Leben und Lernen

Hilfe von der WG-Therapeutin

"Ich hatte 20-mal den Mittelfinger vorm Gesicht"

Carina lebt mit sechs Männern in einer WG. Als sie ihre Mitbewohner um Ordnung bittet, fangen diese an, sie zu tyrannisieren. Was kann sie tun?

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Dreckiges Geschirr (Symbolbild)

Aufgezeichnet von
Donnerstag, 16.08.2018   07:27 Uhr

Carina* schreibt:

Liebe Frau Dr. Stiehler,

zu Studi-Zeiten dachte ich, in einer Wohngemeinschaft zu leben bedeutet, gemeinsam abzuwaschen und zu putzen. Seit einem guten halben Jahr wohne ich nun in einer WG nur mit Männern zusammen. An den Dreck kann ich mich gewöhnen, aber nicht an die Mitbewohner.

Es gibt hier einen Alkoholiker, der für die jungen Männer so eine Art Herbergsvater ist. Dann wohnen zwei arbeitslose Spanier hier, ein arbeitsloser Kurde, dessen jüngerer Bruder und ein junger Vietnamese, der bis vor Kurzem in unserer Abstellkammer lebte.

Am Anfang habe ich versucht, im Kühlschrank, in der Küche und im Bad eine gewisse Grundordnung herzustellen. Ich habe meine Mitbewohner darum gebeten, ihr Geschirr zeitnah abzuwaschen, keine Töpfe mit Nudeln oder Reis in die Spüle zu stellen, das Bad nicht ständig unter Wasser zu setzen und zu lüften.

Du hast WG-Kummer?

Ich weiß nicht, ob das der Auslöser für die Aggression war, die mir entgegengebracht worden ist. Die Männer sagten zu mir, ich sei verrückt und behindert. Und ich hatte mindestens 20-mal den Mittelfinger vorm Gesicht.

Ein Mitbewohner hat mich am Anfang mehrfach am Arm angegrapscht. Als ich ihm gesagt habe, er soll aufhören, hat er mich beschimpft und mir gesagt, ich solle mich erhängen. Ich weiß, ich muss ausziehen, aber bis dahin will ich leben. Für einen Rat wäre ich sehr dankbar.

*Name geändert

Zur Person

Sabine Stiehler antwortet:

Hallo Carina,

wieso ertragen Sie das alles? Die Zustände in dieser WG erscheinen mir unerträglich. Die Männer überschreiten ständig ihre Grenzen. Sie leben dort jeden einzelnen Tag wie in einem Gefängnis und sind für die Mitbewohner offenbar so etwas wie Freiwild.

Mein Rat an Sie ist deshalb ganz klar: Ziehen Sie so schnell wie möglich aus. Das ist Ihre einzige Option. Wenn Sie keine Wohnung finden, überlegen Sie, zu welchen Freunden Sie erst einmal ziehen könnten. Sicher wird Sie jemand aufnehmen.

Falls es niemanden gibt, bei dem Sie für eine Weile wohnen können, wenden Sie sich an ein Frauenzentrum oder Hilfseinrichtungen für Frauen in Notlagen.

Sie schreiben, dass Sie leben wollen, bis Sie ausziehen. In dieser WG scheint mir das nicht möglich.

