Panorama

Brett Kavanaugh

Vom Weinen und Wählen

Über den US-Richter Brett Kavanaugh wissen wir mittlerweile alles. Aber wie viel Bier trank eigentlich Bundesverfassungsrichter A. vor 40 Jahren? Welche Ansichten vertrat Richter C. vor 20 Jahren, und wie gelangte der Mensch D. auf die Wahlliste?

REUTERS

Brett Kavanaugh (links) bei seiner Vereidigung zum Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten

Eine Kolumne von
Freitag, 12.10.2018   17:04 Uhr

Semantik

Brett (ist das ein Vorname?) Kavanaugh ist, wie wir dank seit Monaten zweistündlich upgedateter Meldungen sämtlicher Presseorgane wissen, ein "erzkonservativer" Richter. Ich habe versucht, die Quelle des "erz" aufzuspüren, habe auch eine These dazu, kann sie aber nicht belegen. Jedenfalls ist "erz-irgendwas" das Lieblingsattribut der deutschsprachigen Trump-kritischen Presse für Herrn Kavanaugh, einen mir (wie fast allen Deutschen) bis vor kurzem gänzlich unbekannten Menschen mit einer merkwürdig kindlichen Physiognomie (für die er, Bier hin oder her, nichts kann), einer dunkelhaarigen Gattin und zwei Töchtern. Dies muss als Beschreibung reichen. Außer erzkonservativ gibt es, glaube ich, noch "erzkatholisch". Weitere Erz-Eigenschaften sind mir spontan nicht geläufig. Ich schließe aber nicht aus, dass es erzvegane, erzdumme oder auch erzinformierte Menschen mitten unter uns gibt.

Der erzkonservative Brett Kavanaugh seinerseits ist nicht am Amtsgericht Tirschenreuth und auch nicht am Kammergericht Berlin tätig. Eigentlich weiß, glaube ich, hierzulande überhaupt niemand so recht, wo er tätig ist oder war, was er je geschrieben oder geurteilt hat. Man weiß jetzt aber, wo der erzkonservative Kandidat demnächst tätig sein wird, falls und solange es nicht einem Erz-Engel einfällt, ihn überraschend vor ein noch höheres Gericht zu laden, an dessen Existenz der erzkonservative Richter dermaßen fest glaubt, dass ihn jedes Mal ein Zittern des Kinns befällt, wenn er nur daran denkt. Das ist sein gutes Recht, wie es in der Erzverfassung der USA steht, die jedem Deutschen seit 1949 ein Erzherzensanliegen ist: Der Zweite Verfassungszusatz der USA zum Beispiel ist dem Münchner wie der Berlinerin so vertraut und wichtig wie Art. 5 des Grundgesetzes.

Es wurde nun, wie man weiß, der erzkonservative Richter Kavanaugh einer peinlichen Beschuldigung und einer weithin vorgetäuschten Untersuchung unterworfen, bevor er sich zur Zierde des Juristenstandes, zur Leuchte der Gelehrsamkeit, zum Monolith der Gerechtigkeit zurückverwandelt und in sein wahres Selbst versetzt wurde: ein erzneutrales, erzunbefangenes und erzausgewogenes Kind. Er hat nämlich - ich schwör'! - während seiner bis zum 41. Lebensjahr andauernden Erzreifezeit weder pornografische Gedanken noch erzgeile Körperkontakte gehabt und allenfalls gelegentlich ein bisschen Bier getrunken, wie man auf den Fotos unschwer sehen kann.

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Man hat Herrn K. vorgeworfen, dass er im Alter von 17 Jahren eine bis drei Erzsauereien begangen habe. Die einen sagen so, die anderen sagen so. FBI-Special Agent Jerry Cotton ermittelte. Man weiß nicht, wie viele von seinen Gegnern mit dünnen Schlipsen und Lackschuhen dran glauben mussten. Sicher ist aber, dass es allesamt Erzprogressive waren, was in den USA mir dem schönen Wort "liberal" beschrieben wird und sich daher ungefähr auf der Höhe des rechten CSU-Flügels befindet.

