Netzwelt

Facebook und Co.

Wir tippen im Dunkeln

Der Normalzustand sozialer Medien ist heute nicht mehr öffentlich. Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. "Dark Social" - das, was von außen unsichtbar stattfindet, gewinnt an Bedeutung.

DPA

Icons von Apps wie Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat

Eine Kolumne von
Mittwoch, 07.02.2018   16:55 Uhr

Ein Feuerwerk der Technologie, weltweite Euphorie, funkelnde PR-Visionen hat Elon Musk, der Steve Jobs der Millennials, in den letzten Tagen gezündet. Ein neuer Technikoptimismus scheint heraufzuziehen. Aber so interessant die neue Freude am Gerät erscheint, so sehr wird dadurch auch eine Leerstelle betont: Elon Musks Schaffen ist zwar radikal digital geprägt, könnte aber selbst nicht weiter vom Internet entfernt sein. Raketen, Marsflüge, Hochgeschwindigkeitszüge, Elektroautos, erneuerbare Energien - weniger Netz geht kaum, wenn man von der Zukunft spricht.

Gleichzeitig steht die Vorreiterfigur der sozialen Medien, Mark Zuckerberg, massiv in der Kritik. Ich halte das für ein Symptom der Krise der digitalen sozialen Öffentlichkeit. Über die Vernetzung zwischen Menschen lässt sich derzeit wenig Positives sagen. Es wäre auch nicht glaubwürdig, weil sich in der öffentlichen Wahrnehmung gerade etwas grundlegend ändert.

Meine These: Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. Das Private ist immerhin nicht politisch - auf die Weise, wie "Politik" in öffentlichen sozialen Medien so absurd anstrengend sein kann. Öffentlichkeit hat sich für die meisten Menschen offenbar nicht als wertvoll erwiesen.

Junge Menschen sind heute zwar äußerst aktiv im sozialen Netz, allerdings sehr viel intensiver dort, wo soziale Medien nicht öffentlich oder halböffentlich sind: in privaten digitalen Räumen, allen voran WhatsApp, ab Werk nichtöffentlichen Messengern und Gruppenchats. Die frühere Erfolgsgeschichte von Snapchat war sogar angetrieben von einer ausschließenden und damit öffentlichkeitsreduzierenden Haltung. Die App war schon so gestaltet, dass sich digital Spätsozialisierte kaum damit zurechtfanden.

Soziale Medien sind eindeutig in einer weltweiten Krise

Seit 2012 existiert der Begriff Dark Social, gemeint war damit der Teil der sozialen Medien, der von außen nicht zugänglich unter der Oberfläche stattfindet: Messenger, Chats, auch private E-Mail-Verteiler. Bisher hat man das als Sonderfall behandelt. Aber ich glaube, es hat sich umgekehrt. Der Normalzustand von Social Media ist heute nicht mehr öffentlich. Es gibt lediglich einen Teil, den man "Public Social" nennen könnte. Public Social ist gewissermaßen die Spitze des sozialmedialen Eisbergs, auf den ersten Blick sichtbar, aber in der Gesamtbetrachtung klein.

Soeben haben ehemalige Mitarbeiter von Facebook und Google, darunter der Erfinder des Like-Buttons, eine Kampagne gestartet, die sie "The Truth about Tech" nennen, "Die Wahrheit über Digitalkonzerne". Ihre Kommunikation wirkt an vielen Stellen überzogen bis angstheischend, weil ihre Verkündungsgewissheit die gleiche Qualität hat wie ihre frühere Absolutheit, Technik werde die Welt in ein goldenes Zeitalter führen. Die Kampagne ist damit typisch für das Differenzierungsproblem der gesamten Debatte über soziale Medien, sie ist vergleichbar nervig wie der zum verbissenen Zigarettenmahner gewordene Ex-Raucher.

Trotzdem ist "The Truth about Tech" ein Symptom: (Öffentliche) soziale Medien sind eindeutig in einer weltweiten Krise. Schon die Mitverantwortung bei der Wahl der faschistoiden Ego-Tröte Trump würde dafür ausreichen, aber es wird schlimmer. Facebook wirkt auf den Philippinen und in Kambodscha als Unterdrückungsinstrument. Die Regierungen "benutzen Facebook als Waffe", schreibt "Bloomberg", indem aufhetzende Propaganda verbreitet wird. Die genozidalen Gewaltexzesse gegen die Rohingya in Burma sind offenbar zum Teil zurückzuführen auf Falschnachrichten, verbreitet in öffentlichen sozialen Medien. Ein Facebook-Völkermord könnte entstanden sein, das exakte Gegenteil aller ursprünglichen Intentionen, mit sozialen Netzwerken die Welt zu verbessern.

