muss Posten räumen

Junge Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben der Direktorin Tania Singer schweres Mobbing vorgeworfen. Nun muss die renommierte Wissenschaftlerin gehen.

Max-Planck-Instituts

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

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Mittwoch, 05.12.2018   10:51 Uhr

Tania Singer hat ihre wissenschaftliche Laufbahn vor allem einem Thema gewidmet: dem Mitgefühl. Mit ihrer Forschung hat sie es bis an die Spitze des renommierten Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig geschafft. Dort wurde sie vor acht Jahren zur Direktorin gewählt.

Allerdings soll sie laut ihrer Mitarbeiter alles andere als Mitgefühl besitzen. Viele von ihnen hatten dem SPIEGEL im vergangenen Sommer berichtet, wie Singer sie über Monate und Jahre hinweg gemobbt hat. Die Nachwuchswissenschaftler hatten Singer vorgeworfen, Schwangere diskriminiert, Mitarbeiter persönlich angegriffen und mehrfach über Kollegen gelästert haben. "Es herrschte eine Atmosphäre der Angst", sagte ein ehemaliger Postdoc.

Nach der Berichterstattung durch "Buzzfeed", "Science" sowie dem SPIEGEL setzte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Martin Stratmann, im September eine Kommission ein, um die Vorwürfe zu klären. "Diese hat im November 2018 einen Bericht vorgelegt, der erhebliches Führungsfehlverhalten bestätigt", teilt die Pressestelle der MPG nun mit.

Gesichtswahrende Lösung nach "Führungsfehlverhalten"

"Um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, haben die Max-Planck-Gesellschaft und Frau Singer daraufhin vereinbart, dass Frau Singer ihre Leitungsfunktion als Direktorin von sich aus niederlegt", heißt es weiter in der Pressemitteilung.

Singer wird allerdings weiter als Wissenschaftlerin arbeiten können - ohne Leitungsfunktion und außerhalb des Leipziger Instituts in "kleinem Rahmen". Weitere Details dazu gibt die MPG allerdings nicht bekannt. Unklar ist also, ob Singer selbst einen Supervisor oder ein Training erhält, unklar ist auch, ob sie wieder Doktoranden oder Postdocs betreuen wird. "Ich werde dazu nicht mehr sagen können, weil darüber hinaus Stillschweigen in der Sache vereinbart wurde", sagte die Pressesprecherin des MPG, Christina Beck, dem SPIEGEL.

Aus Institutskreisen heißt es, es sei ein großer Schritt für die MPG, dass überhaupt etwas passiert sei. Nun, da sie nicht mehr Direktorin sei, wäre es einfacher, ihr zu kündigen, falls sie sich noch mal falsch verhalte.

Die Max-Planck-Gesellschaft

Sie ist eine der renommiertesten Forschungsorganisationen der Welt. Viele junge Wissenschaftler bewerben sich um eine Stelle an einem der mehr als 80 Institute und Forschungseinrichtungen, gelten sie doch als Sprungbrett für die Karriere. Die Einrichtungen entstehen um weltweit führende Spitzenforscher herum, die ihre Themen selbst bestimmen, beste Arbeitsbedingungen erhalten und Mitarbeiter frei auswählen können, wie es auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft heißt. Finanziert wird die Max-Planck-Gesellschaft je zur Hälfte von Bund und Ländern. Im Jahr 2017 lag die Grundfinanzierung bei etwa 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen Drittmittel von öffentlichen und privaten Geldgebern sowie der Europäischen Union.

Es war nicht das erste Mal, dass junge Wissenschaftler Vorwürfe gegen eine Professorin eines Max-Planck-Instituts erheben. Anfang des Jahres hatten ehemalige Doktoranden und Postdocs dem SPIEGEL davon berichtet, wie sie von Professoren am Max-Planck-Institut für Astrophysik schikaniert wurden. Auch an zahlreichen Hochschulen gibt es immer wieder Fälle von Machtmissbrauch an Unis. Elitehochschulen wie die ETH Zürich sind davon nicht ausgenommen.

