Panorama

Anschläge auf türkische Einrichtungen in Deutschland

Die Luft schmeckt nach Asche

In ganz Deutschland haben Unbekannte Anschläge auf türkische Einrichtungen verübt. Sicherheitsbehörden sind alarmiert: Hängen die Taten mit dem Krieg Erdogans gegen die Kurden zusammen?

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Zerstörte Moschee in Berlin

Von Viktoria Degner, , , und
Montag, 12.03.2018   20:13 Uhr

Man kann den Rauch noch riechen. Knapp 40 Stunden, nachdem Unbekannte hier einen Brandanschlag verübten, führt Bilal Demirer durch die zerstörte Koca-Sinan-Moschee in Berlin-Reinickendorf. Ein Raum ist ausgebrannt, auch die anderen können wegen der Rauchschäden nicht mehr benutzt werden. Eine dicke Rußschicht überzieht alles, der Boden ist kaputt, die Luft schmeckt nach Asche.

"Gotteshäuser gehören uns allen", steht auf einem selbst gebastelten Schild, an den Fensterbrettern hängen abwechselnd deutsche und türkische Flaggen. "Egal welches Gotteshaus, ob muslimisch, christlich oder jüdisch, so etwas darf nicht passieren", sagt Demirer, 24 Jahre alt, Mitglied im Landesjugendverband der Ditib Berlin.

Man werde die Gemeinde unterstützen, versichern ihm die anwesenden Polizisten. Zeugen berichteten den Ermittlern, sie hätten drei Jugendliche vom Tatort weglaufen sehen. Festgenommen wurde bisher niemand.

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Bilal Demirer (l.) vor der zerstörten Moschee

Wen vermutet Demirer hinter den Anschlägen? Er wolle nicht spekulieren, sagt er, man vertraue den Behörden. Ob er denn seit der Offensive der türkischen Armee in Afrin Spannungen gespürt habe? Nein, sagt er. Anderswo sei das vielleicht so, aber nicht hier, nicht in seiner Gemeinde.

Die Offensive in Afrin. Seit Ende Januar führt die Türkei unter dem Motto "Operation Olivenzweig" Krieg gegen die Kurdenmiliz YPG im Norden Syriens. Am Wochenende rückte die Armee weiter auf die umkämpfte Enklave Afrin vor. Der Einsatz hat den türkisch-kurdischen Konflikt eskalieren lassen, die Spannungen sind auch in Deutschland spürbar - und haben sich möglicherweise in den vergangenen Tagen in Gewalt entladen.

Seit Freitagnacht gab es mindestens sechs Anschläge auf türkische Einrichtungen, im Norden, im Süden, im Westen und im Osten Deutschlands. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang, jeder Fall ist einzeln zu bewerten. Doch die zeitliche Nähe und die Art der Taten deuten in eine politische Richtung - und in anderen Städten haben die Ermittler bereits mehr Anhaltspunkte als in Berlin.

Polizeipräsidium Heilbronn

Screenshot aus Bekennervideo

Lauffen am Neckar, 1.45 Uhr in der Nacht auf Freitag: Unbekannte werfen Molotowcocktails durch das Fenster einer Moschee. Der Imam kann das Feuer selbst löschen. Auf einer kurdischen Website wird ein Bekennervideo hochgeladen, das die Ermittler für authentisch halten - ebenso wie den entsprechenden Begleittext auf einer PKK-nahen Internetseite. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg konzentriert seine Ermittlungen auf Angehörige extremistischer kurdischer Jugendorganisationen.

Meschede in Nordrhein-Westfalen, gegen 2 Uhr in der Nacht auf Sonntag: Molotowcocktails fliegen auf das Gebäude des Türkisch-Deutschen Freundschaftsvereins. Auf einer Internetseite, die zu Aktionen gegen die türkische Offensive in Afrin aufruft, werden später Videos geteilt, die den Anschlag zeigen sollen. Es handele sich um eine Aktion kurdischer Jugendlicher, heißt es dort. Man prüfe das Video, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Drei zwischenzeitlich festgenommene Syrer sind inzwischen wieder frei - es besteht kein dringender Tatverdacht gegen sie.

Itzehoe in Schleswig-Holstein, gegen 2.30 Uhr in der Nacht auf Sonntag: In der Wohnung eines Imams hört der Sohn des Geistlichen Stimmen auf dem Grundstück der Moschee und beobachtet, wie zwei Männer Fensterscheiben beschädigen. 30 bis 60 Minuten später bemerken Passanten Feuer an einem türkischen Gemüseladen, nicht weit von der Moschee entfernt. Die Polizei hält einen Zusammenhang zwischen den beiden Taten für sehr wahrscheinlich. Einem Sprecher zufolge gibt es wenig Ansätze für einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Man vermute vielmehr, dass die Anschläge mit dem türkisch-kurdischen Konflikt zu tun haben und prüfe einen möglichen Zusammenhang mit anderen Taten.