Weinen

Herr K. musste derweil viel weinen, vor allem im Fernsehen vor dem Justizausschuss, und wenn er abends betete. Auch das mögliche Opfer der dreieinhalb Jahrzehnte zurückliegenden möglicherweise stattgefundenen Sauerei weinte. Das Weinen ist dem Amerikaner und der Amerikanerin ein Grundbedürfnis: Man weint beim Anblick der Erzflagge, beim Anflug auf die Erzfreiheitsstatue und vorsichtshalber immer, wenn wieder einmal der "Bottom-of-my-Heart" klopft, am besten der "Very Bottom". Sie weinen, wenn sie knien, wenn sie stehen, wenn der Football-Verein ihrer Kleinstadt gewinnt und besonders stark, wenn die 12-jährige Tochter ihre Zahnspange gegen ihr erstes Intrauterinpessar eintauscht. Das darf man aber nicht sagen, weil man dann gleich wieder weinen muss, weil es so unbeschreiblich schön ist, dass all diese herrlichen reinen Kinder in diesem herrlichen Land aufwachsen dürfen, wo der warme Wind sanft über die Prärien des Fracking streicht und die wilden Mustangs über die Misfits kommen.

Man weiß gelegentlich gar nicht, woher das viele Weinen kommt. Vielleicht aus purer Überanstrengung an der weltgeschichtlichen Erzaufgabe, unser Sonnensystem fit zu machen für die nächsten 3.000 Jahre Digitalisierung im nicht stattfindenden Klimawandel. Dieser findet bekanntlich nur in California statt, wo Grateful Dead wohnten und der migrantische Bodybuilder Alexander Gauland aus Potsdam früher Gouverneur gewesen sein soll, bis er das Batmobil erfand.

Bier und Verfassung

Das alles ist aber gar nicht mein Thema. Was mich interessieren würde: Warum eigentlich kennen ungefähr 99,9 Prozent der deutschen Staatsbürger bestenfalls einen einzigen Richter des Bundesverfassungsgerichts, haben aber zugleich zu gefühlten 60 Prozent eine Meinung über behauptete Verfehlungen des 10.000 km entfernt lebenden Richters K. als verklemmter 17-Jähriger vor 37 Jahren?

Kontrollfragen: In welchem Bundesstaat Indiens und im welchem Teil des Staates Brasilien - der übrigens doppelt so groß ist wie die 28 Länder der Europäischen Union zusammen - wurde von welchen obersten Richtern zuletzt über welche Verfassungsfragen entschieden? Wie viele Senate hat das Bundesverfassungsgericht, und wie ist dort die parteigesteuerte "Block"-Verteilung? Man könnte diese Fragen natürlich noch etwas weiter auffächern: Wie viel Bier trank Bundesverfassungsrichter A. vor 40 Jahren? Wie viele Konkurrentinnen ließ Richterin B. über die lächelnde Klinge springen auf dem Weg von der Mittelmäßigkeit des Landgerichts X durch die Partei Y zum Licht? Welche Ansichten vertrat Richter C. vor 20 Jahren, und wie gelangte der Mensch D. auf die Wahlliste?

Zur Vermeidung von Missverständnissen: Dies sind keineswegs denunziativ gemeinte Fragen (die könnte ich auch)! Sie richten sich vielmehr ganz neutral an die erzbesorgten Leser und Schreiber, deren täglich erster und letzter Gedanke der Frage gilt, was wohl Frau Sarah Huckabee Sanders seit gestern wieder zusammengelogen hat, welchen Tropenhelm das "Ex-Model" Frau Melania im Sumpf trug und welch infantile Kurzbotschaften aus Florida die erstgrößte Entrüstung in China und die zweitgrößte Entrüstung in Kanada verursacht haben.