Schuld daran ist ein System, in dem Professoren über viel Macht verfügen. Sie bestimmen über Verträge und Arbeitszeiten, haben das letzte Wort bei Publikationen. Sie bewerten die Abschlussarbeiten und verfassen Empfehlungsschreiben. Kurzum: Sie halten die Zukunft ihrer Doktoranden und Postdocs in den Händen.

Unangenehme Chefs gibt es zwar auch in anderen Branchen, aber der Unterschied zur Forschung ist groß: Ob Professoren ihre Macht missbrauchen, wird bislang noch viel zu wenig kontrolliert. Es gibt zwar auch Beschwerdestellen, aber Doktoranden oder Postdocs haben Angst, dass sie sich den Weg nach oben verbauen könnten, wenn sie Kritik üben - zumal sich viele Wissenschaftler untereinander kennen und sich schnell herumsprechen könnte, wer einem Professor unangenehm wurde.

insgesamt 48 Beiträge
hedgehog66 05.12.2018
1. Suspekt
Eine Professorin, die (lt. Wikipedia) auf dem Gebiet 'menschliches Sozialverhalten sowie soziale und moralische Emotionen (z. B. Empathie, Mitgefühl, Neid, Rache, und Fairness) forscht, wird wegen jahrelangen systematischen [...]
Eine Professorin, die (lt. Wikipedia) auf dem Gebiet 'menschliches Sozialverhalten sowie soziale und moralische Emotionen (z. B. Empathie, Mitgefühl, Neid, Rache, und Fairness) forscht, wird wegen jahrelangen systematischen Mobbings entlassen. Offensichtlich hat die Dame wenig Ahnung von ihrem Fachgebiet und/oder kann sich schlichtweg nicht selbst reflektieren!? Andererseits ... in der heutigen Zeit erscheint es sogar oftmals so, dass eine gewisse Empathie-Losigkeit eine notwendige Voraussetzung zu sein scheint, um gewisse Positionen erst bekleiden zu können.
hansulrich47 05.12.2018
2. Professoren sind Halbgötter
Gegenüber Diplomanden oder Doktoranden sind sie in einer sagenhaften Position der Allmacht. Denn ob die Daten gut oder schlecht sind, ob eine Arbeit beendet werden darf oder nicht, entscheidet ausschliesslich der Professor/die [...]
Gegenüber Diplomanden oder Doktoranden sind sie in einer sagenhaften Position der Allmacht. Denn ob die Daten gut oder schlecht sind, ob eine Arbeit beendet werden darf oder nicht, entscheidet ausschliesslich der Professor/die Professorin. Das ist für die Betroffenen kein Zuckerschlecken. War leider schon immer so. Und keiner weiss so genau, wie das zu ändern wäre. Deshalb ist es schon ein Lichtblick, wenn so ein Allmächtiger seine Position mal räumen muss!
Lykanthrop_ 05.12.2018
3.
Diesen Missbrauch von Macht gibt es überall da, wo Menschen über andere Menschen bestimmen, besonders auch in der freien Wirtschaft. Dass dies nun gerade eine Sozialwissenschaftlerin betrifft wirkt skurril, wir denken zu viel in [...]
Diesen Missbrauch von Macht gibt es überall da, wo Menschen über andere Menschen bestimmen, besonders auch in der freien Wirtschaft. Dass dies nun gerade eine Sozialwissenschaftlerin betrifft wirkt skurril, wir denken zu viel in Klischees. Da helfen nur, demokratische Kontrolle, eine Kultur des Hinschauens und im Zweifel der Schutz des Gesetzes. Gerade über die demokratische Komponente sollte wir verstärkt nachdenken. Mehr Demokratie wagen, auch abseits der Politik.
Newspeak 05.12.2018
4. ...
Ich finde es erst einmal gut, dass etwas in Form einer Sanktion wirklich passiert ist. Obwohl ich nie selbst an einem Max=Planck-Institut gearbeitet habe, habe ich schon bei einem Besuch erlebt, wie ein Direktor jemanden auf dem [...]