DPA

Beschädigter Gemüseladen in Itzehoe

Ahlen in Nordrhein-Westfalen, gegen 2.10 Uhr in der Nacht auf Montag: Vermummte schleudern Brandsätze gegen ein türkisches Kulturzentrum und ein davor geparktes Auto, das jedoch nicht in Flammen aufgeht. Der Staatsschutz ermittelt und schließt ein politisches Motiv nicht aus. Sämtliche Polizeieinheiten in dem Bundesland sind inzwischen in erhöhte Bereitschaft versetzt. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte, es sei damit zu rechnen, "dass sich die seit dem Wochenende zu beobachtende Eskalation in der kurdischen Community weiter fortsetzt".

Laut Bundesinnenministerium gab es 2017 in Deutschland mindestens 950 Angriffe auf Muslime und islamische Einrichtungen. In fast allen Fällen waren die Täter Rechtsextremisten. Bei den jüngsten Anschlägen gibt es bisher allerdings keine Hinweise auf ein rechtsextremes Motiv.

"Mit exzessiver Gewalt"

Die deutschen Sicherheitsbehörden beobachten schon seit geraumer Zeit, dass sich der türkisch-kurdische Konflikt auch in Deutschland zuspitzt. So kam es bei brutalen Straßenkämpfen zwischen türkisch-nationalistischen Rockern der Osmanen Germania und Anhängern der sogenannten Stuttgarter Kurden bereits vor knapp zwei Jahren zu Schwerverletzten. In einem vertraulichen Lagebericht des baden-württembergischen LKA hieß es seinerzeit, die Gangs trügen "den aktuell in der Türkei stattfindenden politischen Kampf auch in Deutschland aus". Bei einem Aufeinandertreffen der Lager müsse "mit exzessiver Gewalt" und dem Einsatz scharfer Schusswaffen gerechnet werden.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) registriert aktuell, wie die als Terrororganisation verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK auf die türkische Militäroffensive in Syrien reagiert. Seit Wochen kommt es in deutschen Städten immer wieder zu Großkundgebungen, die meist friedlich blieben. Doch schon vor Wochen gab es immer wieder auch gewalttätige Angriffe.

In Kassel warfen im Januar Unbekannte einen Farbbeutel auf ein Gebäude, in dem sich nicht nur eine Moschee befindet, sondern auch ein Verein mit einer Nähe zur rechtsextremistischen Ülkücü-Bewegung. In einem im Internet veröffentlichten Tatbekenntnis hieß es hinterher, das "Racheteam Cekar Botan" habe den Verein gestürmt. Cekar Botan war laut BfV ein gestorbener deutscher PKK-Aktivist.

Nach einer Attacke auf ein Gebäude des Islamverbandes Ditib in Leipzig wurde im Netz verlautbart, der Verein sei "angesichts der Einbindung in den türkischen Staatsapparat" ein legitimes Ziel. Imame der Ditib standen vorübergehend im Verdacht, Oppositionelle in Deutschland im Auftrag der Religionsbehörde in Ankara auszuspionieren. Die Ermittlungen des Generalbundesanwalts wurden jedoch eingestellt.

Der Verfassungsschutz rechnet mit einem "stark erhöhten Demonstrations- und Aktionsgeschehen" der PKK in Deutschland, solange "Operation Olivenzweig" in Syrien andauert.

Afrin droht die Einkesselung

Der türkische Präsident Reccep Tayyip Erdogan betrachtet die YPG als verlängerten Arm der PKK und damit ebenso als Terrororganisation. Die Kurdenmiliz kämpft seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges für einen eigenen Staat im Norden des Landes, an der Grenze zur Türkei.

Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte droht der Kurdenhochburg Afrin die Einkesselung. Die Organisation bezieht ihre Informationen von Aktivisten vor Ort. Für Medien sind sie kaum zu überprüfen, in der Vergangenheit haben sich die Angaben aber als verlässlich erwiesen. Demnach versuchen derzeit Hunderte Zivilisten, aus Afrin zu fliehen, rund 2000 sollen bereits im Nachbarort Nubul Zuflucht gefunden haben.

Erdogan kündigte am Wochenende an, die Offensive ausweiten zu wollen. Nach Afrin würden auch die Städte Manbidsch, Kobane, Tal Abjad, Ras al-Ain und Kamischli "von Terroristen gesäubert". Sein Ziel ist klar: Rojava, wie die Kurden ihren Traumstaat nennen, zerschlagen, bevor er Realität wird.

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Vor diesem Hintergrund ist eher nicht damit zu rechnen, dass die Spannungen hierzulande geringer werden. "Deutschland ist aufgrund des hiesigen Bevölkerungsanteils auch Spiegel der türkisch-kurdischen Konflikte in den Heimatregionen", sagte eine Sprecherin des Innenministeriums. "Die Vorfälle in der Region um Afrin haben auf die hier lebenden Kurden einen Emotionalisierungseffekt."

Auch die türkische Regierung hat sich eingeschaltet und von den deutschen Behörden Aufklärung verlangt. Der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, verurteilte die Taten: "Diese Anschläge gefährden unschuldiges Menschenleben und schaden politisch in erster Linie dem Anliegen der Kurden und gefährden das friedliche Zusammenleben in Deutschland." Gleichzeitig zeigte er Verständnis für die Wut von Kurden angesichts des "Schweigens der Bundesregierung zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Afrin" und ärgerte sich über "die Kriegspropaganda" in den Ditib-Moscheen.

