Panorama

Stiefvater in Freiburger Missbrauchsprozess

Erschreckend unbewegt

Christian L. missbrauchte seinen Stiefsohn vielfach, bot den Jungen anderen Männern für Vergewaltigungen an. Im Prozess gegen einen von ihnen sagte er nun als Zeuge aus - ein verstörender Auftritt.

DPA

Markus K. auf dem Weg ins Landgericht Freiburg (Archivfoto)

Von , Freiburg
Mittwoch, 18.04.2018   20:45 Uhr

Christian L. ist ein gefragter Mann. In Verfahren von Kiel bis Freiburg sagt der 39-Jährige derzeit gegen die Leute aus, mit denen er früher nach eigenen Angaben gemeinsame Sache machte. So auch im Prozess gegen Markus K. am Freiburger Landgericht.

Es ist das erste Verfahren zum Missbrauchsfall von Staufen: Christian L. und seine Partnerin Berrin T. haben den heute neunjährigen Sohn der Frau jahrelang gegen Geld für Vergewaltigungen im Internet angeboten und mehreren Männern dafür überlassen. All das soll in insgesamt sieben Prozessen aufgearbeitet werden; das Verfahren gegen Markus K. ist der erste davon - und Christian L. vorerst nur Zeuge.

Zumindest für die Dauer seiner verstörend banalen Schilderungen verblassen K.s Taten beinahe, so monströs sie auch sind. K. hatte zum Prozessauftakt gestanden, den Jungen vergewaltigt zu haben.

Christian L.s Aussage erklärt nicht, wie es zu den Missbrauchsfällen kommen konnte. Aber sie lässt erahnen, was in den Köpfen und Herzen der Täter vor sich ging: Erschreckendes und sonst erschreckend wenig.

Er und Markus K. lernen sich in der JVA Freiburg in U-Haft kennen. Beide teilen ähnliche Neigungen, beide sind einschlägig vorbestraft. Es entwickelt sich eine Freundschaft, ein Vertrauensverhältnis. K. ist für L. offenbar Ansprechpartner im Knast. Wieder in Freiheit, verlieren sie sich aus den Augen - und treffen sich zufällig im Gemeinschaftsraum einer psychologischen Praxis wieder.

"Zugang zu dem Jungen, mit dem ich übergriffig wurde"

Dass die beiden sich in der ambulanten Therapie begegnen, dürfte eigentlich nicht passieren. Christian L. war nach eigener Aussage "eine halbe Stunde zu früh da", Markus K. verspätet. Anschließend bleiben die Männer über soziale Netzwerke in Kontakt. Chatten zunächst bei Facebook, dann über WhatsApp und zuletzt, "weil der sicherer war, angeblich", über den verschlüsselten Messenger-Dienst Line.

Nach dem üblichen Geplänkel kommt es, noch auf WhatsApp, am 20. Juli 2016 um 13 Uhr zum entscheidenden Dialog. Er wird vor Gericht verlesen, mit allen Rechtschreibfehlern und Smileys. Ob er denn alleine zu Hause herumhänge, will Markus K. wissen. "Nee, bei Frau und Sohn", antwortet L., was K. hellhörig macht: "Sohn? Seit wann?" - "Stiefsohn, nicht eigener", schreibt Christian L. und erläutert im Chat, er sei in einer Beziehung und habe, wie er vor Gericht sagt, "Zugang zu dem Jungen, mit dem ich übergriffig wurde". K. beißt an. Wie alt? Neun. Wenn er denn mal "was" wisse, solle L. sich doch melden. Wann und wo.

