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Huawei P20 Pro

Das erste Smartphone mit Dreifachkamera im Test

Huawei verbaut im neuen P20 Pro gleich drei unterschiedliche Kameras, bei ihrer Konstruktion half Leica. Ist das Ergebnis mehr als nur ein Technik-Overkill?

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Sonntag, 15.04.2018   14:26 Uhr

Man darf sich nicht täuschen lassen. Das P20 Pro scheint zwar auf den ersten Blick ein weiterer iPhone-X-Klon zu sein. Doch das neue Top-Modell von Huawei kann mehr als nur nach Apple aussehen. Und das, obwohl ihm der neue Look gut steht, vor allem in der Farbe unseres Testgeräts, die der Hersteller Twilight - Zwielicht - nennt.

Das Highlight des P20 Pro sind aber seine Kameras. Gleich drei Stück sind in seinen Rücken eingebaut, eine mehr als bei High-End-Handys sonst üblich. Und die Leistungswerte der Kameras lesen sich auf dem Datenblatt beachtlich.

Ganz oben sitzt eine Teleobjektiv-Kamera mit moderaten 8 Megapixeln und F/2,4. Beides keine sonderlich beeindruckenden Werte. Die liefert erst die mittlere Kamera: Ihr Objektiv ist mit F/1,8 deutlich lichtstärker. Zudem hat ihr Fotosensor 40 Megapixel. Die kann man auf Wunsch auch alle verwenden.

In der Standardeinstellung hingegen werden die Daten von jeweils vier zusammenhängenden Pixeln miteinander kombiniert, um die Lichtempfindlichkeit zu verbessern. So sollen klarere, hellere Bilder mit 10 Megapixeln zustande kommen. Eine ähnliche Technik hat 2013 schon Nokias Lumia 1020 zu einer herausragenden Fotoqualität verholfen.

Zusammenarbeit mit Leica

Als dritte im Bunde tut schließlich eine Schwarz-Weiß-Kamera mit 20-Megapixel-Sensor im P20 Pro ihren Dienst. Mit F/1,6 ist sie nochmals lichtempfindlicher als die Hauptkamera. Wie beispielsweise schon beim Mate 10 Pro hat Huawei diese Kameras zusammen mit Leica entwickelt.

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Die Kameras des P20 Pro

Huawei ist der erste namhafte Hersteller, der drei Kameras in ein Smartphone einbaut. Besonders ist zudem die Art und Weise, wie die Kamera-Software die Daten dieser Kameras miteinander kombiniert: Etwa, indem sie auch bei Farbbildern Daten der Schwarz-Weiß-Kamera nutzt, um die Tiefenschärfe oder Kontraste zu verbessern. Oder, indem sie die Kameras zu einem virtuellen Fünffach-Teleobjektiv verbindet, das erstaunlich detaillierte Aufnahmen entfernter Motive liefert.

Für den Praxistest haben wir mit dem P20 Pro in vollkommen unterschiedlichen Situationen fotografiert: Landschaftsaufnahmen bei praller Sonne an einem Frühlingstag, Innenaufnahmen bei LED-Beleuchtung, Nahaufnahmen unter Kunstlicht, Schwarz-Weiß-Porträts im Freien und Nachtaufnahmen bei fast völliger Dunkelheit.

Matthias Kremp

Nachtaufnahme des Huawei P20 Pro

Die Ergebnisse waren dabei fast immer gut bis sehr gut, manchmal auch beeindruckend. Das zeigt zum Beispiel die hier zu sehende Nachtaufnahme, die bei einer Belichtungszeit von vier Sekunden aus freier Hand geschossen wurde. Bei Dunkelheit brilliert das P20 Pro.

Die künstliche Intelligenz liegt manchmal auch daneben

Ebenso gut funktioniert auch der Fünffach-Zoom, mit dem man auch Nahaufnahmen kleiner Motive machen kann. Ein paar Bildbeispiele gibt es in der Fotostrecke zu sehen.

