Netzwelt

Ein Jahr #MeToo

"Für Frauen wird es online schnell besonders ekelhaft"

Ohne das Internet hätte die #MeToo-Debatte nie eine solche Wucht entfaltet. Gleichzeitig werden Frauen gerade dort mit Hass überschüttet, sagt Autorin Ingrid Brodnig. So könnte sich das ändern.

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Mittwoch, 10.10.2018   10:19 Uhr
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SPIEGEL ONLINE: Frau Brodnig, die #MeToo-Debatte jährt sich. Was hat dieser Hashtag bewirkt?

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Heft 54/2018
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100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Brodnig: Der Vorwurf, den sich viele Frauen bei #MeToo anhören müssen, ist ja: Warum sprecht ihr jetzt über etwas, was euch vor langer Zeit passiert ist? Aber genau das ist die Macht der Hashtags: Plötzlich reden wir über etwas, was vorher auch schon da war. Wir hatten vorher offensichtlich keinen Rahmen, um Gewalt gegen Frauen - seien es verbale Attacken oder sexuelle Gewalt - offen zu thematisieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Kritiker finden die Debatte übertrieben.

Brodnig: Es passt zur Problematik, dass wir beim Thema #MeToo eine starke Polarisierung im Netz erleben: Ein Teil der Nutzer macht mit, ein anderer Teil wendet sich umso wütender ab. Insgesamt halte ich die Wirkung des Hashtags für sehr positiv. Die Solidarität, die Betroffene erleben konnten, ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Das Netz hat die weltweite Debatte ermöglicht. Gleichzeitig erleben gerade Frauen online viel Hass. Wie beurteilen Sie das Problem?

Brodnig: Alle Geschlechter sind von Hass im Netz betroffen. Im Internet wird generell schneller und härter gestritten als offline. Nur für Frauen wird es online schnell besonders ekelhaft. Sie erleben ein anderes, sexistischeres Internet. Untersuchungen zeigen, dass junge Frauen etwa doppelt so oft mit sexueller Belästigung im Netz konfrontiert sind wie gleichaltrige Männer.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Brodnig: Im Internet spüre ich nicht, was ich anrichte. Wenn ich einer Frau wünsche, sie soll doch vergewaltigt werden, dann sehe ich nicht, wie die Frau reagiert. Diese Unsichtbarkeit im Netz macht es leichter, zu drohen und zu beleidigen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, der Frauenhass im Netz hat gar keine Offline-Entsprechung?

Brodnig: Doch. Der Sexismus in unserer Gesellschaft wird im Netz sichtbarer. Online sehen wir Frauenfeindlichkeit, von der es Menschen nicht wagen würden, diese offline zu zeigen. Ein Faktor ist auch die Anonymität: Gerade die übelsten Herabwürdigungen erhalten Feministinnen oft als anonyme E-Mail. Es gab schon immer Frauenhasser. Aber im Netz fühlt sich diese Minderheit freier und tut sich leichter, Gleichgesinnte zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat der Frauenhass im Netz?

Brodnig: Die Gefahr ist, dass weibliche Stimmen weggemobbt werden und verstummen. Und dann jene Männer den Diskurs bestimmen, die Rüpel sind.

SPIEGEL ONLINE: Als einzelner Nutzer kommt man gegen das vergiftete Debattenklima aber gefühlt kaum noch an.

Brodnig: Viele von uns haben Online-Attacken schon als unbeteiligte Nutzer beobachtet - und waren vielleicht still, weil sie dachten: Mir fällt gerade kein cleverer Kommentar ein. Dabei muss man nicht immer eloquent sein. Oft reicht es, Solidarität zu zeigen und dem Opfer zu signalisieren: Hey, der Angreifer ist das Problem, nicht du. Wer selbst strafrechtlich relevante Beleidigungen oder Bedrohungen erhält, sollte in solchen Härtefällen eine Anzeige prüfen. Die meisten haben keine Kriegskasse daheim für solche Prozesse, aber wer es sich leisten kann, sollte das durchfechten. Politikerinnen zum Beispiel. Das hätte abschreckende Wirkung.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern sind Plattformen wie Facebook oder Twitter verantwortlich?

Brodnig: Wenn Sie erfolgreich werden wollen im Internet, ist ein guter Tipp leider: Schüren Sie Wut! Wut ist eine aktivierende Emotion und führt zu mehr Interaktionen. Wenn ein Beitrag viele Kommentare erntet, blendet das Facebooks Software umso mehr Menschen ein - schlimmstenfalls belohnt die Plattform Beiträge, die Wut säen.

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SPIEGEL ONLINE: Wie können wir die Tech-Firmen zur Verantwortung ziehen?

Brodnig: Wir sollten es nicht hinnehmen, dass die Logik der Plattformen womöglich auch jene digitale Debatte verstärkt, in der Rüpel mehr Aufmerksamkeit bekommen als gemäßigte Stimmen. Das muss nicht so sein. Den Menschen zu verändern ist schwer, aber die Technik könnten wir doch adaptieren. Facebook passt seinen Algorithmus doch sowieso ständig an und hat laufend unterschiedliche Versionen im Live-Test.

