Leben und Lernen

Hilfe von der WG-Therapeutin

"Meine Mitbewohnerin hört nicht auf zu reden"

Alinas Mitbewohnerin redet ständig und ungeniert - über sich, ihre verkorkste Kindheit und alle anderen. Alina will auch mal ihre Ruhe, wie kann sie der anderen das klarmachen?

Getty Images

Engagierte Studentin im Gespräch

Aufgezeichnet von
Samstag, 24.11.2018   13:14 Uhr

Alina* schreibt:

"Ich wohne seit knapp zwei Jahren in einer Dreier-WG. Ein Mitbewohner ist eher wortkarg, viel unterwegs und kümmert sich nicht besonders um den Haushalt. Vor ein paar Monaten ist eine neue Mitbewohnerin eingezogen, während des Castings wirkte sie normal und freundlich.

Ihr Einzug hat das WG-Leben allerdings ziemlich stark verändert: Sie redet sehr viel und hat kein Gespür dafür, welche Aussagen verletzend sind oder mich überhaupt nicht interessieren. Mittlerweile weiß ich von ihrer verkorksten Kindheit und ihren Verabredungen mehr, als mir lieb ist.

Sogar wenn ich in mein Zimmer gehe, redet sie durch die geschlossene Tür weiter. Wenn ich sie darauf anspreche, ist sie ernsthaft verwirrt, entschuldigt sich aber nicht.

Neulich stand ich mit meinem Freund im Flur und wollte ihn verabschieden. Da kam sie aus ihrem Zimmer raus, um mich zu fragen, ob ihr die Schuhe stehen, die sie gerade gekauft hatte.

Auch meine Freundinnen werden von ihr eingenommen und müssen sich ihre Dramen anhören.

Du hast WG-Kummer?

Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Mitbewohnerin irgendetwas böse meint, aber sie schätzt soziale Situationen schlecht ein und sieht ihre Grenzen nicht. Deswegen bin ich auch nicht wütend auf sie, aber stark genervt.

Ich möchte einfach gern wieder einmal zwei Minuten in den Gesellschaftsräumen sein, ohne mein Leben kommentiert zu bekommen oder etwas aus ihrem Leben zu erfahren.

Ich möchte mit meinen Freunden in der Küche kochen, ohne dass meine Mitbewohnerin die komplette Aufmerksamkeit an sich reißt und alle irgendwann nichts mehr sagen, und ich möchte sie auch kritisieren können, ohne dass sie sofort ein Fass aufmacht. Über neue Impulse, das gemeinsame Miteinander angenehmer zu gestalten, würde ich mich sehr freuen."

*Name geändert

Zur Person

Sabine Stiehler antwortet:

"Hallo Alina,

Sie haben ihre Mitbewohnerin gut eingeschätzt. Ich glaube ebenfalls nicht, dass sie es 'böse' meint, wenn sie so viel redet oder etwas Unangemessenes erzählt.

Hier hilft nur eins: Sie müssen Ihrer Mitbewohnerin klare Ansagen machen. Alles andere wird sie nicht ernst nehmen. Sagen Sie ihr, dass Sie Ruhezeiten brauchen, in denen Sie weder reden noch zuhören wollen.

Erklären Sie ihr, wie wichtig diese Zeiten für Sie sind - um aufzutanken. Da müssen Sie sich klar positionieren. Sie können sogar ein Zeitfenster für die 'Ruhezeit' vorgeben, etwa zwischen 16 und 18 Uhr.

Achten Sie darauf, keine Du-Ansagen zu machen. Sagen Sie also nicht: 'Du redest mir zu viel', sondern besser: 'Ich möchte Zeiten, wo es hier ruhig ist.' Sonst fühlt sie sich eventuell angegriffen. Wenn sie sich nicht daran hält, dann schreiben Sie das gern auf einen Zettel und hängen diesen in der WG aus.

Wenn Sie sich von Ihrer Mitbewohnerin bloßgestellt oder verletzt fühlen, aber nicht sofort auf einen ihrer Sprüche antworten können, nehmen Sie sie hinterher zur Seite und reden Sie unter vier Augen mit ihr. Erzählen Sie ihr, dass Sie sich verletzt fühlen, schlucken Sie das nicht herunter - sonst staut sich Ihr Frust auf.

Erklären Sie ihr: 'Es hat mich gekränkt, was du gestern gesagt hast.' Dann nimmt die Person zumindest einmal bewusst wahr, was sie in Ihnen auslöst.

