Panorama

Schockierender Fall im Raum Freiburg

Neun Jahre alt, missbraucht, zum Kauf angeboten

Eine Mutter und ihr Partner sollen einen Jungen für Vergewaltigungen verkauft haben. Weil der Mann vorbestraft war, nahm das Jugendamt den Neunjährigen in Obhut - doch das Familiengericht schickte ihn zurück.

DPA

Streifenwagen der Freiburger Polizei

Von
Freitag, 12.01.2018   19:55 Uhr

Über Jahre hinweg wurde ein Junge aus Baden-Württemberg schwer sexuell missbraucht - laut Polizei von seiner Mutter und ihrem einschlägig vorbestraften Lebensgefährten. Das Paar soll, so die Freiburger Ermittler, den heute Neunjährigen zusätzlich über das Internet für Vergewaltigungen an mehrere Männer verkauft haben. Fünf dieser mutmaßlichen Käufer sitzen in Untersuchungshaft.

Der Fall hat eine Dimension, die selbst erfahrene Ermittler in Deutschland noch nicht kannten. "Es ist für uns der erste Fall, bei dem in großem Umfang in Deutschland Geld für sexuellen Missbrauch von Kindern gezahlt worden sein soll", sagt Georg Ungefuk, Sprecher der Zentralstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT). Diese Einheit der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt Fälle von Kinderpornografie, hier ging der erste Hinweis auf das Paar aus dem Raum Freiburg ein.

Wie eine Ware sollen die 47-Jährige und ihr zehn Jahre jüngerer Freund den Jungen angepriesen haben. Laut Ermittlern kassierten sie von den Männern mehrere tausend Euro für die Vergewaltigungen. Das arbeitslose Paar habe an dem Missbrauch verdienen wollen, sagt ein Sprecher der Freiburger Staatsanwaltschaft.

Gericht schickte Jungen zurück in die Familie

Diese Art von organisiertem Kindesmissbrauch kannten Ungefuk und seine Kollegen bislang nur von Tätern, die aus Deutschland nach Südostasien reisten, um dort Kinder zu missbrauchen.

Doch die laut Polizei "diversen Vergewaltigungen in vielen Fällen" ereigneten sich nun an verschiedenen Tatorten in Südbaden, im Freien, in Wohnungen. Unter den Tatverdächtigen sind Männer, die über Hunderte Kilometer anreisten, teilweise aus dem Ausland. Sie hatten laut Ermittlern über das Internet und das anonyme Darknet Kontakt zu dem Paar. "Die Szene ist sehr schwierig zu fassen, sie agiert im Verborgenen", konstatiert Ungefuk.

2017 schalteten Strafverfolger die europaweit größte Missbrauchsplattform "Elysium" ab. Seither habe man zwar in überwachten Chatverläufen "eine gewisse Verunsicherung" feststellen können, so Ungefuk. "Insgesamt senken die technischen Möglichkeiten des Internets und des Darknets aber die Hemmschwelle, weil sich Täter sicher fühlen."

Die Behörden stellen sich in dem Freiburger Fall auf langwierige Ermittlungen ein, umfangreiches Beweismaterial müsse ausgewertet werden. Und auch die Rolle des Jugendamtes und der Justiz dürften hinterfragt werden.

Denn wie nun bekannt wurde, hatte das Jugendamt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald den Jungen im Frühjahr schon einmal aus der Familie genommen - doch nach einer Entscheidung des Familiengerichts sei er zurück zu seiner Mutter gegeben worden, teilte das Landratsamt mit.

Demnach hatte das Jugendamt auch schon früher Kontakte zu der Familie, es sei um Entwicklungshilfen für das Kind gegangen. Im März 2017 habe die Polizei das Amt dann informiert, dass der Lebenspartner der Mutter wegen einschlägiger Sexualdelikte vorbestraft ist. Konkrete Hinweise auf einen Missbrauch habe es aber nicht gegeben.

Nachdem der Schüler aus der Familie genommen worden war, entschied das Familiengericht jedoch anders, wie ein Sprecher des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald sagte. Auch das Oberlandesgericht habe dies so gesehen.

Wie eine Polizeisprecherin sagte, wurde der Junge auch nach März noch missbraucht. Die genauen zeitlichen Abläufe sind noch unklar. Endgültig aus der Familie genommen wurde der Junge aber erst, als die Freiburger Ermittler den Hinweis der Frankfurter Zentralstelle erreichte. Das war im September.

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