Panorama

Tod des Kopten-Papstes

Alles auf Anfang für Ägyptens Christen

Welche Rolle spielen die Christen künftig in Ägypten? Werden sie noch weiter an den Rand gedrängt? Papst Schenuda III. stand mehr als vier Jahrzehnte an der Spitze der Kopten. Nach seinem Tod muss der Nachfolger eine neue Rolle finden - für sich selbst, aber auch für seine gesamte Gemeinde.

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Samstag, 24.03.2012   20:24 Uhr

Hamburg - Als vor etwas mehr als einem Jahr Ägyptens Präsident Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Hoffnungen auf einen politischen und gesellschaftlichen Wandel groß - auch und gerade unter den ägyptischen Kopten. Doch viele Christen am Nil sehen sich inzwischen als Verlierer der Revolution. Die konfessionellen Spannungen, die auch unter dem alten Regime nur mühsam unter dem Deckel gehalten werden konnten, treten im revolutionären Ägypten offener zu Tage denn je.

Bei Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen wurden in den vergangenen Monaten Dutzende Menschen getötet. Nicht wenige Kopten sehen ihre Gemeinschaft, deren Wurzeln bis ins 3. Jahrhundert nach Christus zurückreichen, mittlerweile in ihrer Existenz bedroht.

Ausgerechnet in dieser Phase der Unsicherheit haben die knapp acht Millionen ägyptischen Kopten nun ihr geistliches Oberhaupt verloren. In der vergangenen Woche starb der koptische Papst Schenuda III. nach langer schwerer Krankheit. Der Patriarch von Alexandrien führte die Gemeinschaft seit 1971, die meisten Christen haben nie einen anderen kennengelernt.

Entsprechend groß ist die Trauer unter den Gläubigen. Hunderttausende pilgerten zur Trauerfeier und zogen am Leichnam des Verstorbenen vorbei, der auf dem Papststuhl in der Sankt-Markus-Kathedrale aufgebahrt war. Bei der Beerdigung Schenudas in seinem Heimatkloster Wadi al-Natrun spielten sich tumultartige Szenen ab, als Hunderte Trauernde die Absperrungen durchbrachen.

Dabei war der Papst Zeit seines Lebens eine umstrittene Figur. Viele Gläubige waren erbost darüber, dass Schenuda auch nach dem Friedensvertrag mit Israel den Kopten die Pilgerreise nach Jerusalem untersagt hatte. Auch seine Loyalität zum Mubarak-Regime stieß auf Kritik.

Besonders junge Christen warfen ihm vor, die Augen vor dem Unrecht der Diktatur verschlossen zu haben. Selbst nach Beginn des Aufstands gegen Mubarak im vergangenen Jahr hatte das Kirchenoberhaupt dem Regime die Treue gehalten. Noch schwerer aber wiegt der Vorwurf, Schenuda habe gegenüber der Gewalt seitens extremistischer Muslime zu zurückhaltend agiert.

Kopten fordern einen selbstbewussten Papst

Deshalb blicken Ägyptens Christen mit Sorge auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Mai. Schon heute haben die Islamisten im Parlament eine bequeme Mehrheit. Die Salafisten, die sich am Vorbild Saudi-Arabien orientieren, wecken mit Forderungen nach einer Einführung der Scharia in der Rechtssprechung Unbehagen unter den Kopten.

Auch wenn der Chef der Muslimbrüder, Mohammed Badie, und der Scheich der Azhar-Universität, Ahmed Tayeb, demonstrativ an der Trauerfeier für Papst Schenuda teilnahmen, werden die Ängste vor einer weiteren Islamisierung der Gesellschaft bleiben.

Deshalb erwarten viele Kopten von seinem Nachfolger auf dem Papstthron ein selbstbewussteres Auftreten und eine stärkere Einmischung ins politische Tagesgeschehen. Ein Jahr nach der Revolution steht nun auch die koptische Gemeinde vor einem Neuanfang.

Doch bis es so weit ist, liegt ein komplizierter Wahlprozess vor den ägyptischen Christen. Innerhalb eines Monats nach dem Tod des Papstes soll ein 19-köpfiges Gremium zusammentreten und zunächst eine Kandidatenliste erstellen. Wählbar ist ein koptischer Ägypter, der älter als 40 Jahre alt ist und seit mindestens 15 Jahren im Kloster lebt. Es muss mindestens fünf Kandidaten geben, aber nicht mehr als sieben. Aus diesen wählt eine Versammlung aus Bischöfen, weltlichen Kopten und vom Staat entsandten Vertretern drei Bewerber aus.