Fest steht, dass sich die Männer am 23. Juli 2016 treffen und einen Ort in den Weinbergen bei Staufen suchen, an dem, wie vereinbart, Markus K. den Jungen missbraucht. Vereinbart ist laut Christian L. zudem, dass der Junge eine Maske tragen und "10 oder 20 Euro" bekommen soll, "damit er sich freut". Und dass L. die Tat filmen wird. Nicht zu kommerziellen Zwecken, sondern "nur für den Eigengebrauch", wie Christian L. sagt - für ihn selbst, die Mutter und Markus K.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Markus K., "dass der Junge schon Kunden hatte". Tatsächlich war er von 2015 an bereits "50- oder 60-mal" missbraucht worden, wie Christian L. überlegt. Er selbst habe sich wöchentlich an dem Kind vergangen. "Es gab aber auch Phasen, da haben wir alle zusammen gewohnt wie eine ganz normale Familie". Reguläre Kunden bezahlten bis zu 10.000 Euro, um den Jungen zu missbrauchen. Markus K. musste nicht bezahlen, ein Freundschaftsdienst von Christian L.

Die Mutter legt Handschellen und Fußfesseln für ihr Kind bereit

Was Christian L. über die Treffen mit Markus K. berichtet, ist kaum zu ertragen. Die Mutter bringt das Kind zum Auto mit den beiden Männern, gemeinsam fahren sie an die zuvor ausgesuchte Stelle. Das Kind ist verunsichert, weint, soll mit der Lüge zusätzlich eingeschüchtert werden, der Fremde sei Polizist. Dieser Trick, sagt Christian L., habe das Kind in einem früheren Fall fügsam gemacht. Diesmal aber sei es in Panik, "weil die Mutter nicht dabei war". Auch deswegen, so schildert es L. in unbewegten Worten, sei die Vergewaltigung nicht so vollzogen worden wie geplant.

Die zweite Tat findet im Kinderzimmer des Jungen in Staufen statt. Der Vermieter ist im Urlaub. "Das Kennenlernen stand im Mittelpunkt", sagt Christian L. Er hat eine Chat-Benutzergruppe eingerichtet, der auch das Opfer angehört. Markus K. firmierte darin als "Polizist", Christian L. als "Papa". Die Mutter, Berrin T., schaut sich den Kunden eine halbe Stunde lang an. Dann zieht sie sich mit Christian L. ins Wohnzimmer zurück, sie lassen den Jungen mit Markus K. allein. Zuvor allerdings hatte sie Handschellen und Fußfesseln bereitgelegt. Markus K. hatte gewünscht, den Jungen diesmal besser zu fixieren.

Per Camcorder und Handykamera wird die Tat festgehalten. Wieder nicht "aus Interesse an Geld", wie Christian L. sagt. Sondern zum Zwecke sexueller Erregung "auch der Mutter". Als Markus K. fertig ist, vergeht sich Christian L. selbst an dem Jungen.

"Ich sage aus, weil ich Scheiße gebaut habe"

Berrin T. hat unterdessen gekocht. Man habe dann noch gemeinsam zu Abend gegessen, sagt Christian L. Markus K. daddelt mit dem Opfer noch ein wenig auf dem Handy herum, Klingeltöne ändern, Spiele spielen.

Ein drittes Treffen konnte durch das Eingreifen der Polizei verhindert werden.

Christian L. spricht ruhig und abgeklärt. Seine Verwendung von Begriffen und Redewendungen aus Psychiatrie und Justiz lässt die Erfahrung ahnen, die er mit beidem schon gesammelt hat. Er spricht so ausführlich und offen, dass er beinahe wie ein Kronzeuge wirkt. Ein Eindruck, dem der Richter mit missbilligendem Hinweis auf entsprechende Verschwörungstheorien entschieden widerspricht.

Christian L. selbst erklärt, nach seiner Motivation gefragt: "Ich sage aus, weil ich Scheiße gebaut habe. Und damit Leute aus dem Verkehr gezogen werden, die da hingehören, wo ich jetzt bin."

Das Urteil gegen Markus K. wird am Donnerstag erwartet. Christian L., dieses Mal noch Zeuge, und Berrin T. werden sich ab dem 11. Juni für ihre Taten verantworten müssen.

Im Video: Missbrauchsfall im Breisgau - Zur Vergewaltigung angeboten

Foto: SPIEGEL TV

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