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Geklaute App-Ideen

Nachmachen erlaubt

Handyspiele nachzubauen ist nicht illegal. In den App Stores liefern sich viele Firmen deshalb einen dreisten Kopier-Wettbewerb. Auch zwei deutsche Entwickler trauern einer Spielidee nach, die ohne sie bekannt wurde.

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Samstag, 12.08.2017   14:49 Uhr

Spiele-Apps entwickeln, das bedeutet "hit or miss", Volltreffer oder Fehlschlag, erklärt der Gamedesigner Fabian Schaub. Mit seinem Spiel ist dem 30-Jährigen aus Ludwigsburg wohl beides auf einmal gelungen. Seine eigene App ist zwar nicht gerade ein Download-Hit. Dafür verzeichnet eine fremde App mit derselben Spielidee schon eine Million Downloads.

"Unsere Idee wurde kopiert", vermuten Schaub und sein Kollege Thomas Krüger. Dahinter steht ein grundlegendes Problem der Handyspiele-Branche: Weil sich Spielideen nicht schützen lassen, müssen Apps mit mehr oder weniger kreativen Nachahmern kämpfen.

Das mutmaßlich später kopierte Spiel der deutschen Entwickler handelt ironischerweise selbst vom Nachmachen. Bei "Mimics" bekommt der Spieler drei Bilder zu sehen, in denen Tiere oder Monster Grimassen schneiden: Mal zieht ein Äffchen eine Schnute, mal bleckt ein Alien die Zähne. Eines der drei Bilder soll der Spieler vor seiner Smartphone-Kamera nachstellen und ein Selfie knipsen. Der Kontrahent muss das Selfie dem Original zuordnen.

Julian Dasgupta

Thomas Krüger (l.) und Fabian Schaub ahmen passend zu ihrem Spiel einen Gesichtsausdruck nach

Die Ähnlichkeit ist auffällig

Dass es "Mimics" mehr als einmal gibt, erfährt Fabian Schaub im April dieses Jahres per E-Mail. Sein Kollege Krüger schickte ihm alarmiert den Link zu einer App namens "Face up". "Ich dachte mir, so drastisch wird die Ähnlichkeit schon nicht sein", erinnert sich Schaub, der das Spiel sofort ausprobierte. "Doch dann habe ich gesehen: Die Ähnlichkeit ist drastisch."

Auch bei "Face up" vom großen Spielehersteller Ubisoft müssen Spieler Selfie-Grimassen ihres Kontrahenten erkennen. Vorlage für die Grimassen sind keine Bilder, sondern Anweisungen wie: "Etwas im Auge haben" oder: "Gute Laune". Gute Laune hatte Schaub in diesem Moment aber nicht. Zuerst telefonierte er aufgeregt mit Freunden, um sich zu beruhigen. Dann überlegte er mit seinem Kollegen, wie es so weit kommen konnte.

Die beiden Entwickler hatten den Prototyp von "Mimics" auf der Spielemesse E3 in Los Angeles präsentiert, im Juni 2015. Auch Mitarbeiter von Ubisoft hätten sich dort das Spiel zeigen lassen. Mehr als ein Jahr später veröffentlichte Ubisoft dann "Face up". Das mutmaßliche Original, "Mimics", stellten die Entwickler erst Anfang 2017 fertig. Da hatte Google die Ubisoft-App schon längst prämiert als eines der "innovativsten" Spiele 2016.

Hat sich Ubisoft vom Spiel der deutschen Entwickler inspirieren lassen oder ist die Ähnlichkeit zufällig? Der Konzern will sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Auch keinen Kommentar gibt Ubisoft zur Frage, ob seine Mitarbeiter das Spiel vorab in L.A. gesehen hätten. Der Konzern verweist lediglich auf interne Richtlinien, wonach unabhängige Entwickler respektiert würden. Ob man diese Richtlinien bei "Face up" eingehalten habe? Kein Kommentar.

Kopieren ist erlaubt

Weil sich per Markenrecht nur Namen, Slogans und Logos schützen lassen, ist das Kopieren einer bloßen Spielidee erst einmal legal. Das Urheberrecht schützt Quellcode, Grafiken und Sound. Nicht schützen lassen sich aber Dinge wie das Spielgefühl oder allgemeine Spielmechaniken. Wer ein Spiel nicht eins zu eins kopiert, sondern ausreichend abwandelt, hat in der Regel nichts zu befürchten.

Auch die US-Entwickler der Knobel-App "Threes" mussten das im Jahr 2014 schmerzhaft lernen. Bei "Threes" verschieben Nutzer Kacheln auf einem Spielfeld, um Zahlen zu addieren. Das Spiel wird kontinuierlich schwerer und fordert sogar Sudoku-Fans heraus. Doch kurz nachdem "Threes" erschienen war schossen Abwandlungen wie Pilze aus dem Boden. Ein Spiel namens "2048" wurde besonders populär.

"Wir glauben, Nachahmung ist die beste Form des Schmeichelns", betonen die Entwickler von "Threes" in einem Blogeintrag. Aber dass Nutzer "2048" irgendwann für besser hielten als das Original, habe sie frustriert. Immerhin hätten sie ihr Spiel monatelang verfeinert.