Allerdings glaube ich nicht, dass sich Ihre Mitbewohnerin ändern wird. Wenn Sie sich das nicht länger antun wollen, nicht länger mit ihr zusammenwohnen wollen, dann bleibt als Konsequenz nur die Trennung."

insgesamt 11 Beiträge
Sibylle1969 24.11.2018
1.
Meine Zwillingsschwester ist genau so. Sie redet auch ohne Unterlass und nervt ihre Umwelt ungefragt mit Angelegenheiten aus ihrem Privatleben. Das Problem ist nur, dass klare Ansagen, dass sie nervt und es mal reicht, bei ihr [...]
Meine Zwillingsschwester ist genau so. Sie redet auch ohne Unterlass und nervt ihre Umwelt ungefragt mit Angelegenheiten aus ihrem Privatleben. Das Problem ist nur, dass klare Ansagen, dass sie nervt und es mal reicht, bei ihr absolut nichts gebracht haben. Sie ist dann total eingeschnappt, redet und nervt aber unverdrossen weiter. Das ist eine der Gründe, warum wir seit einigen Jahren keinen Kontakt mehr haben. Alina rate ich, es erst mal im Guten zu probieren, und wenn das nichts hilft, muss eine ausziehen.
hexenbesen.65 24.11.2018
2.
Ein einfaches: "Jetzt halt mal die Klappe" direkt und unverblümt- wurde auch reichen. Hatte so ne Arbeitskollegin...ständig am palavern... an arbeiten war gar nicht mehr zu denken. (Ich wußte nach einem Tag, wer hier [...]
Ein einfaches: "Jetzt halt mal die Klappe" direkt und unverblümt- wurde auch reichen. Hatte so ne Arbeitskollegin...ständig am palavern... an arbeiten war gar nicht mehr zu denken. (Ich wußte nach einem Tag, wer hier welches Verhätlntis hat, dass ihre Oma 105 Jahre ist, und das ihr Nachbar das Haus verkauft hat und in einem anderen Ort mit seiner Freundin was neues gekauft hat....) Bis ich dann entnervt sagte: "Halt doch einfach mal die Klappe, du nervst !"---war sie tierisch beleidigt...war mir egal...wenn sie die anderen Hinweise wie demonstratives Gähnen oder ein "was ?" auf eine Fage nichts bringt..oder ein höfliches:"Du- ich telefoniere mit einem Kollegen"...
timvie 24.11.2018
3. Deutschland´s Zukunft
Erst "casten" und dann nicht miteinander sprechen können. Wahnsinn.
Erst "casten" und dann nicht miteinander sprechen können. Wahnsinn.
mayazi 24.11.2018
4. Einmal erfolgreich
So eine Zimmernachbarin hatte ich mal im Krankenhaus. Schwierig, schwierig, wenn beide nicht aufstehen dürfen. Sie wachte morgends sehr früh auf und wartete ungeduldig darauf, dass ich endlich auch die Augen öffne, um endlich [...]
So eine Zimmernachbarin hatte ich mal im Krankenhaus. Schwierig, schwierig, wenn beide nicht aufstehen dürfen. Sie wachte morgends sehr früh auf und wartete ungeduldig darauf, dass ich endlich auch die Augen öffne, um endlich losreden zu können (weiß ich, weil sie das so sagte). Ich habe ihr relativ früh gesagt, dass ich zwischendurch auch mal Pausen brauche, und dass ich ihr Bescheid sagen werde, _bevor_ ich von ihr genervt bin. Beim ersten Mal, als ich meine Pause nahm, war sie zunächst echt verschnupft. Als ich eine Stunde später sagte, dass es jetzt wieder ginge, war sie zunächst sehr erstaunt. Sie hatte mein Auszeit-Nehmen nämlich für einen Beziehungsabbruch gehalten. Wir waren 14 Tage im selben Zimmer, und mit ein bis zwei Pausen am Tag konnten wir eine entspannte Stimmung halten.
dasfred 24.11.2018
5. Hätte keine Psychologin gebraucht
Genau diesen Text, so aufgeschrieben der Mitbewohnerin übergeben, hätte sie schon mal eine Weile ruhiggestellt. Dann hätte man noch ein Gespräch mit einem gemeinsamen Thema gehabt und höchstwahrscheinlich eine Einigung. Aus [...]
Genau diesen Text, so aufgeschrieben der Mitbewohnerin übergeben, hätte sie schon mal eine Weile ruhiggestellt. Dann hätte man noch ein Gespräch mit einem gemeinsamen Thema gehabt und höchstwahrscheinlich eine Einigung. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, ich wäre dann ruhiger. Nur selten muss man sich desswegen gleich trennen.

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