Panorama

Sachverständiger über Zschäpe

"Tendenz zu Dominanz und Härte"

Für Beate Zschäpe hätte das Gutachten nicht ungünstiger ausfallen können: Im NSU-Prozess erklärte Psychiater Saß die Angeklagte für voll schuldfähig - und legte eine Sicherungsverwahrung nahe.

DPA

Angeklagte Beate Zschäpe

Von , München
Mittwoch, 18.01.2017   18:42 Uhr

Beate Zschäpe wirkt konzentriert: Ihr Laptop bleibt an diesem Mittwoch die meiste Zeit zugeklappt, Unterhaltungen mit ihren Anwälten Mathias Grasel und Hermann Borchert während der Hauptverhandlung im NSU-Prozess fallen deutlich spärlicher aus als sonst. Sie scherzt nicht, sie lächelt nicht.

Die volle Aufmerksamkeit der Angeklagten gilt einem Mann, der schon am Vortag im NSU-Prozess aufgetreten ist - der aber erst an diesem 337. Verhandlungstag zu seinen entscheidenden Ausführungen kommt: Henning Saß, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts damit beauftragt, ein forensisch-psychiatrisches und kriminalprognostisches Sachverständigengutachten zur Angeklagten zu erstatten.

Die Ausführungen von Saß haben Bedeutung: Der 72-Jährige muss die Schuldfähigkeit der Angeklagten prüfen und eine Prognose zu einer möglichen Gefährlichkeit Zschäpes liefern. Für die 42-Jährige stellt der Auftritt von Saß damit einen überaus wichtigen Termin in dem seit rund dreieinhalb Jahre währenden Prozess dar - vermutlich den bisher wichtigsten überhaupt.

Zschäpes zweifelhafte Selbstdarstellung

Für Zschäpe wird es ein schwerer Tag, auch wenn sich die Angeklagte dies äußerlich nicht anmerken lässt. Das Ergebnis des Saß-Gutachtens ist verheerend für sie: Im Kern führt der erfahrene Gutachter aus, dass er die mutmaßliche Terroristin für voll schuldfähig hält. Zudem legt er eine Sicherungsverwahrung nahe, sollte Zschäpe im Sinne der Anklage verurteilt werden. Sie muss sich unter anderem wegen des Vorwurfs der Mittäterschaft an zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vor Gericht verantworten.

Im Saal A101 des Gerichts prallen an diesem Tag zwei Welten aufeinander. Da ist zum einen die Angeklagte mit ihrer Darstellung, wie sie sich selbst und ihre Rolle während ihres Lebens im Untergrund mit ihren früheren Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sieht: Sie sei damals in einem "Kreislauf von Isolation, Angst und Resignation" gefangen gewesen, hatte Zschäpe im Dezember in einer ihrer Einlassungen vor Gericht erklären lassen.

Als schwache und abhängige Frau hatte sie sich beschrieben. Jeweils erst im Nachhinein habe sie durch Mundlos und Böhnhardt von den Morden erfahren, die Taten habe sie stets entschieden verurteilt. Ihr habe aber die Kraft gefehlt, um sich von den beiden Männern zu lösen.

"Beinah feindselig durchgehaltene Beharrlichkeit"

Saß hat sich in den vergangenen Jahren und Monaten mit dem nüchtern-analytischen Blick des forensisch-psychiatrischen Sachverständigen mit der Angeklagten beschäftigt: Zwar war Zschäpe nicht bereit, mit ihm zu sprechen. Stattdessen hat er die Verfahrensakten und Zschäpes Einlassungen vor Gericht studiert, hat Aussagen von Zeugen vernommen, hat Zschäpe in der Hauptverhandlung beobachtet. Dies alles führte offenbar zu Zweifeln an der Darstellung der Angeklagten.

Eine schwache Persönlichkeit der Angeklagten etwa vermag Saß nicht zu erkennen. Vielmehr macht er bei ihr die Bereitschaft "zur kämpferischen Selbstbehauptung, zu einer nahezu feindselig durchgehaltenen Beharrlichkeit und zum erfolgreichen Durchstehen massiver zwischenmenschlicher Konfliktlagen aus" - Saß bezieht dies in diesem Fall auf ihr Verhalten gegenüber ihren Altverteidigern, mit denen Zschäpe schon seit Monaten nicht mehr spricht. Er beruft sich zudem auf einen Brief Zschäpes, den sie aus der Untersuchungshaft heraus einst an einen damaligen Neonazi schrieb. Als "kleinen Gockel" bezeichnete sie darin den Adressaten.

"Vergleichbare Konstellationen könnten erneut eintreten"

Die Analyse von Saß: Zschäpe gebe sich gegenüber Männern überlegen, dieser Eindruck habe sich auch durch verschiedene Zeugenaussagen bestätigt. Der Angeklagten attestiert der Gutachter eine "Tendenz zu Dominanz, Härte, Durchsetzungsfähigkeit".

Saß macht auf einen weiteren Widerspruch aufmerksam: Zschäpe hatte vor Gericht erklären lassen, dass sie ihre Situation im Untergrund schon früh als ausweglos empfunden und durchgängig emotional bedrückt gewesen sei. Aussagen von Urlaubsbekanntschaften und langjährigen Wohnungsnachbarn stünden dem entgegen, so Saß.

Sollten die Mundlos und Böhnhardt zur Last gelegten Morde das Gewissen Zschäpes tatsächlich in einem solchen Maße belastet haben, wie es die Angeklagte in ihren Erklärungen angab, "so wäre das schwerlich mit den Eindrücken zu vereinbaren, die ihr Verhalten in den damaligen Jahren auf die verschiedenen Zeugen gemacht hat".

Der Sachverständige macht am Mittwoch zudem deutlich, dass von Zschäpe auch nach dem Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt eine hohe Gefahr ausgehen könnte. Dies sei dann der Fall, wenn Zschäpe, wie es die Anklage formuliert, eine gleichberechtigte Partnerin innerhalb des NSU gewesen sei. "Vergleichbare Konstellationen könnten erneut eintreten", so Saß.

Für Zschäpe sind dies die mit Abstand unangenehmsten Ausführungen des Sachverständigen, weil er damit eine Sicherungsverwahrung nahelegt, sollte Zschäpe im Sinne der Anklage verurteilt werden. Eine Sicherungsverwahrung folgt auf eine verbüßte Haftstrafe.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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