Panorama

Prozess im Mordfall Johanna

"Er kann weder auf Vergebung noch auf Verständnis hoffen"

Johanna Bohnacker wurde 1999 entführt, missbraucht, getötet. "Warum ausgerechnet unser Kind?", schrieb die Mutter an den damals noch unbekannten Täter. Nun traf sie ihn vor Gericht.

DPA

Angeklagter Rick J.

Von , Gießen
Freitag, 20.04.2018   18:25 Uhr

Wenn Eltern auf brutale Weise ihr Kind verlieren und der dafür Verantwortliche vor Gericht steht, haben Mutter und Vater die Wahl: Wollen sie demjenigen gegenübertreten? Ertragen sie es, mit ihm in einem Raum zu sein? Wollen sie sich selbst ein Bild von dem Menschen machen, der ihnen das Liebste genommen hat?

Gabriele Bohnacker hat sich dafür entschieden. Als sei sie es ihrer toten Tochter Johanna schuldig, die Nähe des Mannes auszuhalten, der die Achtjährige im September 1999 aus dem Leben riss. Richard Bohnacker, Johannas Vater, starb vor zwei Jahren. Bis zu seinem Tod fahndete das Paar nach dem Täter, hängte Plakate auf, verteilte Handzettel.

18 Jahre nach der Tat wurde Rick J. aus Friedrichdorf im Hochtaunuskreis festgenommen. Ein alleinstehender, arbeitsloser Kiffer, eine gescheiterte Existenz. Er gibt bereits in der ersten polizeilichen Vernehmung zu, Johanna den Mund zugeklebt und ihr zusätzlich auf die Nase geschlagen zu haben. Dadurch sei sie wohl gestorben, ermordet habe er sie nicht, sagt Rick J.

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Entführtes und getötetes Kind: Ein Mädchen verschwindet

Landgericht Gießen, Saal 207. Aufrecht betritt Gabriele Bohnacker mit ihrem Anwalt Dietmar Kleiner den Raum, keine vier Meter von der Anklagebank entfernt nimmt sie Platz. Eine elegante Frau im camelfarbenen Blazer über einem schwarzen Kleid. Sie tritt als Nebenklägerin auf.

Sie werde nach diesem Verhandlungstag ein Statement abgeben, sagt Gabriele Bohnacker mit fester Stimme zu dem Pulk Journalisten vor sich. Dafür bitte sie aber, für den Rest der Hauptverhandlung Abstand davon zu nehmen, sie anzusprechen.

Rick J. wird gefesselt in den Saal geführt. Er steht nicht das erste Mal vor Gericht, er ist vorbestraft wegen Verkehrsdelikten und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, er saß auch schon in Haft.

Er hält den Kopf gesenkt

Gabriele Bohnackers Hände liegen ruhig auf dem Tisch vor ihr. Es ist die erste Begegnung zwischen ihr und dem Mann, der ihr Kind tötete. Sie meidet den Blick nach links: Rick J. kauert zwischen seinen beiden Verteidigern Uwe Krechel und Thomas Ohm. Er ist 42 Jahre alt, ein kleiner, dicklicher Mann im weinroten Hemd und mit winziger Brille, die langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Staatsanwalt Thomas Hauburger erhebt sich und verliest die Anklage: Rick J. wird beschuldigt, "einen Menschen entweder zur Befriedigung des Geschlechtstriebs oder um eine andere Straftat zu verdecken, getötet zu haben, sowie durch den sexuellen Missbrauch sowie die Vergewaltigung wenigstens leichtfertig den Tod des Kindes verursacht zu haben". Rick J. hält den Kopf gesenkt.

Laut Anklage überwältigte er Johanna am 2. September 1999 auf einem Radweg im hessischen Bobenhausen, betäubte sie mit Chloroform, steckte sie in den Kofferraum seines Autos und fuhr mit ihr an einen abgelegenen Ort im Wetterau- oder Vogelsbergkreis, um dort seine pädophilen Neigungen auszuleben. Laut Anklage verklebte er Johannas Mund und Augen mit insgesamt vier Streifen eines silbernen Panzerbands. Er zog das Mädchen aus, fesselte es und missbrauchte es. Dabei umwickelte er den Kopf des Kindes in etwa 29 Zügen mit einem 15 Meter langen braunen Paketband. Johanna erstickte.