In den meisten Fällen kann man sich auf die Foto-Automatik verlassen, die sich von künstlicher Intelligenz (KI) helfen lässt. Dass diese KI manchmal aber auch daneben liegt, erkennt man an Einblendungen unten auf dem Bildschirm, die anzeigen sollen, welche Art von Motiv man gerade anvisiert. Da werden dann schon mal schwarze Stiefel als Katze identifiziert.

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Die Motiverkennung des P20 Pro

Wer mag und sich ein wenig auskennt, sollte deshalb auch die Möglichkeiten des "Pro" genannten manuellen Fotomodus ausprobieren. Bei Videos bietet das Kamera-Trio außerdem eine "Super-Zeitlupe" mit 960 Bildern pro Sekunde an. Man kennt das mittlerweile von anderen Geräten, wie dem Sony Xperia XZ2 und Samsungs Galaxy S9+.

Bildschirm mit iPhone-X-Beule

Doch so sehr die Foto- und Videofunktionen das P20 Pro dominieren: Was taugt es eigentlich als Smartphone?

Zum einen bietet es die üblichen Zutaten eines High-End-Handys, Baujahr 2018: etwa einen sehr großen Bildschirm, der mit 6,1 Zoll Diagonale trotz seines sehr schmalen Rahmens aus der Hosentasche herausragt. Seine Auflösung ist mit 2240 x 1080 Pixeln sehr hoch, Farbigkeit und Kontraste sind dank OLED-Technik sehr gut.

Die Selfie-Kamera und ein Lautsprecher sind oberhalb des Displays in einer Ausbeulung untergebracht, die man so zuerst im iPhone X gesehen hat und für die Apple teils heftig kritisiert wurde. Analog zu Apples weißem Kopfhörer scheint diese iPhone-Beule jetzt zum Statussymbol zu mutieren. Man kann sie aber auch per Systemeinstellung tarnen (siehe Fotostrecke).

Fotostrecke

Apple-Smartphone: Das kann das iPhone X

Schnell, aber nicht sensationell

Angetrieben wird das P20 Pro von einem Kirin-970-Prozessor, den Huawei selbst entwickelt hat. In Benchmark-Tests erreicht der zwar nicht gerade sensationelle Werte, er war aber für alle von uns getesteten Apps schnell genug und kann auch für die Android-Updates der nächsten Jahre genug Leistung liefern.

Zudem ist der Prozessor genügsam genug, um den Akku nicht zu sehr zu belasten. So war die Ausdauer des P20 Pro in der einen Woche, die wir das Gerät getestet haben, gut, aber nicht sensationell. Über den Tag kommt man bei normaler Nutzung lässig, spätestens am Vormittag des folgenden Tages sollte man aber Netzteil und Kabel zur Hand haben. Schade, dass Huawei keine kabellose Ladefunktion eingebaut hat.

Dafür findet man in den Einstellungen und den mitgelieferten Apps etliche Extras, die andere Android-Smartphones nicht haben: einen Virenscanner etwa, dessen automatische Aktualisierung ab Werk allerdings deaktiviert ist.

Fazit

Vorteile und Nachteile

Herausragend gute Kameras

Gute Verarbeitung

Hohe Leistung

Viele Extras

Keine kabellose Ladetechnik

Teuer

Mit dem P20 Pro stellt Huawei unter Beweis, warum das Unternehmen zu den Top 3 der Smartphone-Hersteller gehört. Mit 128 Gigabyte Speicher kostet das Gerät 899 Euro, dafür können die Kameras begeistern. Der Nachtmodus und das Fünffach-Zoomobjektiv sind derzeit einzigartig.

Die Performance des Huawei-Smartphones ist sehr gut, es leistet sich nur ein paar Schwächen: Das Fehlen drahtloser Ladetechnik etwa ist ebenso wenig zeitgemäß wie die eingebaute Bluetooth-Version 4.2. Aktuell ist Version 5. Zudem kann man sich daran stören, dass Huawei Googles Android eine eigene Oberfläche übergezogen hat. Ob man deren Look mag, ist eine Sache, dass solche Extras die Auslieferung von Sicherheitsupdates verzögern können, eine andere.