Angriff der Klon-Spiele

Was für Entwickler ein Fluch sein kann, ist für die Remix-Kultur ein Segen. Inspiration und Nachahmung sind eine Quelle für neue Ideen. Geniale Mash-ups wie "Pacapong" - eine Mischung aus den Klassikern "Pong", "Pacman" und "Space Invaders" - wären ohne Nachahmung undenkbar. Und wie absurd wäre es, wenn nur ein einziger Entwickler das Vorrecht auf beispielsweise Jump'n'Run-Spiele hätte?

Auch die IT- und Games-Anwältin Ramak Molavi hält es für richtig, dass Spielideen an sich nicht schützbar sind. Letztlich liege die Kunst in der konkreten Umsetzung, die sich durchaus schützen lässt. Außerdem müssten Entwickler ein Spiel gut vermarkten und an die Wünsche der Nutzer anpassen. "Die Grenze zwischen legitimer Inspiration und rechtsverletzender Kopie kann dabei fließend sein", erklärt Molavi. Oft müsse das Gericht entscheiden.

Dass Nachahmer das Original überflügeln, ist ärgerlich, aber selten. Was die Entwickler von "Threes" und "Mimics" zu berichten haben, gilt als Ausnahme. Meist werden die Nachahmer erst angelockt, nachdem sich ein Spiel in den App Stores einen Namen gemacht hat.

Dann werden vor allem sogenannte Klone zum Problem: Das sind Spiele, die ihrer Vorlage zum Verwechseln ähnlich sehen und darauf abzielen, dass potenzielle Kunden Original und Klon verwechseln. Die Klone wollen gezielt Nutzer abgreifen, die eigentlich nach dem Original suchen. Dass sie die Grenze des Erlaubten dabei vielleicht überschreiten, nehmen die Entwickler in Kauf. Einer der vielen Klone vom erfolgreichen Spiel "Temple Run" heißt zum Beispiel "Temple Gold Run". Protzen tut er aber nicht mit Gold, sondern mit Werbeclips.

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Hunderte neue Apps täglich

"Die Klone überfluten den Markt", sagt IT-Anwältin Ramak Molavi. Das sei auch eine Gefahr für Verbraucher. Einige Klone sind nämlich nicht nur Werbeschleudern, sie sammeln auch fleißig Nutzerdaten. Für Entwickler ist es der Anwältin zufolge oft zeitaufwendig, die Klone zu ermitteln und dagegen vorzugehen. Auch bei "Temple Run" sind immer noch Dutzende Klone im Umlauf.

Es gibt aber noch eine weitere, weniger aggressive Strategie des Klonens: Manche Klone ahmen nicht etwa beliebte Spiele nach, sondern sozusagen sich selbst. Das funktioniert so: Entwickler kaufen für wenig Geld den Quellcode simpler Spiele, beispielsweise einer Puzzle-App. Per Handstreich tauschen sie Sounds und Grafiken aus und produzieren dadurch Dutzende Kopien. "Reskinnen" heißt diese Praxis, das heißt so viel wie "umkleiden".

Diese Apps im neuen Gewand setzen auf Masse statt auf Qualität. Selbsternannte Experten preisen Reskinning im Netz als sichere Methode zum Geldverdienen an. Ein Spiel von Grund auf neu zu entwickeln sei schließlich zeitaufwendig und riskant, heißt es etwa auf dem Blog "Reskinningapps". Wer sich die Parolen der Reskinner durchliest, wundert sich weniger, warum in den App Stores täglich Hunderte neuer Anwendungen erscheinen.

Apps "reskinnen", das wäre für die Entwickler von "Mimics" überhaupt nichts. "Spielemachen ist Leidenschaft", sagt Fabian Schaub. "Etwas ganz Neues zu entwickeln ist doch der ganze Spaß daran." Weil sie von ihren Spielen noch nicht leben können, programmieren sie nebenher für Business-Kunden, wie die meisten Indie-Entwickler. Mittlerweile haben sie schon ein neues Spiel in Planung. Worum es darin geht? Das behalten sie erst einmal für sich - zur Sicherheit.

insgesamt 2 Beiträge
kroganer 12.08.2017
1. Geheim!!
Am besten geheim halten und dann wenn's fertig ist erst an die Öffentlichkeit, sonst ist die Idee weg! Soll ja schon Erfinder gegeben haben die ihre skurrile Erfindung über Google gesucht haben und als sie dann zum Patentamt [...]
Am besten geheim halten und dann wenn's fertig ist erst an die Öffentlichkeit, sonst ist die Idee weg! Soll ja schon Erfinder gegeben haben die ihre skurrile Erfindung über Google gesucht haben und als sie dann zum Patentamt gingen Gab es das Patent schon, dumm gelaufen! Traue keinem Großkonzern!
schorsch_69 13.08.2017
2. .
Schon mal die Basis der SAP Software ergründet? Die Parametrierung von kaufmännischer SW auf individuelle Kundengegebenheiten, ist alles andere als selbsterdacht und keineswegs neu gewesen!
Schon mal die Basis der SAP Software ergründet? Die Parametrierung von kaufmännischer SW auf individuelle Kundengegebenheiten, ist alles andere als selbsterdacht und keineswegs neu gewesen!

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