SPIEGEL ONLINE: Was genau müsste passieren?

Brodnig: Die Plattformen sollten unabhängige Wissenschaftler endlich in den Maschinenraum blicken lassen und ihnen Daten bereitstellen. Die Gesellschaft muss bei wichtigen Algorithmen wissen, nach welchen Regeln sie funktionieren. Deshalb braucht es Transparenzvorgaben. Die könnten zum Beispiel von der EU oder auch Deutschland kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das überhaupt umsetzbar und zweckmäßig?

Brodnig: Es geht nicht darum, dass die Plattformen alle Firmengeheimnisse und ihren Quellcode offenlegen. Wichtig wäre es, einer unabhängigen Prüfkommission Zugang zu bestimmten Daten zu verschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Daten könnten das sein?

Brodnig: Bei Facebook zum Beispiel: Aus welchem Pool an Beiträgen werden welche Posts ausgewählt und dem Nutzer gezeigt? Daraus Erkenntnisse abzuleiten ist mühsam, aber möglich. Forscher könnten so nicht alle Fragen auf einmal beantworten, aber schrittweise Aufklärung bringen. In der Lebensmittelindustrie gibt man auch nicht alle Kontrollen auf, weil man nicht in jede Tüte Chips hineinschauen kann.

Im Video: Die Unbeugsamen - Deutschlands starke Frauen

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insgesamt 101 Beiträge
DerÜblicheVerdächtige 10.10.2018
1.
Einer der Gründe ist, dass Männer sich besonders "männlich" fühlen müssen, indem sie anderen eben jene Männlichkeit absprechen oder sich besonders "hart" verhalten. Es werden nicht nur Frauen mit Hass [...]
Einer der Gründe ist, dass Männer sich besonders "männlich" fühlen müssen, indem sie anderen eben jene Männlichkeit absprechen oder sich besonders "hart" verhalten. Es werden nicht nur Frauen mit Hass überschüttet (teilweise auch gezielt, um der #me2 - Bewegung ihre gesamte Legitimität abzusprechen, sondern auch Männer als Schwuchteln, unmännlich, Nestbeschmutzer und ähnliches beschimpft. Die ... ich scheue mich, sie Betroffe zu nennen ... die Ziele, welche die aktuelle Bewegung in ihrem abartigen Verhalten blossstellen will, fühlen sich bedroht und ihren "Status" und schalten auf Abwehr, um den Status quo zu erhalten. Auch wenn das natürlich nicht angemessen ist.
JensS 10.10.2018
2.
Jeder der eine öffentliche Plattform im Internet betreibt weiß, dass der Diskussionston vom Betreiber gesetzt wird. Nutzer versuchen die Grenzen auszutesten und wenn man sie gewähren lässt versinkt jede Plattform nach kurzer [...]
Jeder der eine öffentliche Plattform im Internet betreibt weiß, dass der Diskussionston vom Betreiber gesetzt wird. Nutzer versuchen die Grenzen auszutesten und wenn man sie gewähren lässt versinkt jede Plattform nach kurzer Zeit im Chaos. Ob das ein soziales Netzwerk oder eine Plattform zum Austausch von Kochrezepten oder Strickmustern ist, spielt da keine Rolle. Selbst bei den harmlosesten Themen findet sich irgendein Troll der dann die Diskussion vergiftet. Wissen die Nutzer das beleidigende und unsachliche Beiträge sowieso nach kurzer Zeit gelöscht werden und sie im Wiederholungsfall gelöscht werden, dann erledigt sich das Problem recht schnell von alleine. Das hat auch nix mit Zensur zu tun, denn man kann auch Kontroverse Themen sachlich und ohne andere zu beleidigen diskutieren. Letztendlich hilft hier auch die Abstimmung mit den Füßen. Wenn man merkt, das ein Betreiber sich nicht darum kümmert wie auf seiner Plattform diskutiert wird - Hauptsache das Geld fließt - dann sollte man sich eben mal überlegen ob man da weiterhin sein will.
touri 10.10.2018
3.
Ich benutze das Internet seit ca. Mitte der Neunziger u.a. als Spiele und Diskussionsplattform und kann bestätigen, dass Frauen (soweit sie sich als solche zu erkennen geben) härter, bzw. anders, angegangen werden als Männer. [...]