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Moschee in Berlin-Reinickendorf

Viele Hilfsangebote in Reinickendorf

Bilal Demirer, der Muslim aus Berlin-Reinickendorf, sieht das naturgemäß anders. Die Moschee stehe hier seit 13 Jahren, es habe noch nie ein Problem gegeben, sagt er. Sie seien in einem ständigen Dialog mit den Kirchen und im Bezirk gut integriert. Das bestätigt auch Christian Flügel, Polizeihauptkommissar mit dem Schwerpunkt "Interkulturelle Aufgaben".

Demirer freut sich über die vielen Nachrichten, die sie nach dem Anschlag erreicht hätten. Deutsche Nachbarn hätten ihre Hilfe angeboten und gefragt, ob man Spenden könne. Im Islam gebe es ein Sprichwort, so der 24-Jährige: Egal, was komme, es sei immer ein Schritt zum Guten.

Mit Material der dpa

insgesamt 13 Beiträge
dondon 12.03.2018
1. Schlimm genug
Schlimm genug, was in der Türkei, in Syrien und im Umland derzeit geschieht. Aber wahr ist auch: Es ist tatsächlich ein Armutszeugnis, wie sich die Bundesregierung und auch die Nato, bezüglich des Türkeikriegs gegen die [...]
Schlimm genug, was in der Türkei, in Syrien und im Umland derzeit geschieht. Aber wahr ist auch: Es ist tatsächlich ein Armutszeugnis, wie sich die Bundesregierung und auch die Nato, bezüglich des Türkeikriegs gegen die Kurdenregion, verhalten. Wie so vieles andere auch.
schweizerbesserwisser 12.03.2018
2. Unbekannte?
Jetzt aber mal wirklich. Unbekannte? Ist doch sonnenklar aus welcher Ecke das kommt. Wäre vielleicht mal Zeit für den deutschen Staat hier konstant nicht nur den Heilsarmee-verständnissvollen-Typus herauszukehren sondern sich [...]
Jetzt aber mal wirklich. Unbekannte? Ist doch sonnenklar aus welcher Ecke das kommt. Wäre vielleicht mal Zeit für den deutschen Staat hier konstant nicht nur den Heilsarmee-verständnissvollen-Typus herauszukehren sondern sich auch mal ein bischen auf die Hinterbeine zu stellen, und sei es auch aus den "falschen" Gründen. Ansonsten wird Deutschland wieder ein Spielfeld auf dem ausländische Mächte (und ihre Helfeshelfer) ihre Konflikte austragen. Gruss aus Zürich
meinerlei 12.03.2018
3. Zu viel Schmusekurs
All dies hat viel damit zu tun, dass die Verantwortlichen in Deutschland auf allen Ebenen zu lange wegschauen und Schmusekurs fahren. Den Kurden bei der Demo mal zwei Öcalan-Bildchen wegnehmen und mit dem Zeigefinger wackeln, [...]
All dies hat viel damit zu tun, dass die Verantwortlichen in Deutschland auf allen Ebenen zu lange wegschauen und Schmusekurs fahren. Den Kurden bei der Demo mal zwei Öcalan-Bildchen wegnehmen und mit dem Zeigefinger wackeln, statt klare Grenzen zu setzen. Gegen die Kontrolle der muslimischen Gemeinden in Deutschland nicht vorgehen. Zur völkerrechtswidrigen Invasion türkischer Truppen in Syrien kaum was sagen. Was für ein Glück für "Heimatmuseum"-Horst (O-Versprecher Seehofer), dass er erst noch Innenminister wird. Und Maas noch nicht zuständig fürs Äußere. Appell an beide: Klare Kante zeigen!
rrippler 12.03.2018
4. Linksextreme ?
Auf indymedia.org ist folgender Aufruf zu finden: "In der Nacht wurde ein Verein von türkischen Faschisten (Graue Wölfe, AKP, CHP, was auch immer) mit Mollotows beworfen. Grüße nach Afrin. ..... Auch auf Indy haben [...]
Auf indymedia.org ist folgender Aufruf zu finden: "In der Nacht wurde ein Verein von türkischen Faschisten (Graue Wölfe, AKP, CHP, was auch immer) mit Mollotows beworfen. Grüße nach Afrin. ..... Auch auf Indy haben verschiedene Gruppen zu Aktionen aufgerufen oder ihre Aktionen geteilt. Also schließt euch an, macht was, Gründe gibt es wie schon so oft gesagt, genug." Ob sie die Urheber der Anschläge sind, ist zweifelhaft. Aber zumindest haben sie sich damit als Trittbrettfahrer geoutet.
zennus 12.03.2018
5.
Afrin ist keine „Enklave“, welche irgendwie ausserhalb des syrischen staatsgebietes liegt. Daher ist jeder Einmarsch eines anderen landes dort völkerrechtswidrig
Afrin ist keine „Enklave“, welche irgendwie ausserhalb des syrischen staatsgebietes liegt. Daher ist jeder Einmarsch eines anderen landes dort völkerrechtswidrig
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