Netzwelt

Mutproben und Social Media

"Zeigen, dass man dazugehört"

Für Likes laufen Menschen gegen die Wand oder beißen auf Waschmittelkapseln: Dank der sozialen Medien machen teils gefährliche Mutproben weltweit Furore. Sind Online-Challenges ein Grund zur Sorge?

Netflix

Szene aus "Bird Box"

Freitag, 11.01.2019   11:27 Uhr

Viele Menschen setzen sich in diesen Tagen Augenbinden auf, irren durch ihre Wohnungen und verbreiten Videos davon in den sozialen Medien. Warum machen Menschen so etwas Blödsinniges? Inspiriert zu der Mutprobe hat sie der Thriller "Bird Box" des Streamingdienstes Netflix, in dem Sandra Bullock mit einer Augenbinde um den Kopf vor einer dunklen Macht flieht. Die Videos der Nachahmer sammeln sich auf Instagram, Twitter und Facebook unter dem Hashtag #birdboxchallenge.

In einem der kurzen Clips rennt ein Mann mitsamt zwei Kindern an seinen Händen blind durch ein Zimmer - bis das kleinere Kind gegen die Wand prallt. Andere Videos zeigen Autofahrer hinter dem Steuer mit verbundenen Augen.

Netflix selbst sah sich nach der ersten Welle sogar genötigt, eine Warnung auszusprechen (die zugleich natürlich auch Werbung für den Film war). "Ich kann nicht glauben, dass ich das sagen muss", hieß es auf dem Twitteraccount des Streaminganbieters. "Bitte verletzt euch nicht bei dieser 'Bird-Box-Challenge'."

Video zur "Bird-Box-Challenge"

Foto: DPA

Die "Bird-Box-Challenge" ist nur eine von diversen Mutproben, die in den vergangenen Jahren in sozialen Netzwerken für Furore sorgten. Bei der "Ice Bucket Challenge" etwa schütteten sich die Teilnehmer für den guten Zweck Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf und spendeten für die Erforschung der Nervenkrankheit ALS.

Bei der "Plank Challenge" machten Tausende an den ungewöhnlichsten Orten Fitnessübungen. Und bei der "Choking Challenge", die Medienberichten zufolge sogar Todesopfer forderte, fielen Menschen absichtlich in Ohnmacht. All das ist auf Video festgehalten und für alle sichtbar ins Netz gestellt worden.

"Zeigen, dass man dazugehört"

"Man macht dort mit, um zu zeigen, dass man dazugehört", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt, der am Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung neue Öffentlichkeiten der Onlinewelt erforscht. Neben dem Gewinn von Informationen seien Selbstdarstellung und Beziehungspflege die wichtigsten Funktionen, die soziale Medien für ihre Nutzer erfüllen.

Von herkömmlichen Mutproben, wie man sie seit Langem vom Schulhof kennt, unterscheiden sich die Challenges dem Forscher zufolge hauptsächlich durch ihre hohe Reichweite.

Während manche Aktionen wie die "Ice Bucket Challenge" durch ihre Spenden einen guten Zweck verfolgen, geht es bei anderen lediglich ums Mitmachen und Zurschaustellen von sich selbst. Bei einigen davon ist das recht harmlos. Dazu gehören Tanz-Challenges wie der aus New York importierte "Harlem Shake" oder die "Mannequin Challenge", bei der man in einer reglosen Pose verharrt.

Gefährlicher wird es bei Aktionen wie der "Tide Pod Challenge", für die die Teilnehmenden auf Waschmittelkapseln bissen. Den eigenen Mut zu beweisen und sich dabei vielleicht sogar gesundheitlich zu schaden, liegt bei manchen Internettrends in der Natur der Sache.

Mehr Aufmerksamkeit als früher

"Diese Fälle gibt es, weil manche Challenges riskant sind. Es hat aber nichts direkt mit der Verbreitung über soziale Medien zu tun", meint Medienforscher Schmidt. Er glaubt nicht, dass dabei mehr Menschen zu Schaden kommen als bei anderen Mutproben. Durch das Internet bekämen diese Fälle lediglich mehr Aufmerksamkeit.

Die von der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz koordinierte EU-Initiative "klicksafe" rät, Beiträge von risikoreichen Challenges nicht weiterzuverbreiten. Das Gleiche gelte auch für Warnungen vor den Aktionen - da auch diese die Verbreitung anheizten.

Ganz vermeiden lässt es sich jedoch wohl auch in Zukunft nicht, dass Menschen sich für 30 Sekunden Aufmerksamkeit blaue Flecken holen oder giftige Stoffe einverleiben. "Das ist eben ein popkulturelles Phänomen", sagt Schmidt.

Im Zweifel hilft nur: Abwarten. Denn viel länger als ein paar Wochen hat sich noch kein Trend dieser Art gehalten.

Larissa Schwedes, dpa/mbö

insgesamt 5 Beiträge
andreasclevert 11.01.2019
1. unaufgeregte Darstellung eines Phänomen
Tut gut, einfach sachlich und kurz von solchen Dingen zu lesen. Es stimmt, es gibt immer noch ein Recht auf Blödheit. Das soll man den Leuten auch gönnen. Kopfschütteln und weitermachen.
Tut gut, einfach sachlich und kurz von solchen Dingen zu lesen. Es stimmt, es gibt immer noch ein Recht auf Blödheit. Das soll man den Leuten auch gönnen. Kopfschütteln und weitermachen.
alzaimar 11.01.2019
2. Darwin
Lasst die Leute nur machen, schließlich hat Darwin immer funktioniert. Es bleiben die übrig, die nicht komplett behämmert sind.
Lasst die Leute nur machen, schließlich hat Darwin immer funktioniert. Es bleiben die übrig, die nicht komplett behämmert sind.
herrbianco 11.01.2019
3.
So wie die ersten beiden geschätzten Kommentatoren sehe ich das auch. Die Gesellschaft kommt nicht weiter, wenn man die Zellhaufen dauerhaft mitzieht. Man sollte denen, die danach drängen, auch die Chance geben, sich aus dem [...]
So wie die ersten beiden geschätzten Kommentatoren sehe ich das auch. Die Gesellschaft kommt nicht weiter, wenn man die Zellhaufen dauerhaft mitzieht. Man sollte denen, die danach drängen, auch die Chance geben, sich aus dem Genpool zu subtrahieren und nicht für alles ein Netz und doppelten Boden einziehen.
Vorzeichen 11.01.2019
4. Funktioniert nicht immer
Da bin ich nicht so optimistisch, denn Sie wissen ja: Das Glück ist mit den Dummen. Die Welt braucht viel mehr von diesen Hypes; und außerdem sollte Netflix die Warnungen abschalten.
Zitat von alzaimarLasst die Leute nur machen, schließlich hat Darwin immer funktioniert. Es bleiben die übrig, die nicht komplett behämmert sind.
Da bin ich nicht so optimistisch, denn Sie wissen ja: Das Glück ist mit den Dummen. Die Welt braucht viel mehr von diesen Hypes; und außerdem sollte Netflix die Warnungen abschalten.
angst+money 11.01.2019
5.
Angst davor dass der dümmere Teil der Menschheit ausstirbt braucht man nicht zu haben. Die Zahlen sind stabil.
Angst davor dass der dümmere Teil der Menschheit ausstirbt braucht man nicht zu haben. Die Zahlen sind stabil.

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