Panorama

Fotoprojekt über Mordopfer

Die Toten von Chicago

100. Mord des Jahres, 200. Mord des Jahres: Gewaltopfer in Chicago werden häufig auf Zahlen reduziert. Fotograf Jim Young hält mit einer berührenden Bildserie dagegen - ein Plädoyer gegen Gleichgültigkeit.

AFP
Samstag, 30.12.2017   16:31 Uhr

Chicago, zweite Jahreshälfte 2017.

Juli: 81 Morde.

August: 54 Morde.

September: 59 Morde.

Oktober: 58 Morde.

November: 38 Morde.

Dezember: bislang 35 Morde.

Die Zeitung "Chicago Tribune" hat es sich zum Ziel gesetzt, jeden Mord in der Stadt zu dokumentieren: 2016 zählten die Reporter 792 Morde, die höchste Zahl seit zwei Jahrzehnten.

In diesem Jahr gab es bislang mehr als 660 Morde. Das sind mehr als doppelt so viele wie in New York und Los Angeles zusammen, den beiden größten Städten der USA. Zum Vergleich: In ganz Deutschland gab es 2016 laut der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes 373 Morde.

Chicago als tödlichste Stadt der USA. 2016 berichtete die "New York Times" über ein Wochenende in der Stadt, an dem 64 Menschen angeschossen wurden und sechs von ihnen starben.

20 Verwundete? Keine Nachricht. 20 Erschossene schon

Wie abgestumpft manche Leute in Chicago angesichts dieser Gewaltepidemie sind, bemerkte der Fotograf Jim Young von der Nachrichtenagentur, als er vor sechs Jahren in der Stadt ankam. Als an einem Tag 20 Leute angeschossen wurden, habe er mit seinem Redakteur gesprochen, wie man darüber berichten solle. "20 angeschossen?", habe der geantwortet. "Das ist keine Nachricht. 20 getötet, das wäre was."

Er sei fassungslos gewesen, sagt Young. Manche Leute in Chicago hätten sich so an Gewalt gewöhnt, dass sie sie als Teil des Alltags akzeptierten. "Die Gleichgültigkeit hat mich schockiert. Es war, als würden sie über das Wetter sprechen."

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Trauer: Wie Chicago seiner Mordopfer gedenkt

Young nahm sich vor, etwas gegen diese Apathie zu unternehmen. Aber was?

Ein Schlüsselerlebnis war ein Bericht, in dem vom 100. Mordopfer des Jahres die Rede war. Es geht nicht um die Menschen, dachte Young. Sie werden nur als Zahlen wahrgenommen.

Young nahm sich vor, die Menschen wieder hervortreten zu lassen. Er ging an die Orte, an denen sie umgebracht worden waren, und fotografierte improvisierte Gedenkstätten. Erst digital, dann mit einer Sofortbildkamera. Er ging dazu über, die Namen der Opfer unten auf die Fotos zu schreiben.

Manche davon, schreibt er, werden ihm lange in Erinnerung bleiben:

Das dreijährige Mädchen, das von seinem Vater mit einem Gürtel erschlagen wurde, weil es nicht essen wollte.

Die 36 Jahre alte Mutter, die vor den Augen ihrer Tochter von ihrem Ex-Freund erstochen wurde, als sie versuchte, einen Streit zwischen ihm und einem anderen Mann zu schlichten.

Die vier jungen Leute, die erschossen wurden, als sie in einem Auto saßen.

Young hat nach eigenen Angaben ein halbes Jahr an dem Projekt gearbeitet. Er habe nicht recht gewusst, wann er aufhören sollte. Und dann wusste er es: Sein letztes Foto zeigt Johnson Liggins Jr. im offenen Sarg. Der Schüler war nachmittags auf dem Weg zu seinem Nebenjob erschossen worden. Es ist das einzige Foto der Serie, auf dem das Opfer zu sehen ist. Zu dem Zeitpunkt hatte Fotograf Young mehr als hundert Tatorte besucht.

Er schreibt: "Die sind einige der Opfer von Gewalt. Jedes Foto steht für ihren Mord in Chicagoland. Ein verlorenes Leben. Obwohl die meisten Gedenkstätten nicht mehr da sind, bleiben die Fotografien."

ulz/AFP

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