Netzwelt

Fragwürdige Aldi-Werbekampagne

Eltern sollen Profi-Gamer als Spielverderber engagieren

Wie bekommen Eltern Kinder von der Konsole weg? Aldi Großbritannien schlägt jetzt einen ungewöhnlichen Weg vor - und sorgt damit bei Gamern für Verwunderung.

Screenshot aus Aldi-Video

Donnerstag, 14.03.2019   18:25 Uhr

Das Abendessen ist fertig - doch der Nachwuchs kommt einfach nicht, weil zum Beispiel "Fortnite" viel reizvoller ist? Solche Situationen kennen viele Eltern - und die Mitarbeiter der Werbeabteilung von Aldi Großbritannien offenbar auch. Sie widmen dem Thema derzeit eine Kampagne namens Teatime Takedown, bei der Zweifel bleiben, ob sie einerseits ernst gemeint und anderseits gut durchdacht ist.

Eltern von Kindern, die einfach nicht von der Spielkonsole loskommen, sollen sich angeblich bei Aldi Hilfe holen können: Dafür sollen sie dem Unternehmen den Online-Spielernamen ihres Kindes übermitteln, etwa fürs Playstation Network.

Aldi will dann angeblich "eine Elitetruppe von Profispielern" losschicken, die die Kinder online besiegt. So hätten die Kinder "keine Ausrede mehr, nicht am Tisch zu sitzen, wenn das Abendessen fertig ist". Ein Werbevideo zur Aktion zeigt vor Wut über Misserfolge ausrastende Kinder.

Website zur Aktion

Die Takedowns sollen der Kampagnenseite zufolge an bestimmten Tagen im März zwischen 17 und 20.30 Uhr stattfinden. Eine der Aktionen ist außerdem für den 31. März, den britischen Muttertag, zwischen 12 und 20 Uhr angekündigt.

Anmeldewillige Eltern fragt Aldi außer nach dem Spielernamen noch nach dem vermutlich vom Kind gespielten Spiel. Außerdem soll in das Anmeldeformular eine Handynummer, eine E-Mail-Adresse und der Namen der Person, die die Anmeldung vornimmt, eingetragen werden.

Den Geschäftsbedingungen von Teatime Takedown zufolge steht hinter der Aktion die Kommunikationsagentur McCann. Die Pro-Gamer, die die Kinder besiegen sollen, stellt demnach die E-Sport-Firma Veloce Esports. Und eine dritte Firma namens PromoVeritas bietet augenscheinlich einen SMS-Dienst an, der zur Kommunikation mit den Eltern genutzt wird.

Die Abläufe bleiben unklar

Wie genau sich Aldi die Online-Takedowns vorstellt, bleibt im Detail unklar. Die Geschäftsbedingungen deuten darauf hin, dass die Zielperson vorab kontaktiert wird, entweder "über eine geschriebene Nachricht" oder "mündlich über die Plattform/den Sprachchat des Spiels". Ein Takedown werde nicht möglich sein, wenn die Zielperson nicht gegen die Profi-Gamer spielen wolle, heißt es.

Die Kontaktaufnahme werde nach einem von Aldi vorab geprüften Skript ablaufen, schreibt Aldi weiter. Ebenso wird in den Bedingungen bereits angedeutet, dass das Unternehmen ein Interesse daran hat, mit den teilnehmenden Eltern für Werbezwecke zusammenzuarbeiten. Außerdem behält sich Aldi vor, die Aktion jederzeit zu beenden oder überhaupt nicht durchzuführen.

Ungeklärt bleiben indes andere Fragen: Was passiert eigentlich, wenn ein Kind es schafft, einen der Profi-Gamer zu besiegen? Oder wenn ein Kind anfängt, seine Gegner zu beleidigen oder umgekehrt? Und: Wie genau wird Aldi prüfen, ob es wirklich die Eltern waren, die jemanden als Gegner für die Pro-Gamer auserkoren haben? Der Nutzername der meisten Konsolenspieler ist nämlich kein Geheimnis, das nur die Eltern kennen.

Offenbar keine Gaming-Experten

Überhaupt scheint Aldis Werbeabteilung sich mit Gaming nicht allzu gut auszukennen: So steht als Plattform, auf der jemand spielt, neben der Playstation 4 und der Xbox One auch Twitch zur Auswahl. Das jedoch ist eine Streamingplattform, keine Konsole.

In den sozialen Netzwerken spotten Gamer nicht nur deswegen über Aldis Kampagne. Viele Spielefans ärgert auch, dass Aldi das Abendessen-Problem so darstellt, als sei es durch klare Absprachen mit den Kindern oder durch Erziehung nicht zu lösen.

Hinzu kommt, dass die Aktion unschöne Assoziationen zum sogenannten Swatting weckt: Dabei täuschen Menschen einen Notfall bei jemand anderem vor, mit dem Ziel, dass die Polizei oder direkt ein Swat-Team, eine US-Spezialeinheit etwa für Geiselnahmen oder Amokläufe, bei einer bestimmten Person auftaucht. Solche vermeintlich lustigen Aktionen sind schon tödlich ausgegangen.