Die Filterblase als soziales Schutzmilieu

Leider ist es nicht so, dass die private Sphäre sozialer Medien diesbezüglich unschuldig daherkommt. Denn das Phänomen der gezielt verfälschten Nachrichten sickert auch in die nichtöffentlichen sozialen Medien, die Verschiebung ins Private betrifft fast alle Digitalphänomene. Aus Indien, Kenia oder Katalonien sind dazu offizielle Statements bekannt, dass hassanheizende Inhalte via WhatsApp oder Facebook Messenger zu einer Epidemie geworden seien, die Gewalt nach sich ziehe. Das zeigt, dass die Probleme mit sozialen Medien insgesamt wesentlich größer sind als nur der öffentlich sichtbare Teil.

Es gibt keine digitale Plattform, auf der sich Debatten und Diskussionen so wunderbar und produktiv führen lassen wie auf Facebook - wenn man über eine gut gepflegte soziale Umgebung verfügt. Aber "gut gepflegt" bedeutet zunehmend nicht öffentlich. Der Begriff Filterblase bezeichnete ursprünglich ein bedenkliches Phänomen, nämlich, dass soziale Medien Echokammern der Selbstbestätigung begünstigen. Inzwischen wird Filterblase eher als soziales Schutzmilieu verstanden, als selbst zusammengestellter Kommunikationsraum, der bestimmte Formen des Austauschs überhaupt erst ermöglicht. Schon lange taumelt Facebook mit geschlossenen Gruppen und der oft beklagten Undurchsuchbarkeit zwischen privat, halbprivat und öffentlich hin und her. Aber sogar hier lässt sich eine Verschiebung weg von Public Social erkennen: Die letzten Änderungen an Facebooks Newsfeed sollen wieder mehr Freunde anzeigen und weniger große Medien, deren Seiten als Teil der Öffentlichkeit betrachtet werden müssen.

Auch der Erfolg von Podcasts ließe sich so erklären: Podcasts verlangen vom Publikum die Investition von Zeit, Ruhe und Konzentration. Sie sind anders als Text kaum zu überfliegen und viel schwieriger zitatweise zu verbreiten. Dadurch wirken sie, als würden sie abseits der großen Öffentlichkeit stattfinden. "X schrieb auf Twitter/Facebook" ist in redaktionellen Medien allgegenwärtig, "X sagte in einem Podcast" existiert in Deutschland praktisch nicht.

Perfekt abgestimmt - aber nur auf die Bedürfnisse der Werbetreibenden

Vielleicht differenzieren sich soziale Medien gerade aus, rütteln sich evolutiv zurecht, und der Teil "Public Social", den man bisher für den wichtigsten hielt, wird in den Köpfen der Menschen zweitrangig. Wenn das so ist, dann fiele ein weiterer Traum der Frühzeit des Netzes in sich zusammen, der brechtsche Radiotraum: Damals, als man dachte, eine Öffentlichkeit, an der alle partizipieren, sei etwas Gutes, Produktives, gar Demokratisierendes. Ich bin überzeugt, dass öffentliche soziale Medien positiv wirken können. Dazu lassen sich schon heute zu viele glänzende Ansätze erkennen. Doch die gegenwärtige Ausprägung erscheint mir als Sackgasse, als riesige Maschinerie, die perfekt abgestimmt ist auf die Bedürfnisse der Werbetreibenden - aber ansonsten blind für die meisten gesellschaftlichen Belange.

So, wie öffentliche soziale Medien im Moment funktionieren - oder besser: nicht funktionieren -, erscheint die Flucht ins Private zu vielen Menschen als vorläufig beste Lösung. Facebook ist auf kommerziell höchst erfolgreiche Weise vorerst gescheitert. Und zwar am Clash zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.