Ich benutze das Internet seit ca. Mitte der Neunziger u.a. als Spiele und Diskussionsplattform und kann bestätigen, dass Frauen (soweit sie sich als solche zu erkennen geben) härter, bzw. anders, angegangen werden als Männer. Meiner Erfahrung nach hängt das aber stark davon ab wo man sich im Internet aufhält. Auf gut moderierten Diskussionsseiten gibt es in aller Regel keine Probleme. Jeder kennt die Regeln und Regelverstöße werden geandet, daher ziehen die wirklichen Frauenhasser weiter. Auch in MMORPGs (langjähriger Spieler gewesen) gibt es wenig Probleme, weil auch hier zum einen moderiert wird, zum anderen die Nutzergruppe mittlerweile vermutlich sich im Schnitt bei 25-30 Jahren bewegt (war Jahre selbst Gildenführer, der Älteste bei uns war über 65, die Jüngsten so im Anfang 20 Bereich, Schnitt vielleicht Mitte 30, übrigens sicherlich auch ca 40% weiblich). Schlimm ist es dort wo nicht oder nur unzureichend moderiert wird, insbesondere wenn sich dort viele "kiddis" aufhalten. Nach meiner Erfahrung sind es nämlich meistens Kids die noch keine Umgangsformen gelernt haben und es "geil" finden anonym Leute zu mit den schlimmsten Kraftausdrücken zu belegen die ihnen einfallen. Ich würde vermuten, das die meisten nicht einmal spezifisch frauenfeindlich sind sondern auf diese weise Aufmerksamkeit generieren wollen. Und die sind bei Frauen leider in aller Regel sexistisch. Das Problem kenne ich insbesondere bei Shootern (PUPG wäre ein aktuelles Beispiel, wo ich auch in meiner aller ersten Runde gleich den Voicechat ausgemacht hab, nachdem alles was ich gehört habe "kurva" und ähnliches war). Auch sind manche Menschen der Meinung zu Beleidigungen greifen zu müssen, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Und auch hier besteht das oben angesprochene Problem, das spezifische Frauenbeleidigungen häufig sexistisch sind. Das heißt nicht, das sich Männer weniger anhören müssen, es geht nur nicht so häufig unter die Gürtellinie.
rossie 10.10.2018
4.
Das sind vernünftige Vorschläge meines Erachtens. Was die #MeToo-Sache betrifft: Ich finde, es gibt schon Momente, wo Vorverurteilung droht - was natürlich vollkommen falsch ist - und wo einzelne Personen (also meistens Frauen) [...]
Das sind vernünftige Vorschläge meines Erachtens. Was die #MeToo-Sache betrifft: Ich finde, es gibt schon Momente, wo Vorverurteilung droht - was natürlich vollkommen falsch ist - und wo einzelne Personen (also meistens Frauen) argumentativ/reaktiv über die Stränge schlagen. Das ist aber auch und vor allem schade, weil es die große Notwendigkeit und Richtigkeit der #Me-Too-Bewegung wiederum schwächen kann und als geschenkte Munition für deren Gegner dient. Wenn ich als Mann mitkriege, was manche andere Männer für (massenhafte) kranke Herabwürdigungen von Frauen und sexualisierte/gewaltätige Beleidigungen von und Drohungen gegen Frauen im Internet (und sonstwo) absondern, wird mir schlecht. Da ist tatsächlich ein ganz große Änderungsbedarf in der Gesellschaft und #MeToo ist auf jeden Fall, grundsätzlich, eine gute Sache.
Hanz Gruber 10.10.2018
5. wieder ein sexistischer Artikel
Wieder ein Metoo Artikel der den tiefgreifenden Sexismus in der Öffentlichkeit zeigt. Wieder sind Frauen Opfer und Männer durchgängig die Täter (Rüpel). Diese altertümliche Ansicht vom schwachen Mädchen das unbedingt [...]
Wieder ein Metoo Artikel der den tiefgreifenden Sexismus in der Öffentlichkeit zeigt. Wieder sind Frauen Opfer und Männer durchgängig die Täter (Rüpel). Diese altertümliche Ansicht vom schwachen Mädchen das unbedingt besonderen Schutz durch alle bekommen muss, scheint auch beim Spiegel tief verwurzelt zu sein. Hier zeigt sich tiefgreifender Sexismus der ernsthaft angegangen werden müsste, ansonsten kann man scheinheilige MeToo Debatten nur als lächerlich bezeichnen. Wirkliche Gleichberechtigung wird erst erfolgen wenn das tief verzehrte Genderbild der immer schwachen und hilflosen Frau und des immer starken und übergreifenden Mannes endlich verschwindet. Hass im Internet ist ein generelles aber kein Gender spezifisches Problem. Nicht nur Frauen schlägt Hass im Internet entgegen, dies trift auch auf Männer zu. Kritische Beiträge von Gender Neutralen Nicknames werden ebenso heftig angegangen wie die von eindeutig weiblichen Autoren. Einen sexistischen Hintergrund haben wir hier aber schon, dieser sorgt auch dafür das Statistiken hier massiv verfälscht sind, Männer sind dazu erzogen mit Gegenwehr umzugehen und keine schwäche zu zeigen, Frauen hingegen ist es erlaubt unter Druck zusammen zu brechen. Würden sich Männer über Hasskommentare beschweren, würden diese im Gegenzug als Schwächlinge bezeichnet, eine Frau dagegen wird daraufhin als stark bezeichnet, die sich wehrt.
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