Nur am Rande will ich hier anmerken, dass mir "Ex-Model" als erstaunliche Umschreibung einer Persönlichkeit erscheint. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Ex-Existenz der Gattinnen vorangegangener Präsidenten der USA als Dauer-Attribut und Berufsbezeichnung dienten: Barbara Bush eine "Ex-Hausfrau"; Michelle Obama eine "Ex-Rechtsanwältin"? Welche Ex-Berufe übten eigentlich die Raumausstatterinnen Eisenhower, Ford, Johnson oder Kennedy aus, bevor sie Ex-Dekorateurinnen und Ex-Schuhträgerinnen wurden?

Ich frage ja nur! Vermutlich dient die Exbezeichnung deutschen Erzprogressiven als eine Art Verachtungsapposition. Das ist aber ein wenig zweifelhaft: Für die Männchen, weil sie sich, wie wir aus den Mitschrieben ihrer Gruppentherapien wissen, heimlich die Finger danach lecken, ein supergeföntes Ex-Model aus Osteuropa heimzuführen. Und für die extrem tot-tabuisierten Weibchen, weil sie Tag und Nacht für die Menschenehre der Models kämpfen und daher eigentlich gar nicht wissen wollen dürfen, wo der Unterschied ist zwischen Ivanka, Melanie, Gina-Lisa und Heidi.

Wie auch immer: Was fasziniert die 82 Millionen Deutschen mit dem "richtigen" Politikverständnis - also, wie es sich gehört, der richtigen Moral - so sehr an Herrn Brett Kavanaugh, der sich im Unterhaltungsfernsehen eines fremden Kontinents als Bündel selbstmitleidiger Aggression und bigotter Selbstgerechtigkeit präsentiert? Seien Sie ehrlich: Die Zusatzartikel zur US-Verfassung und ihre aktuelle Auslegung sind es nicht. Warum auch? Dem "Tagesschau"-Gucker ist es zunächst einmal wurscht, ob die Fläche des Sojaanbaus im Staate Iowa nach Maßgabe welcher Verwaltungsvorschrift erhöht oder gesenkt werden darf.

Sex & Drugs

Ginge es um Richter Kavanaugh, wäre irgendjemandem wohl gelegentlich ein juristisches Argument eingefallen. Und ginge es um das Verhältnis von moralischer Reinheit zu rechtsstaatlicher Ordnung, wäre es zwar immer noch glatt gelogen, zu behaupten, die Vorwürfe gegen K. seien "komplett widerlegt" (so sein derzeitig ewiger Freund Donald), aber es wäre ebenso glatt falsch, aus der Nicht-Erweislichkeit seiner Unschuld die Bestätigung seiner Schuld abzuleiten.

Einmal abgesehen davon und ganz am Rande, verehrte Rechts-Spezialistinnen: Welches Berufsverbot sollte man als Erzprogressiver als angemessene Strafe dafür ansehen, vor 37 Jahren als Schüler der 11. Klasse in volltrunkenem Zustand eine versuchte sexuelle Nötigung begangen zu haben? Ich habe aus den Kreisen der allerhöchsten deutschen Kantianer noch keine wirklich präzise Antwort gehört. Mir fielen ggf. ein paar Personen in hohen (deutschen) Ämtern ein, deren jugendliches Verhalten dem Niveau ihrer heutigen Moralverlautbarungen auch allenfalls knapp entspräche.

Daneben könnte man - dies nur für die SozialarbeiterInnen unter den Erzprogressiven - gar darüber nachdenken, ob der (mögliche) Täter einer fast 40 Jahre zurückliegenden, als vollgesoffener Jugendlicher (möglicherweise) begangenen Tat nicht vielleicht eine (Re)Sozialisierung ganz ohne Strafvollzug hingekriegt haben könnte, wie so viele andere auch, die heute Vorsitzende von irgendwas sind oder werden möchten. Es hat ja, gerade in Deutschland, nicht nur mindestens eine ganze Generation es hingekriegt, sich vom Gewaltverbrecher der frühen Jahre zum Garanten des Rechtsstaats fortzuentwickeln - bei den meisten ging das sogar viel schneller als innerhalb von 37 Jahren -, sondern viele von ihnen mutierten sogar zu besonders entschlossenen KämpferInnen für gerade die Moral, die ihnen in jungen Jahren fehlte.

