Panorama

Selbstjustiz in Bremen

Täter verprügelten Unschuldigen

Eine Gruppe von Menschen zieht los und schlägt einen Mann zusammen, den sie fälschlicherweise für einen Pädophilen hält. Die Polizei ermittelt, was dahinter steckt - und prüft auch einen Fernsehbericht.

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Donnerstag, 14.06.2018   18:58 Uhr

Ein Unschuldiger krankenhausreif geschlagen, lebensgefährlich verletzt von einer Gruppe von Menschen, die nach ersten Erkenntnissen Selbstjustiz übten. Diesen Fall versucht die Polizei in Bremen derzeit aufzuklären. Nähere Angaben will die Staatsanwaltschaft noch nicht machen. Nur so viel: Ein Fernsehbericht könnte Auslöser für die Tat gewesen sein.

Nach Aussagen von Zeugen sollen die Täter den 50-jährigen Mann nach einem Beitrag der RTL-Sendung "Punkt zwölf" über Pädophile in seiner Wohnung im Bremer Stadtteil Lesum aufgesucht haben, wie Frank Passade, Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, dem SPIEGEL sagte. Die Gruppe sei demnach der Ansicht gewesen, den Mann in dem Bericht erkannt und seine Adresse identifiziert zu haben.

Damit lagen sie laut Passade aber falsch.

"Das Opfer ist nicht die Person, die RTL in dem Beitrag als pädophil identifiziert haben will", sagte der Sprecher. Rund zehn Menschen sollen sich nach der Sendung am Dienstagmittag in der Wohnung des 50-Jährigen versammelt haben. Dort wurde er zusammengeschlagen. Wie viele Menschen handgreiflich wurden, ist Passade zufolge unklar. "Da laufen die Ermittlungen."

Der Mann wurde so heftig verprügelt, dass er zeitweise in Lebensgefahr schwebte. Die Polizei ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdeliktes. Ob die Ermittler bereits Tatverdächtige identifiziert haben, und wenn ja, ob die mutmaßlichen Täter das Opfer möglicherweise persönlich kannten - dazu wollte sich Passade nicht äußern. Die Polizei konnte den 50-Jährigen kurz befragen, bevor er ins Krankenhaus kam.

RTL verurteilt Angriff in Bremen

RTL entfernte den Beitrag aus dem Internet. Ein Sprecher wies aber darauf hin, dass man die journalistische Sorgfaltspflicht in jeder Hinsicht gewahrt habe. Im Beitrag habe es keinerlei Hinweise auf den Ort oder eine vermeintliche Adresse des mutmaßlichen Pädophilen gegeben. Der Sprecher betonte: "RTL verurteilt den brutalen Akt der Lynchjustiz in Bremen auf das Schärfste."

In dem RTL-Beitrag hatte sich ein Reporter in einem bei Pädophilen beliebten Internetportal als Mädchen ausgegeben. Bei ihm meldete sich nach Angaben des Senders ein Mann, der sich mit dem Mädchen treffen wollte. An dem Treffpunkt tauchte ein Mann auf, der sich auffällig verhielt. Als der Reporter den Mann später konfrontieren wollte, war dieser plötzlich verschwunden.

Der Sender hat eigenen Angaben nach die Polizei nach der Sendung über die Recherchen informiert und belastendes Filmmaterial übergeben. Nachdem die Gewalttat bekanntgeworden war, händigte RTL den Ermittlern weiteres Rohmaterial aus. Dieses werde jetzt intensiv geprüft, sagte Passade. Es könne aber auch sein, dass der in dem Beitrag gezeigte Mann ein Unbeteiligter sei, der mit dem Ganzen nichts zu tun habe.

In der Vergangenheit gab es in Deutschland immer wieder Fälle von Menschen, die glaubten, das Recht in die eigene Hand nehmen zu müssen.

Und nun Bremen: Die Polizei sah es wegen des Falls als notwendig an, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass niemand das Recht habe, die Justiz in die eigene Hand zu nehmen. "Keine Form und kein Anlass zur Selbstjustiz sind tolerierbar", hieß es. "Es ist die Aufgabe der Staatsanwaltschaft und der Polizei Straftaten zu verfolgen."

mit Material von dpa

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