Ich finde es erst einmal gut, dass etwas in Form einer Sanktion wirklich passiert ist. Obwohl ich nie selbst an einem Max=Planck-Institut gearbeitet habe, habe ich schon bei einem Besuch erlebt, wie ein Direktor jemanden auf dem Gang angebruellt hat. Es gibt da leider charakterlich sehr verkommene Menschen, weil die Fuehrungsqualitaeten eines Professors fuer die Stellenbesetzung nie wirklich eine Rolle spielen, und weil sie auch nie waehrend der Ausbildung trainiert werden, also so, dass man bewusst Rueckmeldungen erhaelt. Leider wird alles moegliche Sinnlose evaluiert, und staendig, aber die wirklich wichtigen Dinge nie. Davon abgesehen muss man aber auch eine Trennlinie ziehen. Natuerlich muss ein Professor das letzte Wort ueber eine Veroeffentlichung haben, und auch darueber, ob die Daten fuer eine Promotion schon reichen, oder an sich den Mindeststandard erfuellen. Das ist essentiell. Ein Doktorand und selbst ein Postdoc kann das doch oft genug gar nicht beurteilen. Man vermischt heute leider alles, die fachliche Kompetenz mit der Fuehrungsqualitaet und tausend anderen Dingen. Man kann den Professoren diese Macht auch lassen, wenn man dafuer die Macht im Bereich der Arbeitsvertraege einschraenkt. Ob jemand angestellt bleibt, oder nicht, sollte ein ganzer Fachbereich entscheiden, die Stelle sollte unabhaengig vom Projekt sein, auch in der Finanzierung. Das wuerde auch den Druck fuer den Professor herausnehmen, wenn er jemanden halten will, aber sein Projekt nicht genehmigt bekommen hat. Es ist, denke ich, in manchen Faellen vor allem der Druck, unter dem der Professor selbst steht, der solche Ausfaelle erklaert, wenn auch nicht entschuldigt.
querollo 05.12.2018
5. Was ist denn hier los?
Werter hedgehog 66, offensichtlich ist doch nur eins: Dass Sie ebensowenig über die Hintergründe wissen, wie wir (und beklagenswerter Weise auch der Autor dieser Artikels, der es leider versäumt hat, die Hintergründe näher zu [...]
Werter hedgehog 66, offensichtlich ist doch nur eins: Dass Sie ebensowenig über die Hintergründe wissen, wie wir (und beklagenswerter Weise auch der Autor dieser Artikels, der es leider versäumt hat, die Hintergründe näher zu beleuchten). Wir wissen nich, ob die Professorin tatsächlich unangemessen gehandelt hat. Wir haben nicht einmal einen Anhalt dafür, was sie getan haben soll. Ich bin selbst Dozent und kann beurteilen, dass die Studenten der aktuellen Generation eine grundsätzlich andere Haltung zu Leistung haben und auch andere Erwartungen an Lehrende als das noch der Fall war, als die heute Lehrenden selbst Studierende waren. Wer sich als Lehrender heute so verhält, wie er es aus seinem eigenen Studium kennt - und als angemessen empfindet - mag sich bei den heutigen Studierenden schon an der Grenze zum Unerträglichen bewegen. Es ist auch durchaus möglich, dass gerade die Studierenden, die sich hier beschwert haben, ganz besonders empfindlich sind. Wir wissen es nicht. Und darum sollten wir nicht vorschnell den Stab über jemanden brechen mit dem, was wir als "offensichtlich" empfinden, das aber tatsächlich nicht mehr ist, als eine vage Vermutung. Auch da differenzieren zu können ist übrigens Teil wissenschaftlichen Arbeitens.

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