Netzwelt

Kennzeichnungspflicht für Social Bots

Die elektronische Sau im Dorf

Um die Manipulation von Debatten in sozialen Medien einzudämmen, erwägen Politiker eine Kennzeichnungspflicht für Social Bots. Die Idee ist nicht neu, aber immer noch schlecht.

REUTERS

Apps von Twitter und Facebook

Ein Kommentar von
Montag, 17.12.2018   15:39 Uhr

Ralph Brinkhaus, der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, hat Social Bots entdeckt - zumindest als schlagzeilenträchtiges Thema. Social Bots sind Programme, die in sozialen Netzwerken aktiv sind und dort automatisiert oder teilautomatisiert Inhalte veröffentlichen, teilen, liken oder kommentieren. Dabei wirken sie mehr oder weniger menschlich. Brinkhaus befürchtet, sie könnten im Superwahljahr 2019 die öffentliche Meinung manipulieren. Deshalb hält er eine gesetzliche Bot-Kennzeichnungspflicht für "denkbar" und möglich" und will sie nun prüfen lassen.

Genauer: Facebook, Twitter und andere Plattformbetreiber könnten verpflichtet werden, Bots und deren Botschaften als solche zu markieren. Oder sie sollen die entsprechenden Konten gleich sperren, wenn die Programmierer nicht selbst kenntlich machen, dass es sich um Bots handelt. Unterstützung bekommt Brinkhaus von Netzpolitikern der SPD und von den Grünen sowie aus dem Bundesrat.

Keine Belege für den Einfluss von Bots

Seit Anfang 2017 kommt das Thema immer mal wieder auf, nur um kurz darauf wieder in der Versenkung zu verschwinden. Nun ist es erneut so weit. Wie eine elektrische Sau wird der Social Bot durchs Dorf getrieben, seit die Firma Botswatch festgestellt haben will, dass solche Programme in der Debatte um den Uno-Migrationspakt außergewöhnlich aktiv waren.

Doch es fehlt erstens schlicht an Belegen für den Einfluss von Bots. Das müssten die Abgeordneten seit 2017 wissen, als ein Ausschuss 20 Sachverständige dazu befragte und das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestages ein kurzes, leicht verständliches Papier dazu veröffentlichte.

Zwar ist unbestritten, dass Bots eine Onlinedebatte anheizen können, indem sie zum Beispiel untereinander interagieren und so eine bestimmte Haltung zu einem Thema wie die zahlenmäßig vorherrschende Haltung wirken lassen. Aber ob das die politische Willensbildung menschlicher Nutzer verändern kann, ist bisher nicht nachgewiesen.

Der Medieninformatiker Florian Gallwitz fasst es prägnant zusammen: "Wenn man Menschen allein durch das hochfrequente Abfeuern von Botschaften in die unendlichen Weiten des Internets beeinflussen könnte, wären wir schon alle an Viagra erstickt."

Zweitens tun die Plattformbetreiber längst, worauf es den Abgeordneten ankommt: Sie sperren oder löschen Accounts, die nicht sind, was sie zu sein vorgeben. Allein Facebook hat im ersten Quartal 2018 mehr als eine Viertelmilliarde Fake-Accounts entfernt.

Deshalb sind staatlich unterstützte Akteure etwa aus Russland und Iran dazu übergegangen, Profile manuell und langfristig aufzubauen. Sie gehen offenbar davon aus, dass wenige gut vernetzte und lange unentdeckte Accounts für mehr Interaktionen sorgen können als Tausende stumpfer und schnell entlarvter Programme.

Im Baukasten des Informationskriegs stecken gefährlichere Werkzeuge

Drittens wäre die Kennzeichnungspflicht absehbar ein bürokratisches Monster: Wie schnell sollten Plattformbetreiber einen Bot anhand welcher Beweise erkennen müssen? Wer überprüft das von außen mit welchen Mitteln?

Und was wäre gesellschaftlich gewonnen, wenn ein gut gemachter Bot erst nach vierwöchiger Beobachtung als solcher auffällt und nach der Sperrung oder Kennzeichnung sofort von einem neuen ersetzt wird?

