Panorama

Zugriff in Antalya

Mutmaßliche Hintermänner der Callcenter-Mafia festgenommen

Am Telefon geben sie sich als Polizisten aus - und verdienen Millionen Euro: Von der Türkei aus betrügen Callcenter-Agenten jährlich Tausende Opfer in Deutschland. Jetzt wurden zwei mutmaßliche Rädelsführer gefasst.

SPIEGEL TV

Callcenter in der Türkei (Archivfoto)

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Donnerstag, 14.06.2018   17:36 Uhr

Nach jahrelanger Arbeit ist Ermittlern der Münchner Kripo ein Schlag gegen Telefonbetrüger gelungen. Am Mittwochmorgen stürmten türkische Fahnder nach Informationen von SPIEGEL TV mehrere Callcenter und Wohnungen einer mutmaßlichen Betrügerbande in Antalya.

Die Polizisten nahmen acht Personen fest, darunter die mutmaßlichen Rädelsführer Yusuf I. und Özgür Y. Begleitet und beraten wurden die türkischen Beamten bei der Aktion von Fahndern einer Ermittlungsgruppe aus München. Die Callcenter-Bande soll Hunderte Opfer in ganz Deutschland mit einer ausgefeilten Masche um ihre Ersparnisse gebracht haben, der Schaden geht in die Millionen.

Am Telefon gaben sich die Deutsch-Türken demnach als Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) aus und erzählten den Opfern offenbar immer dieselbe Geschichte. Dabei machten sich die Betrüger offenbar auch das schwierige politische Klima zwischen Deutschland und der Türkei zunutze. Es gebe einen Haftbefehl in der Türkei, erzählten die Täter am Telefon, den man nur mit einer hohen Kautionszahlung außer Kraft setzen könne.

Im Video: Die Tricks der türkischen Callcenter-Mafia

Foto: SPIEGEL TV

"Es wurde dabei etwa auf Türkei-Reisen der Geschädigten hingewiesen, auf denen man sich in irgendeiner Weise falsch verhalten hätte. Oft genug waren die Angerufenen tatsächlich bereits einmal in der Türkei ", sagt ein Fahnder zu SPIEGEL TV.

Immer wieder ließen sich verdutzte Opfer von der Geschichte der Anrufer einschüchtern, übergaben aus Angst vor Strafverfolgung an der Haustür hohe Summen Bargeld an Helfer der falschen Polizisten oder überwiesen Geld direkt in die Türkei. Seit Jahren hatten Fahnder der Münchner Ermittlungsgruppe die Bande aus Antalya im Visier, deren Anrufer sich am Telefon häufig den Namen des aktuellen BKA-Präsidenten Holger Münch zulegten.

Das Geschäft der türkischen Callcenter-Mafia ist äußerst lukrativ und dürfte die Schadenssummen von altbekannten Telefonbetrügereien wie dem Enkeltrick bei Weitem übersteigen (mehr über diese Masche lesen Sie hier). Die jährlichen Gewinne der Branche schätzt das Bundeskriminalamt (BKA) auf einen dreistelligen Millionenbetrag, das Geschäft boomt. Denn schnell stoßen deutsche Polizisten bei ihren Ermittlungen in der Branche an rechtliche und politische Hürden.

Die Drahtzieher sitzen in der Türkei, Rechtshilfeersuchen über Justizbehörden gestalten sich häufig kompliziert und langwierig. Zum Erfolg führte im aktuellen Verfahren nun eine unkonventionelle Taktik der Münchner Polizei. Bereits Monate vor dem Zugriff in Antalya bemühten sich die deutschen Ermittler intensiv um gute Beziehungen zu ihren türkischen Kollegen. Nicht über ein Rechtshilfeersuchen, sondern im Rahmen des polizeilichen Informationsaustausches übergaben die Deutschen übersetzte Akten, in denen rund fünfhundert Betrugsfälle der Bande aus Antalya dokumentiert waren.

Die Münchner beriefen sich bei der Aktenübergabe auf das polizeiliche Recht zur Gefahrenabwehr, um die täglichen Betrugsanrufe der Gruppe zu unterbinden. Ein Kniff, der offensichtlich funktionierte. "Das war erst der Anfang, ein Modellverfahren. Aktionen gegen andere Banden in der Türkei sollen folgen. Denn Callcenter gibt es nicht nur in Antalya", sagt ein Fahnder zu SPIEGEL TV.

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