Panorama

Clanchef Abou-Chaker

Eine Fehde, eine Razzia und ein schlimmer Verdacht

Die Berliner Polizei durchsuchte das Anwesen von Arafat Abou-Chaker. Der Verdacht: eine geplante Entführung, der Besitz einer scharfen Waffe. Der entscheidende Hinweis kam aus dem Umfeld von Rapper Bushido.

imago/ Mauersberger

Arafat Abou-Chaker und Bushido (r.)

Von und
Freitag, 23.11.2018   16:21 Uhr

Kleinmachnow bei Berlin. Etliche Mannschaftswagen der Polizei fahren durch ein großes Tor auf ein Anwesen. Beamte mit Sturmhauben steigen aus, sichern die Umgebung, durchsuchen die Villa. Es ist ein Großeinsatz, mehr als hundert Polizisten rücken an.

Die Razzia am Donnerstag galt Arafat Abou-Chaker. Der Clanchef ist eine Größe der Berliner Unterwelt, bekannt wegen seiner Verbindung zu Rapper Bushido, bürgerlich: Anis Ferchichi. Lange galten die beiden als unzertrennlich, in diesem Jahr kam es zum Bruch. Seither wächst in der Hauptstadt die Furcht vor einem Clankrieg.

Es geht um Kränkungen, Rache und viel Geld. Wie ernst der Konflikt ist, zeigt ein Interview, das der Rapper und seine Frau Anna-Maria im September dem "Stern" gaben. "Natürlich haben wir Angst, dass jemand aus Rache auf mich oder meinen Mann schießt", sagte Anna-Maria Ferchichi damals. "Wir rechnen eigentlich jeden Tag damit."

Auf Instagram schreibt Abou-Chaker: "So bin ich nicht"

Die Razzia gegen Abou-Chaker geht auf eine Zeugenaussage aus Bushidos Umfeld zurück, wie der SPIEGEL aus Justizkreisen erfuhr. Demnach erhielten die Ermittler den Hinweis, dass Abou-Chaker illegal im Besitz einer scharfen Waffe sei. Außerdem soll er Entführungen geplant haben. Angebliche Opfer: ein Mitglied aus Bushidos Familie und die Kinder von Abou-Chakers Bruder.

Der "Welt" zufolge soll sich Bushidos Frau bei der Polizei gemeldet haben. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte, man ermittle, weil es einen Verdacht auf Verstoß gegen das Waffengesetz und zur Verabredung eines Verbrechens gebe. Details nannte er nicht.

Auf Instagram dementierte Abou-Chaker die Vorwürfe. "Ich hätte Kinder auslöschen wollen, Morde beauftragt, und würde Menschen entführen lassen wollen - so was kann ich in der Welt nicht stehen lassen. So bin ich nicht", heißt es darin. Sein Anwalt reagierte nicht auf mehrfache Kontaktversuche des SPIEGEL.

Vermutlich muss man die jüngste Eskalation auch vor dem Hintergrund eines schwelenden Zivilverfahrens betrachten. Bushido und Abou-Chaker streiten vor Gericht ums Geschäft. Der Musiker hatte seinem langjährigen Kompagnon vor Jahren eine Generalvollmacht eingeräumt.

imago/ Olaf Wagner

Arafat Abou-Chaker vor dem Berliner Amtsgericht

Bushido soll stets die Hälfte seiner Einnahmen an den Clan abgeführt haben. Nach dem Bruch versuchte er vergeblich, sich mit 2,5 Millionen Euro freizukaufen. Unklar ist nun, wie sich die Verflechtungen lösen lassen - und wie viel Geld Abou-Chaker beanspruchen kann.

Bushido hat sich mit seiner Familie in die Obhut des Rammo-Clans begeben, der mit den Abou-Chakers auf den Straßen der Hauptstadt konkurriert. Bereits im Juni gab es bei einem Vorfall zwei Schwerverletzte.

15 Schüsse auf einen Imbiss

Damals feuerten Unbekannte 15 Schüsse auf den Imbiss Papa Ari, der Arafat Abou-Chaker gehört. Laut Medienberichten fürchtet er, man wolle ihn einschüchtern, damit er auf die Rechte an Bushidos Musik verzichte.

Abou-Chaker ist der Berliner Justiz seit Langem bekannt. Dem "Tagesspiegel" zufolge liefen bisher etwa 30 Strafverfahren gegen ihn: Es ging um Gewalttaten, Eigentumsdelikte, Drogen. Alle Verfahren seien jedoch eingestellt worden, brauchbare Zeugenaussagen gab es selten.

Derzeit ist Abou-Chaker vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten angeklagt. Am Tag nach der Razzia musste er vor Gericht erscheinen. Die Vorwürfe: Körperverletzung und Bedrohung. Abou-Chaker soll am 7. März den Hausmeister einer Berliner Physiopraxis attackiert haben.

Er habe dem 49-Jährigen in aggressivem Ton mit dem Tod gedroht. Später soll der Clanchef dem Mann ohne Grund mit zwei Fingern in die Augen gestochen haben. Als ein Zeuge schlichten wollte, soll Abou-Chaker dem Hausmeister einen Kopfstoß versetzt haben. Das Opfer erlitt laut einer Gerichtssprecherin eine Platzwunde, eine Nasenbeinfraktur und Hämatome. Abou-Chaker schweigt zu den Vorwürfen.

Im Video: Arabische Clans in Berlin

Foto: SPIEGEL TV

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