Das letzte Wort hat nach koptischer Überzeugung dann jedoch Gott. Die Namen der Kandidaten werden auf drei Zettel geschrieben. Schließlich wählt ein blindes Kind einen Zettel aus. Derjenige, dessen Name gezogen wird, besteigt anschließend den Papststuhl.

Auf wen auch immer das Los fallen wird, eines steht fest: Der neue Papst wird nur wenig Zeit haben, sich in seine Rolle einzufinden.

insgesamt 18 Beiträge
Bärchen09 24.03.2012
1. Wer immer
diese Stellung einnehmen wird, muss sehr um die Rechte der Christen kämpfen. Es ist einfach traurig, dass nach der Revolution in Ägypten doch wieder die Islamisten an die Regierung kommen. Für die Christen ist das [...]
Zitat von sysopPhilipp SpalekWelche Rolle spielen die Christen künftig in Ägypten? Werden sie noch weiter an den Rand gedrängt? Papst Schenuda III. stand mehr als vier Jahrzehnte an der Spitze der koptischen Gemeinschaft. Sein Nachfolger muss eine neue Rolle finden - für sich selbst, aber auch für seine gesamte Gemeinde. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823543,00.html
diese Stellung einnehmen wird, muss sehr um die Rechte der Christen kämpfen. Es ist einfach traurig, dass nach der Revolution in Ägypten doch wieder die Islamisten an die Regierung kommen. Für die Christen ist das schlimm. Dabei hatten sie doch gehofft, dass es auch für sie mehr Freiheit gibt. Doch das wird sich in ganz Nordafrika nicht bewahrheiten. Aber auch für die jungen Ägypter, die sich eine eher demokratische Regierung erhofft hatten, wird es schwierig werden. Und da wieder besonders für die Frauen. Ich bete für die Christen in Ägypten, dass sie im Land ihrer Väter bleiben können und nicht immer wieder unter der Verfolgung radikaler Muslime zu leiden haben. Mögen alle Menschen in Frieden zusammen leben.
EXFHSSZIGB 25.03.2012
2.
Warum sollten bei einem Regierungswechsel sämtliche traditionellen Werte "über den Haufen geworfen" werden? In Deutschland wird ja auch nicht der Hinduismus eingeführt, wenn demnächst vielleicht mal wieder die [...]
Zitat von Bärchen09diese Stellung einnehmen wird, muss sehr um die Rechte der Christen kämpfen. Es ist einfach traurig, dass nach der Revolution in Ägypten doch wieder die Islamisten an die Regierung kommen. Für die Christen ist das schlimm. Dabei hatten sie doch gehofft, dass es auch für sie mehr Freiheit gibt. Doch das wird sich in ganz Nordafrika nicht bewahrheiten. Aber auch für die jungen Ägypter, die sich eine eher demokratische Regierung erhofft hatten, wird es schwierig werden. Und da wieder besonders für die Frauen. Ich bete für die Christen in Ägypten, dass sie im Land ihrer Väter bleiben können und nicht immer wieder unter der Verfolgung radikaler Muslime zu leiden haben. Mögen alle Menschen in Frieden zusammen leben.
Warum sollten bei einem Regierungswechsel sämtliche traditionellen Werte "über den Haufen geworfen" werden? In Deutschland wird ja auch nicht der Hinduismus eingeführt, wenn demnächst vielleicht mal wieder die SPD an der Regierung ist. In Deutschland wünsche ich mir auch manchmal eine andere Regierung oder einen anderen Präsidenten. Aber genauso wie die "jungen Ägypter" muss ich mich in einer Demokratie mit solchen Mehrheitsentscheidungen abfinden. Und wenn Sie irgendwo auf dieser Welt in ein Land ziehen und haben grundsätzlich gegensächliche Weltanschauungen als die dortigen Einwohner, werden Sie immer Probleme bekommen. Die Menschen mit einem christlichen Glauben, sind halt eine Minderheit auf diesem Planeten (ca. 1,3 von 6 Milliarden Menschen) und sollten sich eigentlich dementsprechend verhalten. Leider tun sie es nicht.
panzerknacker51 25.03.2012
3. Kühn
1,3 von 6 Mrd als Minderheit einzustufen, ist schon reichlich kühn; besonders weil ja die verbleibenden 4,7 Mrd nicht ein- und derselben Glaubensrichtung anhängen. Ansonsten stimme ich Ihnen grundsätzlich zu; ein guter [...]
