Panorama

Auto-Attacke im Ruhrgebiet

"Wir können von Terrorismus sprechen"

Mit seinem Auto versuchte ein Mann in der Silvesternacht, Menschen in Bottrop und Essen zu überfahren. Wie ist die Tat einzuordnen? Ein Amoklauf? Terror? Antworten von dem Soziologen Matthias Quent.

DPA

Berliner Platz in Bottrop

Ein Interview von
Mittwoch, 02.01.2019   16:46 Uhr

SPIEGEL ONLINE: In der Silvesternacht hat ein Mann mit seinem Auto mehrere Fußgänger attackiert und verletzt. Bei seiner Festnahme soll sich der 50-Jährige rassistisch geäußert haben, Polizei und Staatsanwaltschaft sprachen von einem "gezielten Anschlag". Wie ordnen Sie die Tat in Bottrop und Essen ein?

Quent: Offenbar ist diese Tat ein Vorurteils- beziehungsweise Hassverbrechen. Denn der mutmaßliche Täter hatte es mit seinem Auto gezielt auf eine bestimmte Statusgruppe abgesehen: People of Color, nicht weiße Menschen, die er für "Ausländer" hielt. Die Botschaft der Tat war klar.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Quent: In seiner Vernehmung sagte der Täter, dass die vielen Ausländer ein Problem für Deutschland seien, das er lösen wolle. Damit handelt es sich um eine rassistische Tat, die eine politische Dimension hat. Zudem verbreitet die Attacke noch nach der Tat Angst und Schrecken in Teilen der Bevölkerung.

SPIEGEL ONLINE: Ein terroristischer Akt?

Quent: Ja, aufgrund dieser Faktoren können wir von Terrorismus sprechen. Diese Art von Anschlag ist im Rechtsterrorismus nicht unüblich. Auch der Attentäter von Charlottesville steuerte sein Auto in eine Menschenmenge. In London fuhr im gleichen Jahr ein Mann in eine Gruppe gläubiger Muslime.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Als in Münster ein Mann im vergangenen Jahr in eine Menschenmenge fuhr, war von einer Amokfahrt die Rede.

Quent: Ja, dort fehlen Hinweise auf die Auswahl einer spezifischen Opfergruppe, durch die Amoktaten eine gesellschaftspolitische Dimension erhalten. Amok und Terror schließen sich auch nicht aus: Ein Terroranschlag kann Aspekte eines Amoklaufs erfüllen und umgekehrt. Der Begriff Amok allein greift im aktuellen Fall eindeutig zu kurz. Es ist aus wissenschaftlicher Sicht auch eine Frage der Perspektive.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Quent: Beim Amok steht vor allem die individuelle Perspektive des Täters im Fokus: Was hat den Täter dazu bewegt, so zu handeln? Außerdem wählt der Täter hier seine Opfer eben nicht entlang rassistischer Kriterien aus. Der Terrorakt rückt die politische Perspektive in den Vordergrund und hat eine andere Wirkung: Die Tat ist zugleich eine Botschaft der Diskriminierung und Marginalisierung. Das beeinflusst das Verhältnis von Bevölkerungsgruppen zueinander. Bei rassistisch zu Zielen erklärten Menschen breitet sich die Angst weiter aus.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern unterscheiden sich hier islamistischer und rechtsextremer Terror?

Quent: Vor allem darin, wie sie sich selbst in der Gesellschaft wahrnehmen. Die Islamisten agieren in der Minderheit und sehen sich auch als Minderheit, die eine große Mehrheit angeblich im Namen Allahs angreift. Rechtsextreme empfinden sich hingegen als Mehrheit, als Vollstrecker eines angeblichen Volkswillens. Terrorzellen wie der "Nationalsozialistische Untergrund" praktizieren einen sogenannten vigilantischen Terrorismus. Mit ihren Taten greifen sie aus ihrer Sicht nicht vorrangig die politische Ordnung an, sondern wollen die gesellschaftliche Überlegenheit der Weißen stabilisieren. Faktisch ist aber jeder Angriff auf Angehörige ethnischer oder religiöser Minderheiten auch ein Angriff auf die grundgesetzlichen Werte der Bundesrepublik.

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SPIEGEL ONLINE: Der 50-Jährige aus Essen soll unter einer schizophrenen Erkrankung leiden. Welche Rolle spielt eine psychische Krankheit bei solch einer Tat?

Quent: Sowohl gesunde als auch psychisch kranke Menschen können diese Taten begehen. Bei manchen Tätern kommen individuelle Pathologien und politische Ideologien zusammen, wie beispielsweise bei Anders Behring Breivik. Auch bei islamistischen Tätern ist es manchmal so, dass sie eine erhebliche psychische Leidensgeschichte hinter sich haben. Das wird oft nur nicht so stark thematisiert. Aber aus Sicht der Terrorismusforschung gibt es keine terroristische Krankheit oder Persönlichkeit. Vielmehr müssen mindestens drei Dimensionen berücksichtig werden, um solche Terrorakte verstehen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Quent: Erstens geht es um die individuelle Situation eines Täters: Welche Werte wurden ihm vermittelt? Ich sage Täter, weil es wirklich meist Männer sind. Starke Männlichkeitsbilder spielen dabei eine Rolle. Wie ist er sozial positioniert? Wie geht es ihm - hier kann auch eine psychische Belastung von Bedeutung sein. Zweitens spielt das soziale Umfeld eine Rolle: Welche Ideologien werden vermittelt? Was liest er im Internet? Wo tauscht er sich aus? Als dritter Punkt kommt die gesellschaftliche Ebene dazu: Welche Gruppen werden als Bedrohung und angebliche legitime Sündenböcke diskutiert?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Menschen, die eher zum Täter werden als andere?

Quent: Leider ist es kompliziert. Es gibt unterschiedliche Tätertypen, aber auch Fälle, die in keine Schublade passen. Oft handelt es sich um Personen, die sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen oder es objektiv auch sind. Da es sich bei den meisten Attentätern um Männer handelt, kommt zudem noch der Aspekt des fehlgeleiteten männlichen Protektionismus hinzu. Die Männer sehen sich als Kämpfer, bilden sich ein, sie müssten andere durch eigene Gewalt beschützen. Auch dieses Selbstbild wird sozial vermittelt. In Bottrop ist es ähnlich: Der Mann attackierte mit seinem Auto die Personengruppe, die er als Problem ansah - und die auch in Teilen der Öffentlichkeit als "Mutter aller Probleme" beschrieben wird.

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