Wer sich für das P20 Pro interessiert, sollte es vor dem Kauf übrigens auf jeden Fall mal in die Hand nehmen. Mit 6,1 Zoll taugt es nicht für kleine Hände.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

Über welche Produkte wird im Ressort Netzwelt berichtet?
Über welche Produkte wir in der Netzwelt berichten und welche wir testen oder nicht, entscheiden wir selbst. Für keinen der Testberichte bekommen wir Geld oder andere Gegenleistungen vom Hersteller. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir über Produkte nicht berichten, obwohl uns entsprechende Testprodukte vorliegen.
Woher kommen die Testprodukte?
Testgeräte und Rezensionsexemplare von Spielen bekommen wir in der Regel kostenlos für einen bestimmten Zeitraum vom Hersteller zur Verfügung gestellt, zum Teil auch vor der offiziellen Veröffentlichung. So können unsere Testberichte rechtzeitig oder zeitnah zur Veröffentlichung des Produkts erscheinen.

Vorabversionen oder Geräte aus Vorserienproduktionen testen wir nur in Sonderfällen. In der Regel warten wir ab, bis wir Testgeräte oder Spielversionen bekommen können, die mit den Verkaufsversionen identisch sind. In einigen Fällen kaufen wir Produkte auch auf eigene Kosten selbst, wenn sie bereits im Handel oder online verfügbar sind.
Dürfen die Netzwelt-Redakteure die Produkte behalten?
In der Regel werden Testgeräte nach dem Ende des Tests an die Hersteller zurückgeschickt. Die Ausnahme sind Rezensionsexemplare von Spielen und sogenannte Dauerleihgaben: So haben wir zum Beispiel Spielekonsolen und Smartphones in der Redaktion, die wir über längere Zeit nutzen dürfen. So können wir beispielsweise über Software-Updates, neues Zubehör und neue Spiele berichten oder Langzeiturteile fällen.
Lassen sich die Netzwelt-Redakteure von Firmen auf Reisen einladen?
Die Kosten für Reisen zu Veranstaltungen, egal ob sie in Deutschland oder im Ausland stattfinden, trägt SPIEGEL ONLINE stets selbst. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise aufgrund kurzfristiger Termine ein Unternehmen die Reiseplanung übernimmt.