Zitat von EXFHSSZIGBWarum sollten bei einem Regierungswechsel sämtliche traditionellen Werte "über den Haufen geworfen" werden? In Deutschland wird ja auch nicht der Hinduismus eingeführt, wenn demnächst vielleicht mal wieder die SPD an der Regierung ist. In Deutschland wünsche ich mir auch manchmal eine andere Regierung oder einen anderen Präsidenten. Aber genauso wie die "jungen Ägypter" muss ich mich in einer Demokratie mit solchen Mehrheitsentscheidungen abfinden. Und wenn Sie irgendwo auf dieser Welt in ein Land ziehen und haben grundsätzlich gegensächliche Weltanschauungen als die dortigen Einwohner, werden Sie immer Probleme bekommen. Die Menschen mit einem christlichen Glauben, sind halt eine Minderheit auf diesem Planeten (ca. 1,3 von 6 Milliarden Menschen) und sollten sich eigentlich dementsprechend verhalten. Leider tun sie es nicht.
1,3 von 6 Mrd als Minderheit einzustufen, ist schon reichlich kühn; besonders weil ja die verbleibenden 4,7 Mrd nicht ein- und derselben Glaubensrichtung anhängen. Ansonsten stimme ich Ihnen grundsätzlich zu; ein guter Gast respektiert die Gepflogenheiten des Gastlandes.
EXFHSSZIGB 25.03.2012
4.
Sicher, Sie haben Recht. 1,3 M. hört sich viel an. Allerdings werden von der kath. Kirche natürlich auch alle dazu gerechnet, die sich nicht ausdrücklich dagegen wehren. So haben wir in Deutschland angeblich 30 Mio. [...]
Zitat von panzerknacker511,3 von 6 Mrd als Minderheit einzustufen, ist schon reichlich kühn; besonders weil ja die verbleibenden 4,7 Mrd nicht ein- und derselben Glaubensrichtung anhängen. Ansonsten stimme ich Ihnen grundsätzlich zu; ein guter Gast respektiert die Gepflogenheiten des Gastlandes.
Sicher, Sie haben Recht. 1,3 M. hört sich viel an. Allerdings werden von der kath. Kirche natürlich auch alle dazu gerechnet, die sich nicht ausdrücklich dagegen wehren. So haben wir in Deutschland angeblich 30 Mio. Gläubige. Kennen Sie einen? Ferner wollte ich vor Allem zum Ausdruck bringen, dass m.E. eine Minderheit der Weltbevölkerung meint, über die anderen ca. 5 Milliarden Menschen zu herrschen und das Geschehen hier auf diesem Planeten zu bestimmen. Und dies, m.E. nicht immer zum Wohle Aller.
amrod 25.03.2012
5.
Also Sie bringen hier aber ne ganze Menge Sachen durcheinander... Erstens gibt es nicht nicht 1,2 Mrd Christen, sondern 2,3 Mrd. Und die meisten davon sind, anders als in Deutschland, durchaus gläubig. Es gibt 1,2 Mrd [...]
Zitat von EXFHSSZIGBSicher, Sie haben Recht. 1,3 M. hört sich viel an. Allerdings werden von der kath. Kirche natürlich auch alle dazu gerechnet, die sich nicht ausdrücklich dagegen wehren. So haben wir in Deutschland angeblich 30 Mio. Gläubige. Kennen Sie einen? Ferner wollte ich vor Allem zum Ausdruck bringen, dass m.E. eine Minderheit der Weltbevölkerung meint, über die anderen ca. 5 Milliarden Menschen zu herrschen und das Geschehen hier auf diesem Planeten zu bestimmen. Und dies, m.E. nicht immer zum Wohle Aller.
Also Sie bringen hier aber ne ganze Menge Sachen durcheinander... Erstens gibt es nicht nicht 1,2 Mrd Christen, sondern 2,3 Mrd. Und die meisten davon sind, anders als in Deutschland, durchaus gläubig. Es gibt 1,2 Mrd Katholiken. Die Christen Ägyptens sind aber keine Katholiken und haben mit Rom überhaupt nichts am Hut. Sie werden auch nicht von Rom drangsaliert und beherrscht, sondern von radikalen Muslimen. Außerdem sind sie keine "Gäste" in Ägypten, sondern waren bereits vor dem Islam dort und sind über die Jahrhunderte zur Minderheit geworden... Ich finde es schade, dass manche Menschen in ihrem blinden Hass auf die kath. Kirche - wie berechtigt er auch immer sein mag - andere durchaus auch repressive religiöse Gruppierungen verharmlosen und unter Artenschutz stellen. Ähnliches taten bereits die byzant. Griechen Kleinasiens. Ihr Schicksal sollte eigentlich eine Warnung sein...

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