(1) Disclaimer: Herr Richter Kavanaugh zählt, falls es ihn tatsächlich gibt und er nicht nur eine Animation von CNN und Fox News ist, definitiv nicht zu meinen Lieblingsschauspielern.

(2) Man muss da nicht gleich weinen und sich auf dem Boden der Verzweiflung wälzen wie einst Groucho Marx. Ich habe schon mit ihrer Mama und einem Pferd zusammenlebende Bundesrichterinnen weinen sehen beim "Vier Augen"-Vortrag einer Revisionsakte, aus lauter Empathie mit dem Vorschlag, die Strafe müsse verdoppelt werden.

(3) Das Moraldrama, das die deutschen Meinungskanäle über Herrn Richter K. aus Amerika aufführen, erscheint mir wie ein absurdes - oder sagen wir: selbstironisches - Theater: Menschen, die nicht die geringste Ahnung von US-Verfassungsrecht, US-Justizsystem, Zuständigkeiten und Rechtsprechung des US-Supreme Court haben, ergehen sich wochenlang in erregten Diskussionen und düsteren Prognosen über eine Richterwahl in einem 10.000 km entfernten Land, scheren sich aber nicht die Bohne um die Bedingungen der Richterwahlen in ihrem eigenen Staat.

Butcher's Crossing

Hinter all dem steht, steckt, webt, droht, grinst, faselt und existiert natürlich der Eine & Einzige: Herr Donald Trump, König der Welt, 37-facher Weltmeister im Dauerduschen und Golfspielen, Erfinder des orangefarbenen Tönungsshampoos und hellblauen Unterlid-Makeups, Pussygrabber und Armdrücker, Säbeltänzer und Büffeljäger: Er ist Herr Miller aus John Williams' "Butcher's Crossing" (1960, deutsch 2015), gekreuzt mit Puck.

Natürlich gibt es viele gute Sachgründe, den Donald für den König von Deutschland, jedenfalls seines journalistisch aufbereiteten Teils zu halten. In Zeiten der Not wünscht sich der Mensch einen König, der erstens eine höhere Gnade hat als den demokratischen Durchschnitt aller Beschränktheiten, und zweitens weiß, wo es lang geht. Das war schon immer so. In der vorletzten Not setzt man Frau Alice Weidel die Königinnenkrone auf und ernennt Frau Storch zur Prinzgemahlin. Und die wirkliche Not kennt erst recht kein Gebot, sagten schon die deutschen Herren Ludendorff, Röhm, Rommel, Baader und Böhnhardt, und waren sich sicher, die herrschende Meinung zu sein.

Die Frage ist also, ob wir uns derzeit in einer Zeit der Not befinden. Dazu sagen, wieder einmal, die einen so, die anderen so. Dies allein ist schon - melde gehorsamst - ein Zeichen dafür, dass Nein. Heerscharen von investigativen Enthüllern, hunderttausende von empathischen Menschen suchen tagein, tagaus das Elend und die Not in Deutschland.