Veranstaltungen, zu denen wir auf eigene Kosten reisen, sind unter anderem die Messen Ifa, CES, E3 und Gamescom sowie Events von Firmen wie Apple, Google, Microsoft oder Nintendo. Auf Konferenzen wie dem Chaos Communication Congress oder der re:publica bekommen wir in der Regel, wie auch andere Pressevertreter, kostenlose Pressetickets, da wir über die Konferenz berichten und keine klassischen Teilnehmer sind.
Was hat es mit den Amazon-Anzeigen in manchen Artikeln auf sich?
Seit Dezember 2016 finden sich in einigen Netzwelt-Artikeln Amazon-Anzeigen, die sogenannte Partner-Links enthalten. Besucht ein Nutzer über einen solchen Link Amazon und kauft dort online ein, wird SPIEGEL ONLINE in Form einer Provision an den Umsätzen beteiligt. Die Anzeigen tauchen in Artikeln unabhängig davon auf, ob ein Produkttest positiv oder negativ ausfällt.
insgesamt 7 Beiträge
noalk 15.04.2018
1. Selbe Szene zur selben Zeit?
Mitnichten! Bild 18 wurde einige Sekunden NACH Bild 17 aufgenommen. Deutlich erkennbar an der Position der Person mit weißem Hemd unmittelbar links vom Backstein(?)-Haus.
Mitnichten! Bild 18 wurde einige Sekunden NACH Bild 17 aufgenommen. Deutlich erkennbar an der Position der Person mit weißem Hemd unmittelbar links vom Backstein(?)-Haus.
Christoph L 15.04.2018
2.
"Die Selfie-Kamera und ein Lautsprecher sind oberhalb des Displays in einer Ausbeulung untergebracht, die man so zuerst im iPhone X gesehen hat" Die hat man schon über 1 Jahr früher beim Essential Phone gesehen. Ihr [...]
"Die Selfie-Kamera und ein Lautsprecher sind oberhalb des Displays in einer Ausbeulung untergebracht, die man so zuerst im iPhone X gesehen hat" Die hat man schon über 1 Jahr früher beim Essential Phone gesehen. Ihr glaubt auch das Ford das erste Auto und die Gebrüder Wright das erste Flugzeug gebaut haben.
mbfan 16.04.2018
3. "Schade, das Huawei kein kabelloses Laden verbaut hat"
kabelloses Laden ist es Irrweg: Es wird Strom verschwendet und es ist unpraktisch, wenn man mit den Handy während dem Laden etwas anderes machen will.
kabelloses Laden ist es Irrweg: Es wird Strom verschwendet und es ist unpraktisch, wenn man mit den Handy während dem Laden etwas anderes machen will.
damalswarallesbesser 16.04.2018
4. Alternative Realitäten?
Zitat: "Analog zu Apples weißem Kopfhörer scheint diese iPhone-Beule jetzt zum Statussymbol zu mutieren." Hallo Herr Kremp, in welcher Welt leben Sie eigentlich? Es sieht doch einfach nur peinlich aus, wenn man [...]
Zitat: "Analog zu Apples weißem Kopfhörer scheint diese iPhone-Beule jetzt zum Statussymbol zu mutieren." Hallo Herr Kremp, in welcher Welt leben Sie eigentlich? Es sieht doch einfach nur peinlich aus, wenn man Typen mit diesen "Oral B Zahnbüstenköpfen" im Ohr rumlaufen sieht. Die Teile sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass das Ausgeben von viel Geld noch lange nicht bedeutet, dass man einen guten Geschmack hat. Und zu den Kameras in Smartphones: So lange meine 300,- €-Bridge-Kamera mit ihren 10 MP um Klassen bessere Bilder schießt (auch bei voller Auflösung messerscharf und nicht verrauscht), weil die Physik der Leistungsfähigkeit der Kameras im Smartphone immer noch Grenzen setzt (Chip zu klein, Linse lässt zu wenig Licht durch weil auch zu klein), ist das ganze Getue um tolle Kameras in Smartphones völlig daneben. Die gesamte Diskussion bewegt sich auf einem Niveau, dass man den neuen Burger eines Schnellrestaurants feiert und dabei völlig vergisst, dass die Messlatte nicht McDonalds, sondern ein Sternerestaurant ist. Sie hätten zumindest mal den Versuch unternehmen können, die Fotos des Huawei P20pro (und natürlich der anderen Smartphones auch) mit den Bilder einer "richtigen" Kamera zu vergleichen.
molkeboy 16.04.2018
5. Iphone X-Klon?
Es mag ja sein, dass alle Smartphones mehr oder weniger ähnlich aussehen. Das liegt ja nun in der Natur der Sache. Allerdings finde ich es albern, dass Huawei Geräte immer wieder einer Zwangshandlung als Apple-Klon benannt [...]
Es mag ja sein, dass alle Smartphones mehr oder weniger ähnlich aussehen. Das liegt ja nun in der Natur der Sache. Allerdings finde ich es albern, dass Huawei Geräte immer wieder einer Zwangshandlung als Apple-Klon benannt werden. Denn "der Chinese" kann ja nur kopieren. Aber gerade Huawei geht interessante, eigene Wege. Sei es die Kooperation mit Leica, die sich nicht nur auf einen Marketinggag beschränkt, oder die eigenen Prozessoren. Hier steckt viel Eigenständigkeit in den Geräten.

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