Hauburger lässt es sich nicht nehmen, ausführlich den zweiten Anklagepunkt vorzutragen: den Besitz von insgesamt über 150 Bild- bzw. Videodateien kinder- und jugendpornografischen Inhalts. Hauburger will einmal mehr demonstrieren, um was für einen Angeklagten es sich hier handelt: Einen Mann, der seine perverse Neigung wohl nicht unter Kontrolle hatte.

"Sonderbare Distanzierung"

Ein Mann mit Intellekt, sagt sein Verteidiger Uwe Krechel über Rick J. Wenige Tage nach seiner Geburt sei Rick J. adoptiert worden und in einer "leistungsorientierten Familie" gelandet; er habe nach einem guten Abitur Biochemie studiert, jedoch nach dem Zwischenexamen abgebrochen und eine "massive Drogenkarriere" eingeschlagen. Rick J. sei eloquent, formuliere genau, spreche aber "mit sonderbarer Distanzierung von seinen Handlungen", sagt Krechel.

Das erklärt, warum es Krechel selbst übernimmt, an diesem ersten Verhandlungstag in einer Erklärung die notwendige Empathie zu verbreiten. Im Vordergrund stehe "ohne Zweifel das Schicksal der zu Tode gekommenen Johanna Bohnacker und das sicherlich kaum beschreibbare Leid sowie der Schmerz ihrer Eltern und Angehörigen", betont Krechel. Rick J. trage dafür "die moralische und letztlich auch juristische Verantwortung".

Rick J. könne sich "hierfür nicht entschuldigen", so Krechel. "Er kann weder auf Vergebung noch auf Verständnis hoffen. Zu schwer wiegt die moralische Schuld des Angeklagten für sein ungeheuerliches Handeln." Das Ausmaß habe auch Rick J. "in seinem Inneren erreicht". Er werde sich daher im Laufe des Verfahrens "vollumfänglich erklären und allen Rückfragen" stellen.

Für Gabriele Bohnacker wird es eine kaum erträgliche Reise in die letzten Stunden ihrer Tochter, aber auch in das komplette Leben des Angeklagten werden: Rick J. wird versuchen, Verständnis zu ernten dafür, dass er nicht arbeiten ging, dass er nur von dem Vermögen zehrte, das ihm seine Pflegemutter vererbt hatte. Dass er regelrecht in seiner Ein-Zimmer-Bude in Friedrichsdorf versackte, ohne soziale Kontakte, feste Partnerschaft und Zukunftsperspektive.

"Warum ausgerechnet unser Kind?"

Gabriele Bohnacker wird sich auch zwingen, das auszuhalten. Das hört man aus dem, was sie am Ende des ersten Verhandlungstages auf dem Gerichtsflur sagt: Dass sie großes Vertrauen in die 5. Große Strafkammer habe.

Sie hat die erste Begegnung überstanden mit dem Mann, dem sie im September 2002 einen offenen Brief geschrieben hatte: "Warum Johanna? Warum musste sie sterben? (...) Wie konnte es so weit kommen? Warum ausgerechnet unser Kind?", hatte sie darin geschrieben. "Nur Sie, niemand anders, können Antwort auf diese Fragen geben, nur Sie können uns sagen, wann und warum Johanna sterben musste. Sie kennen ihr Grab, Sie wissen, dass ihr Sterbedatum fehlt. Sagen Sie es uns!"

Damals konnten die Bohnackers nicht verstehen, wie ein Mensch mit einer solchen Schuld leben kann. Sie appellierten an das Gewissen des Täters. An diesem ersten Prozesstag scheint es, als habe sich bei Gabriele Bohnacker in den vergangenen Jahren ein Gedanke den Weg gebahnt: Wer ein Kind tötet, der hat vielleicht kein Gewissen?

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