Diese Gefahr immerhin besteht bei der Aldi-Kampagne nicht. Zuhause könnte das Projekt aber trotzdem für Unmut sorgen: Denn gesichert ist es wohl nicht, dass sich Kinder freuen, wenn sie erfahren, dass ihre Eltern Profi-Gamer auf sie angesetzt haben - im Zuge einer Werbeaktion von Aldi.

mbö

insgesamt 19 Beiträge
frenchie3 14.03.2019
1. Schon wieder ein Murmeltier
Aufreger für nix, null, nichts. Mann, dann sollte man endlich einführen daß Werbung nur noch wahr sein darf - ohne Übertreibungen oder überhaupt Ideen. Der Vorteil ist daß bei ehrlicher Werbung 90 Prozent der Produkte vom [...]
Aufreger für nix, null, nichts. Mann, dann sollte man endlich einführen daß Werbung nur noch wahr sein darf - ohne Übertreibungen oder überhaupt Ideen. Der Vorteil ist daß bei ehrlicher Werbung 90 Prozent der Produkte vom Markt fliegen was beispielsweise bei Lebensmitteln die Gesundheitsdiskussion beruhigen würde
nachtmahr79 14.03.2019
2.
Totaler Quatsch! Erinnert an die - grandios gescheiterte - Aktion feministischer Gamer, die Spielern, die weibliche Spieler beleidigen, Profigamer auf den Hals hetzen wollte. Es gibt tatsächlich nur sehr wenige Spiele, in denen [...]
Totaler Quatsch! Erinnert an die - grandios gescheiterte - Aktion feministischer Gamer, die Spielern, die weibliche Spieler beleidigen, Profigamer auf den Hals hetzen wollte. Es gibt tatsächlich nur sehr wenige Spiele, in denen jemand einen anderen Spieler so dominieren kann, dass dieser frustriert den Controller in die Ecke wirft Im Zweifel wechselt man halt den Server oder spielt Single-Player-Modus. Man könnte sein Profil auch auf unsichtbar stellen... wie einen die Profigamer dann finden wollen bleibt unbeantwortet.
libertarian2012 14.03.2019
3.
Ich habe Videospiele schon immer fuer Zeitverschwendung gehalten und selbst nie gespiel. Wie ich meinen Sohn ueberzeugen kann, was man mit der Zeit alles besseres machen kann, weiss ich noch nicht. Aber richtig erschuetternd fand [...]
Ich habe Videospiele schon immer fuer Zeitverschwendung gehalten und selbst nie gespiel. Wie ich meinen Sohn ueberzeugen kann, was man mit der Zeit alles besseres machen kann, weiss ich noch nicht. Aber richtig erschuetternd fand ich, dass die Menschheit jede Woche 3 Milliarden Stunden mit Gedaddel verbringt. Man stelle sich vor, welche Probleme geloest werden koennten, wenn nur 10% davon mit irgendetwas Kreativem und/oder Produktivem verbracht wuerde.
mens 14.03.2019
4. Hallo, es ist Werbung!
Und sie hat es bis in SPON geschafft. Solche Konzepte denken sich im allg. Werbe-Kreative aus, um neuartig und unterhaltend auf eine Marke aufmerksam zu machen. Das haben sie geschafft. Mit Sternchen und lachender Sonne. Was [...]
Und sie hat es bis in SPON geschafft. Solche Konzepte denken sich im allg. Werbe-Kreative aus, um neuartig und unterhaltend auf eine Marke aufmerksam zu machen. Das haben sie geschafft. Mit Sternchen und lachender Sonne. Was passiert, wenn das Kind gewinnt? Es muß nicht den Fraß essen, den man ihm in diesem Land als Essen vorsetzt. Mit anderen Worten interessiert nicht, weil die Idee witzig ist. Die auch verdammt danach riecht zu einem Werbe-Award eingesendet zu werden. Und ggf. nur dafür gemacht worden ist. Schön Fake-dokumentiert natürlich.
dosmundos 14.03.2019
5.
Klingelputz bei den alten Motzliesen in der Nachbarschaft zum Beispiel, oder das Nachbarskind verprügeln, oder der Katze einen Knallfrosch an den Schwanz binden. Oder Wettrennen mit getunten Mopeds? Komasaufen an der Tanke? [...]
Zitat von libertarian2012Ich habe Videospiele schon immer fuer Zeitverschwendung gehalten und selbst nie gespiel. Wie ich meinen Sohn ueberzeugen kann, was man mit der Zeit alles besseres machen kann, weiss ich noch nicht. Aber richtig erschuetternd fand ich, dass die Menschheit jede Woche 3 Milliarden Stunden mit Gedaddel verbringt. Man stelle sich vor, welche Probleme geloest werden koennten, wenn nur 10% davon mit irgendetwas Kreativem und/oder Produktivem verbracht wuerde.
Klingelputz bei den alten Motzliesen in der Nachbarschaft zum Beispiel, oder das Nachbarskind verprügeln, oder der Katze einen Knallfrosch an den Schwanz binden. Oder Wettrennen mit getunten Mopeds? Komasaufen an der Tanke? Prügeln mit verfeindeten Hools? ... Ach nee, wir haben früher ja immer alten Frauen über die Straße geholfen, stimmt ja!

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