Sie finden oft ein Übermaß an zynischer Ungerechtigkeit, empörender Ungleichheit und bedenkenloser Gleichgültigkeit, bleiben aber seltsam unbestimmt, wenn es die spezifische Beschreibung der Not betrifft, die zur Generierung des von ihnen prognostizierten baldigen Untergangs ausreichen soll. Viel öfter als von der realen Not hören und lesen wir von der gefühlten, der erahnten, der zukünftigen und metaphorischen: Der Not "unserer Kinder und Enkel", der Verzweiflung unserer persönlichen, unweigerlich letzten Jahre, dem Abtreten-Müssen aus der Scheinwelt der endlosen Kindheit - all das Zeug also, das den ganz zu sich selbst sehnenden, ganz neu erfundenen Deutschen seit 200 Jahren zu sich selbst treibt. Die Not, die sie meinen, ist freilich heute so wenig wie vor 100 Jahren die der anderen, sondern stets die eigene. Und die vorläufig allerschlimmste Not ist die gefühlte von Übermorgen. Auch das ist seit 40.000 Jahren eingeübt.

Es gibt - heute mehr als früher, später mehr als früher - auch ein paar wirklich gute Gründe sowohl gegen die donaldistische als auch gegen die wladimiristische Sicht der Dinge, und ein paar gute Gelegenheiten und Anlässe zur Änderung des Wegs in die Dunkelheit des - allen Ernstes ventilierten - "neuen Bürgerkriegs" und des Abenteuers "Die Straße" (Cormac McCarthy, 2007). In der sozialen Wirklichkeit überschneidet sich, wie immer, alles. Der König der Welt ist ein Pussygrabscher aus der Umkleidekabine, und sein oberster Richter eine subalterne Heulsuse. Das kann auf Dauer eigentlich niemand aushalten.

Gespalten!

(Auch) die deutschen Pressemedien vollführen seit zwei Jahren ein Trump-Festival jenseits aller Rationalität. Wenn es sicher wäre - wofür Einiges spricht -, dass es sich bei den bizarren Lebensäußerungen der genannten Person und ihrer in verschiedenen Nebenrollen ins Drehbuch geschriebenen multiplen Materialisierungen (Sanders, Ivanka, Bannon, Pompeo etc. pp.) weithin um pathologische Charaktere handelt: Warum dann die manische Fixierung auf die "neuesten Tweets" des Kranken und eine stündlich wiederholte Exegese des immer Gleichen mit immer gleichem Ergebnis? Kann man das Spontanweinen und Auf-die-Bühne-Hüpfen von mühsam zusammengetackerten Marionetten ertragen, ohne depressiv zu werden? Gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen der Werbung für "Voltaren-Schmerzcreme" und der Geriatrie-Performance " Mike Pence"?

Die deutschen Qualitätsmedien überbieten sich in "Analysen" (sagen wir, etwas weniger euphemistisch: Beschreibungen) einer "Spaltung", "tiefen Spaltung" und "grundlegenden Spaltung" usw. einer Gesellschaft, die 6.000 bis 10.000 Kilometer entfernt, jenseits eines unendlich tiefen, unerforschten Ozeans lebt, von der die hierzulande präzisesten Informationen besagen, dass John Wayne ihr erster Präsident war, Elvis Presley Insasse der Ray-Baracks in Friedberg/Hessen und Mae West die Queen Mum von Los Angeles. Immerhin - das ist ja schon deutlich mehr, als die meisten der Herzensfreunde aus Illinois über Rüdesheim und Reichskanzlei, Salzletten und Söder jemals zu erfahren wünschten.

Zum Autor

Aber man darf nicht nur auf die verächtlichen Herren der Welt schauen, sondern sollte die eigenen Zwergenpaläste inspizieren. Und die eigenen Motive: Ob, zwischen wem und warum zum Beispiel die Gesellschaft im Staat Indien "gespalten" ist, in dem dreimal mehr Menschen leben als im Trump Tower, interessiert die Deutschen überwiegend einen feuchten Kehricht, obwohl ja aus diesem Winkel der Welt außer Kala Nag und dem Currypulver noch manches andere seinen Weg findet auf den Gabentisch von uns Besorgten. Und die "Spaltung" zwischen 1200 Millionen Han-Chinesen und 10 Millionen Hui-Chinesen ist der deutschen Qualitätspresse in der Regel so viel Erwähnung wert wie die "Integrations"-Leistungen von 40 Sprachen und siebzehn Ethnien auf den Philippinen oder die wirkliche Größe des Regenwalds in der Republik Kongo: Gegen Null. Obwohl doch die Zukunft der Lithiumbatterie sich voraussichtlich eher in Mindanao als in Florida entscheiden wird.