insgesamt 41 Beiträge
touri 16.08.2018
1.
Dieses eine mal gebe ich der WG Therepeutin zu 100% recht. Ausziehen und zwar sofort, zur Not auch zurück zu den Eltern! Die WG ist für die Frau eine tickende Zeitbombe!
Dieses eine mal gebe ich der WG Therepeutin zu 100% recht. Ausziehen und zwar sofort, zur Not auch zurück zu den Eltern! Die WG ist für die Frau eine tickende Zeitbombe!
dasfred 16.08.2018
2. Das ist keine WG
Das ist eine Sammlung von Chaoten, die nie auf eine Gemeinschaft angelegt war. Hat sie vor dem Einzug nicht schon den Dreck bemerkt? Als einzige Frau in eine ausgesprochen heterogene Männerbewahranstalt einzuziehen und erstmal zu [...]
Das ist eine Sammlung von Chaoten, die nie auf eine Gemeinschaft angelegt war. Hat sie vor dem Einzug nicht schon den Dreck bemerkt? Als einzige Frau in eine ausgesprochen heterogene Männerbewahranstalt einzuziehen und erstmal zu putzen ist entweder ein Zeichen von Verzweiflung oder Sehnsucht nach Selbstzerstörung. Da scheint mir der Rat mit der Frauenberatung schon gut. Eventuell erkennen Fachfrauen, ob da noch eine andere Problematik hinter steckt.
Dreamwalker1984 16.08.2018
3. Sprachlos
Hallo Carina, hallo Frau Stiehler, ich wünsche Ihnen viel Glück und gutes Gelingen bei der schnellen Wohnungssuche. Wegen eines persönlichen Erlebnisses, welches Ihrem frappierend ähnelt, bitte ich Sie inständig [...]
Hallo Carina, hallo Frau Stiehler, ich wünsche Ihnen viel Glück und gutes Gelingen bei der schnellen Wohnungssuche. Wegen eines persönlichen Erlebnisses, welches Ihrem frappierend ähnelt, bitte ich Sie inständig schnellstmöglich auszuziehen und spätestens beim Packen und Ausräumen Ihrer persönlichen Gegenstände aus der WG am besten Freunde oder Bekannte mitzunehmen. Und auch wenn es auf den ersten Blick sehr befremdlich wirken mag, so ist der Vorschlag von Frau Stiehler auf jeden Fall sehr gut. Sollte keine anderweitige Unterbringung möglich sein, so bieten verschiedene Vereine und Institutionen Wohnraum und Hilfe bei der Vermittlung einer geeigneten Wohnung an. Frau Stiehler: Ihnen möchte ich für die klaren Handlungsanweisungen danken, die in einer solchen Lage ungemein befreiend sein können und die Ungewissheit nehmen (können), ob man selbst die Lage eventuell falsch einschätzt und alles doch nicht so schlimm sein könnte. Nochmals viel Glück und Dank.
chronoc 16.08.2018
4. Das ist keine WG, das ist ein Kessel Buntes
Wenn diese Geschichte stimmt, hat diese seltsame Menschenansammlung nichts mit einer normalen WG zu tun. Ein Alkoholiker als "Papa" und dann eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Männern, die ganz sicher auch [...]
Wenn diese Geschichte stimmt, hat diese seltsame Menschenansammlung nichts mit einer normalen WG zu tun. Ein Alkoholiker als "Papa" und dann eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Männern, die ganz sicher auch untereinander nicht grün sind. Frauenverachtung kann auch Teil der eigenen Kultur sein. ... Und einer von denen lebte mal in der Abstellkammer?? Ja, liebe Hilfesuchende, finde den Fehler einfach selbst. Wie es dazu kam, ist mir unklar. Wieso die Frau dort überhaupt noch wohnt, ist mir ein Rätsel. So etwas passiert doch nicht über Nacht.
whitewisent 16.08.2018
5.
Es gibt hier einen Alkoholiker, der für die jungen Männer so eine Art Herbergsvater ist. Dann wohnen zwei arbeitslose Spanier hier, ein arbeitsloser Kurde, dessen jüngerer Bruder und ein junger Vietnamese, der bis vor Kurzem in [...]
Es gibt hier einen Alkoholiker, der für die jungen Männer so eine Art Herbergsvater ist. Dann wohnen zwei arbeitslose Spanier hier, ein arbeitsloser Kurde, dessen jüngerer Bruder und ein junger Vietnamese, der bis vor Kurzem in unserer Abstellkammer lebte. Es war ja nur eine Frage der Zeit, wann me#too auf me#two trifft. Denn was ist das hier anderes als ein überspitztes Beispiel gescheiterter Illussionen, wenn denn der Fall wirklich wahr ist? Gerade kurz vor dem neuen Semester, mit vielen Interessenten unter den neuen Studierenden sollte man in einer Antwort mehr Hilfe geben. Fängt schon damit an, daß dies hier offenbar eher eine Zimmervermietung ist, als eine WohnGEMEINSCHAFT. Der andere Punkt ist, man sollte als junger Mensch seine soziale und kulturelle Kompetenz nicht überschätzen, und sich ein Zimmer in einer Gemeinschaft suchen, deren Grundsätze man kennt. Und dann halt auch noch, nur in WGs ziehen, deren Bewohner man zumindest vor dem Einzug in einem Gespräch mal kennengelernt hat, und in denen man bei Neumietern ein Mitspracherecht hat. Dann entstehen solche Probleme vermutlich gar nicht erst. Denn auch wenn heute der Griff an den Oberarm häufig mit sexueller Übergriffigkeit gleichgesetzt wird, ist es vor allem ein Zeichen von Aggression und geringer Akzeptanz für körperliche Distanz (zwischen jeglichen Geschlechts), was nicht erst durch Kritik am Abwasch entsteht.

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