Panorama

Flugzeugabsturz bei Moskau

Bergungsteams graben sich durch Schnee und Eis

Nach dem Absturz eines russischen Passagierflugzeugs bei Moskau gibt es keine Überlebenden. Rettungskräfte versuchen trotz widriger Bedingungen, die Leichen zu bergen.

Foto: REUTERS
Montag, 12.02.2018   10:40 Uhr

Nach dem Absturz eines russischen Passagierflugzeugs mit 71 Menschen an Bord laufen die Arbeiten zur Bergung der Toten inmitten von Schnee und Eis. Keiner der Insassen der Antonow-148 der Fluggesellschaft Saratow Airlines habe den Absturz südöstlich von Moskau überlebt, bestätigte Verkehrsminister Maxim Sokolow.

Die Maschine war am Sonntag wenige Minuten nach dem Start vom Hauptstadt-Flughafen Domodedowo vom Radar verschwunden und auf einem Feld im Bezirk Ramenskoje zerschellt. Der Aufprall muss heftig gewesen sein. Das Staatsfernsehen zeigte wackelige Bilder von kleinen und großen Trümmerteilen. Sie lagen über weite Strecken im tiefen Schnee auf einer Ebene verteilt.

Die Umgebung sei unbewohnt, hieß es. "Das Flugzeug muss aus großer Höhe abgestürzt sein", kommentierte ein Nachrichtensprecher die Bilder, die der Sender zugespielt bekommen hatte. Bergungstrupps entdeckten auch die ersten Leichen. An Bord sollen sechs Crew-Mitglieder und 65 Fluggäste im Alter von fünf bis 79 Jahren gewesen sein. Zu ihrer Nationalität gibt es keine offiziellen Angaben.

Zivilschutzminister Wladimir Putschkow traf am späten Sonntagabend am Unglücksort ein, um sich ein Bild von der Lage zu machen und die Bergungsarbeiten zu koordinieren. Mehr als 400 Einsatzkräfte waren an der Unglücksstelle, die wegen einer hohen Schneeschicht nur zu Fuß oder per Schneemobil erreichbar war. Bei Tageslicht sollten Videodrohnen Aufnahmen der Absturzstelle machen, um die Suche nach Opfern zu unterstützen.

Fachleute rätseln über Unglücksursache

Während die Bergungsarbeiten laufen, versuchen Fachleute auch herauszufinden, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Einsatzkräfte haben die Flugschreiber nahe der Absturzstelle gefunden. Einer habe zwar leichte Schäden, teilte der Zivilschutz des Moskauer Umlands mit. Die Ermittler könnten die Daten aber auswerten, hieß es der Agentur Interfax zufolge.

Das russische Ermittlungskomitee nannte menschliches Versagen, schlechtes Wetter oder einen technischen Defekt als mögliche Unglücksursachen. Die Möglichkeit eines Terroranschlags wurde nicht erwähnt. Russland verzeichnet seit Tagen Rekordschneefälle, und zum Unglückszeitpunkt soll schlechte Sicht geherrscht haben.

Die Piloten hatten nach Angaben der Behörden vor dem Absturz von keinerlei Problemen berichtet. Von der Fluggesellschaft verlautete zudem, die Maschine sei vor dem Start überprüft worden, es habe keine Unregelmäßigkeiten gegeben. Das Flugzeug habe erst im Januar einen sogenannten C-Check durchlaufen, bei dem Triebwerke und Struktur der Maschine in einem langwierigen, etwa zweiwöchigen Verfahren besonders genau überprüft werden.

Einer der Piloten habe mehr als 5000 Flugstunden absolviert, darunter 2800 in einer An-148, sagte die Sprecherin der Airline, Elena Voronova. Der andere Pilot habe mehr als 800 Stunden Flugerfahrung gehabt und davon ebenfalls die meiste Zeit in demselben Flugzeugtyp verbracht.

"Wir trauern mit den Menschen in Russland"

Präsident Wladimir Putin sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Er wies die Regierung an, eine Untersuchungskommission einzusetzen. Die Ermittlungsbehörde und die Staatsanwaltschaft gehen möglichen Verstößen gegen Flugsicherheitsvorschriften nach. Kurz nach dem Absturz gab es Mutmaßungen, ob das Flugzeug richtig enteist worden war.

Auch die Bundesregierung in Berlin drückte den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. "Erschüttert über die schrecklichen Nachrichten vom Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau. Wir trauern mit den Menschen in Russland um die Opfer der Katastrophe", schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert bei Twitter. Die USA sprachen Russland ebenfalls ihre Anteilnahme aus. "Wir sind zutiefst traurig über den tragischen Tod jener an Bord von Saratow Airlines Flug 703", hieß es in einer Erklärung des Weißen Haues.

Das Flugzeug war unterwegs in die Stadt Orsk nahe der Grenze zu Kasachstan, rund 1500 Kilometer von Moskau entfernt. Die meisten Fluggäste seien Bewohner des Gebietes Orenburg, zu dem Orsk mit rund 230.000 Einwohnern gehört.

Die relativ kleine Fluggesellschaft Saratow Airlines wurde nach Angaben der Agentur Tass 1994 gegründet. Sie bietet nationale und internationale Flüge an. Auch die Airline werde überprüft, hieß es. Das Flugzeug sei acht Jahre alt gewesen, Saratow Airlines habe es 2017 von der Billigairline Rossija übernommen, berichtete Tass. Die An-148 ist eine zweistrahlige Maschine für Regionalflüge und wird vom ukrainischen Hersteller Antonow gebaut.

Insgesamt gab es nach Angaben von Tass seit 2010 in Russland zehn schwere Unglücke ziviler Verkehrsmaschinen mit insgesamt mehr als 420 Todesopfern.

fok/AP/dpa

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