Panorama

Rechtsmediziner statt Hausärzte

Frankfurt regelt Leichenschau neu

Fehlerhafte Todesbescheinigungen, unentdeckte Tötungsdelikte - die Qualität der Leichenschau in Deutschland ist oft schlecht. Die Stadt Frankfurt am Main will den Vorgang nun professionalisieren.

DPA

Leiche im Universitätsklinikum Frankfurt (November 2017)

Freitag, 12.01.2018   19:24 Uhr

In einem Pilotprojekt will die Stadt Frankfurt am Main die Aufklärung von Todesursachen verbessern. Künftig soll deutlich häufiger ein Rechtsmediziner klären helfen, ob es sich um ein Verbrechen handelt. Damit sollen mehr Straftaten aufgedeckt werden, teilten Stadt, Polizei und Universitätsklinik bei der Vorstellung des Projekts mit.

In Bremen wird seit August jeder Gestorbene von einem ausgebildeten Leichenarzt begutachtet. In Frankfurt soll nun immer dann, wenn die Polizei zu einer Leiche gerufen wird, auch ein Rechtsmediziner kommen. Bisher wurde der Hausarzt alarmiert - was laut Polizei erhebliche Wartezeiten und teils Qualitätsmängel mit sich brachte.

Für das Pilotprojekt will die Stadt eine neue Stelle in der Rechtsmedizin schaffen. Ist die Polizei nicht bei einem Toten, soll weiterhin der Hausarzt die Leichenschau übernehmen.

Die Leichenschau ist als Ländersache bundesweit unterschiedlich geregelt. Experten bemängeln seit Jahren Missstände: Während andere Länder deutlich häufiger einen Rechtsmediziner einsetzen oder mit einem "Coroner" im angelsächsischen Raum einen eigenen Beamten für unklare Todesfälle haben, kommt in Deutschland häufig ein Hausarzt. Er untersucht die Leiche und stellt den Totenschein aus. Nach Schätzungen der Polizei bleiben so rund 1000 Tötungsdelikte in Deutschland unerkannt. Hintergrund sei mangelnde Ausbildung der Ärzte, Zeitdruck und auch fehlendes Engagement.

10.000 Todesbescheinigungen - davon nur 223 fehlerfrei

Rechtsmediziner und Polizei kritisieren seit Langem bundesweit eine zu hohe Zahl an fehlerhaften Totenscheinen und oberflächlichen Leichenschauen. Experten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock untersuchten in einer Studie 10.000 Todesbescheinigungen: Davon waren lediglich 223 fehlerfrei, 44 Mal wurde fälschlicherweise ein natürlicher Tod festgestellt.

"Wir müssen mit einer hohen Dunkelziffer rechnen", sagt Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer. Gerade in Frankfurt als internationaler Großstadt mit Kriminalität, Flughafen und Messe gebe es viele unklare Todesfälle, zu denen die Polizei gerufen wird - tote Menschen ohne Angehörige und Hausarzt, Fälle, bei denen die Hintergründe unklar sind. Nach Schätzungen sterben in Frankfurt pro Jahr rund 7000 Menschen, zu 935 Fällen wurde die Polizei gerufen. Im Schnitt werden im Jahr in der Main-Metropole 15 Tötungsdelikte ermittelt.

Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill beschrieb die Missstände in der Praxis wie folgt: Beamte, die tagsüber zu einem unklaren Todesfall kommen, müssten sich auf die Suche nach einem Hausarzt machen. Dieser komme wegen eines vollen Wartezimmers oft erst Stunden später und zertrampele wegen fehlender Ausbildung mögliche Spuren. "Die Qualität der Leichenschau ist dann sehr, sehr unterschiedlich - teilweise schlecht." Im Schnitt warteten die Beamten zwei Stunden auf einen Arzt - auch für Angehörige sei das eine unzumutbare Situation.

100.000 Euro lässt sich Frankfurt das Projekt für ein Jahr kosten. Als Modell für ganz Deutschland sehen die Verantwortlichen ihr Projekt nicht. Das sei zu teuer und die Situation in Frankfurt zu speziell.

asa/dpa

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