Wer zahlt, schafft an, sagt der Schimpanse des Buschlands. Trotzdem darf einmal gesagt werden: Zwischen Deutschland und dem Staat, der sich "Amerika" nennt - als ob sich Bayern "Europa" nennte - befindet sich eine dreidimensionale Weltregion mit 80 Millionen Quadratkilometern Oberfläche (250 mal Deutschland) und einer durchschnittlichen Tiefe von 3.300 Metern (3.300 mal Deutschland): Mindestens ein Fünftel der lebendigen Welt.

Ein König ist ja noch nie vom Himmel gefallen, sondern wurde aus dem Schlamm der Kommunikation und des Fressens geboren. Die so genannten "einfachen" Menschen, also die nicht-königlichen und die mit dem nicht "richtigen Politikverständnis" (also immerzu die Guten) vergessen das zu Zeiten, wenn sie am Drücker sind. Dann plötzlich fällt es ihnen wie von ungefähr wieder ein, weil der König und die Königin gar so hässlich sind und das Zuckerbrot knapp wird in zwei Tagen oder 200 Jahren. Es springt dann jeweils wieder aus dem Busch am Wegesrand ein kleiner grauer Mann, und sagt: Gibst Du mir drei Heller, so geb' ich Dir drei Wünsche frei. Aber gern doch, Herr Gauland, sagt der dritte Sohn des Bauern, und wünscht sich: Einen Sack Fremde zum Draufschlagen, eine Mühle der ewigen Süße, und eine Kappe, die unsichtbar macht.

insgesamt 106 Beiträge
spon_4_me 12.10.2018
1. Herr Fischer,
Sie sind Jazz und Rock n'roll in einem.
Sie sind Jazz und Rock n'roll in einem.
katerramus 12.10.2018
2. Gratulation, Herr Fischer,
Was für ein wunderbar satirischer Beitrag !!! Ich danke Ihnen für die verbalen Prügel, die ich als “Guter“, weil politisch auf der richtigen Seite verortet, einstecken durfte. Ich ziehe meinen Hut vor einem Meister des [...]
Was für ein wunderbar satirischer Beitrag !!! Ich danke Ihnen für die verbalen Prügel, die ich als “Guter“, weil politisch auf der richtigen Seite verortet, einstecken durfte. Ich ziehe meinen Hut vor einem Meister des Wortes .
stardiver 12.10.2018
3. Toller Kommentar
Mir so richtig aus der Seele gesprochen. Dem ist nichts mehr hinzu zufuegen. Danke
Mir so richtig aus der Seele gesprochen. Dem ist nichts mehr hinzu zufuegen. Danke
marialeidenberg 12.10.2018
4. Vor allem aber:
Wie wurde Peter Müller Verfassungsrichter? Weil er es sich so sehnlich gewünscht hat als abgewirtschafteter MP? Und seine Doktorarbeit, qualifiziert die ihn wirklich? Oder war es doch nur der böse, böse Proporz?
Wie wurde Peter Müller Verfassungsrichter? Weil er es sich so sehnlich gewünscht hat als abgewirtschafteter MP? Und seine Doktorarbeit, qualifiziert die ihn wirklich? Oder war es doch nur der böse, böse Proporz?
toppence 12.10.2018
5. Bescheidene Bitte
Herr Fischer, bitte übernehmen Sie die Politik Abteilung des Spiegels: Dann abonniere ich das Blatt auch wieder.
Herr Fischer, bitte übernehmen Sie die Politik Abteilung des Spiegels: Dann abonniere ich das Blatt auch wieder.
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