Es ist verständlich, dass Politiker beunruhigt sind angesichts der mittlerweile bekannten Versuche regierungsgestützter Akteure, Wahlen und ganze Gesellschaften in sozialen Medien zu beeinflussen. Aber im Baukasten des modernen Informationskriegs stecken noch ganz andere Werkzeuge:

Social Bots sind dagegen nach derzeitigem Erkenntnisstand ein vernachlässigbares Phänomen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus fordere eine Bot-Kennzeichnungspflicht. Er will diese aber erst einmal nur ergebnisoffen prüfen lassen. Gefordert wird die Pflicht aber von Netzpolitikern der Grünen sowie dem Bundesrat. Wir haben den Artikel entsprechend geändert.

insgesamt 34 Beiträge
Leser_01 17.12.2018
1.
Eine Kennzeichnungspflicht ist grundsätzlich nicht schlecht. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass mittlerweile bereits Software existiert, die Gespräche simulieren kann, so dass der menschliche Teilnehmer nicht [...]
Eine Kennzeichnungspflicht ist grundsätzlich nicht schlecht. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass mittlerweile bereits Software existiert, die Gespräche simulieren kann, so dass der menschliche Teilnehmer nicht merkt, dass er es mit einer Engine zu tun hat (= Touring Test). Dass eine Kennzeichnungspflicht umgangen werden kann/wird, ist ein anderes Problem, aber das ist letztlich bei allen Verboten so.
modemhamster 17.12.2018
2. Gute Idee
In dem Zug könnte man auch bei Journalisten und Politikern die Kennzeichnung "Mitglied der Atlantikbrücke" einführen.
In dem Zug könnte man auch bei Journalisten und Politikern die Kennzeichnung "Mitglied der Atlantikbrücke" einführen.
frankenbaer 17.12.2018
3. Es fehlt ein Beleg für den Einfluss von Bots?
Wie blauäugig ist denn die Annahme, Bots hätten den nicht. Neben dem Anheizen von Aufständen im Netz, den shitstorms, ist Meinungsmanipulation der wichtigste Daseinszweck der Bots. Das zu erkennen bedarf es keiner Studie [...]
Wie blauäugig ist denn die Annahme, Bots hätten den nicht. Neben dem Anheizen von Aufständen im Netz, den shitstorms, ist Meinungsmanipulation der wichtigste Daseinszweck der Bots. Das zu erkennen bedarf es keiner Studie sondern nur gesunden Menschenverstand!
georg.groeg 17.12.2018
4. Kennzeichnung wäre gut,
ergänzt um die Information der Herkunft und für wen der Produzent arbeitet. Das wäre dann transparent und nachvollziehbar. Früher war es der Kampf gegen Windmühlen, heute sind es Bots und immer wird es der Kampf gegen die [...]
ergänzt um die Information der Herkunft und für wen der Produzent arbeitet. Das wäre dann transparent und nachvollziehbar. Früher war es der Kampf gegen Windmühlen, heute sind es Bots und immer wird es der Kampf gegen die menschliche Dummheit oder Hinterlist sein, je nachdem...
harronal 17.12.2018
5. Genau auf das Phänomen von Filterblasen...
...in sozialen Netzen abgestimmt, haben Bots keinesfalls das Ziel, Wähler mit viel Aufwand umzustimmen, sondern im Gegenteil hauptsächlich den Zweck, Stammwähler nicht zu verlieren, indem sie deren Meinungen und Einstellungen [...]
...in sozialen Netzen abgestimmt, haben Bots keinesfalls das Ziel, Wähler mit viel Aufwand umzustimmen, sondern im Gegenteil hauptsächlich den Zweck, Stammwähler nicht zu verlieren, indem sie deren Meinungen und Einstellungen mittels populistischer Simplifizierung komplexer Themen be- und verstärken. Dass man für solche Erkenntnisse bloß nicht die "Technikfolgenabschätzungsbrigade" des Bundestags konsultieren sollte, weiß mittlerweile außer dem Autor eigentlich jedes Kind.

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