insgesamt 58 Beiträge
quark2@mailinator.com 07.02.2018
1.
Auch wenn es von außen unsichtbar ist, ist es dennoch für die Betreiber sichtbar und analysierbar und ggf. für irgendwelche Dienste, die Zugriff haben. Da fragt man sich, warum das nicht auch direkt zwischen den Personen geht, [...]
Auch wenn es von außen unsichtbar ist, ist es dennoch für die Betreiber sichtbar und analysierbar und ggf. für irgendwelche Dienste, die Zugriff haben. Da fragt man sich, warum das nicht auch direkt zwischen den Personen geht, ohne Konzern im Hintergrund.
Actionscript 07.02.2018
2. Öffentliche soziale Medien sind zu öffentlich und oberflächlich.
Ich habe einen Facebook (FB) Account. Doch den benutze ich vorwiegend, um schnell jemand eine Nachricht zu schicken. Ich beteilige mich kaum an dem, was dort vor sich geht. Ich habe keine anderen Accounts (WhatsApp etc) 1. Vieles [...]
Ich habe einen Facebook (FB) Account. Doch den benutze ich vorwiegend, um schnell jemand eine Nachricht zu schicken. Ich beteilige mich kaum an dem, was dort vor sich geht. Ich habe keine anderen Accounts (WhatsApp etc) 1. Vieles in sozialen Medien ist einfach zu dumm und Zeitverschwendung. 2. Nachrichten beziehe ausschliesslich aus seriösen Medien wie SPON zB., da ich Nachrichten in sozialen Medien absolut nicht traue. 3. Politische Diskussionen auf FB sind gefährlich, denn jeder kann sie lesen. Und sie können eines Tages gegen jemanden verwendet werden. Was WhatsApp usw angeht, ich gehe lieber mit Freunden aus und habe direkten Kontakt. Dazu brauche ich kein Internet und soziale Medien. Mein Hauptfeld des sozialen Mediums ist das SPON Forum, das ich geniesse und von dem ich viel lerne inklusive ihrer Podcasts.
Wulff Isebrand 07.02.2018
3. Was heißt denn digital spät sozialisiert?
Gehöre ich mit knapp über 50 dazu , der seit über 30 Jahren mit Computern zu tun hat? Also ich finde nicht ,aber ich habe mich konsequent Facebook und anderem Social Media Dreck verweigert, weil ich auch noch persönlich mit [...]
Gehöre ich mit knapp über 50 dazu , der seit über 30 Jahren mit Computern zu tun hat? Also ich finde nicht ,aber ich habe mich konsequent Facebook und anderem Social Media Dreck verweigert, weil ich auch noch persönlich mit Menschen in Kontakt treten kann und gerne mein Privatsphäre genieße. Das Gute an diesen Netzwerken war aber, daß dort die pöbler u.s.w. offen zutage traten. Drängt man sie dort weg, ist das Problem ja nicht weg, nur nicht mehr sichtbar. Schlechte Lösung
langenscheidt 07.02.2018
4. Irrtum
Denken wir an die Zeit vor dem Web zurück. Da waren soziale Kontakte und Vernetzungen immer vom privaten Impuls abhängig. Man musste sich bewegen, man musste Entscheidungen wann und wo für Kontakte und Infos treffen. In den [...]
Denken wir an die Zeit vor dem Web zurück. Da waren soziale Kontakte und Vernetzungen immer vom privaten Impuls abhängig. Man musste sich bewegen, man musste Entscheidungen wann und wo für Kontakte und Infos treffen. In den sogenannten social media wird man ungefragt mit Infos und Kontakten zugeschi..en. Um eine Info zu erhalten wann, wo und wer den nächsten Shitstorm erleiden muss oder wo wer irrtümlich jederman zu seinem Geburtstag einlädt werden bald der Vergangenheit angehören und das Web wird erwachsen. Insbesondere bei Facebook begrüße ich, dass es seine Nutzerkonten nach und nach entpolitisieren wird. Die Webseite von Facebook gehört nicht den Nutzern sondern dem Betreiber, der für Rechtsbrüche auf seiner Webseite haftbar gemacht werden kann. WhatsApp kommt dem sozialen Gemeinwesen ohne Web am Nächsten. Man vernetzt sich mit Bekannten, Kollegen, Freunden, Verwandten. Die Diskussionen zu politischen Themen werden wieder auf ein vernunftbegabtes Niveau gehoben. Hass, Pöbelei, Mordaufrufe und dergleichen finden keine öffentlichen Abnehmer mehr.
muellerthomas 07.02.2018
5.
Dass ausgerechnet Lobo so eine strikte Trennung von öffentlich und privat anführt. Schon bei WhatsApp sind viele Menschen in Gruppen, wo sie nicht jeden persönlich kennen oder nicht gut kennen, das setzt sich im [...]
Dass ausgerechnet Lobo so eine strikte Trennung von öffentlich und privat anführt. Schon bei WhatsApp sind viele Menschen in Gruppen, wo sie nicht jeden persönlich kennen oder nicht gut kennen, das setzt sich im Nachbarschaftsforum fort und geht bei Facebook global. Wo ist denn da die Grenze? Ist eine Facebook-Gruppe mit 10.000 Mitgliedern noch privat? Die Übergänge sind fliessend und die verschiedenen "Kreise" üvberlappen sich natürlich. Entsprechend schwierig sind viele Aussagen von Lobo.
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