Panorama

Polizeieinsatz in Las Vegas

"Sieht jemand den Schützen?"

In Las Vegas wusste anfangs niemand, wo Todesschütze Stephen Paddock steckte. Auch die Polizei musste sich im Kugelhagel schnell orientieren - der Funkverkehr zeugt von den dramatischen Minuten am Mandalay Bay Hotel.

DPA
Dienstag, 03.10.2017   13:42 Uhr

Als Stephen Paddock aus seinem Zimmer im 32. Stock des Mandalay Bay Hotels das Feuer eröffnet, weiß rund 350 Meter entfernt niemand, was passiert. Auf der Bühne des Route 91 Harvest Festivals spielt Countrymusiker Jason Aldean. Viele Gäste denken erst an ein Feuerwerk oder technische Probleme. Doch das "pop-pop-pop" sind die Salven aus der automatischen Waffe Paddocks. Und er zielt auf die Konzertbesucher.

"Ich glaube, nur wenige verstanden gleich, was los war", sagt Country-Sänger Tyler Reeve. Als die ersten Schüsse fallen, hält er sich im Backstage-Bereich auf. "Ich habe meinen Kumpel gepackt und bin in einen Wohnwagen gerannt." Er habe das Licht ausgeschaltet und sich auf den Boden gelegt, erzählt Reeve.

Sein Kollege Dylan Schneider geht draußen in Deckung. Von dort sieht er, wie das Publikum in alle Richtungen flieht. "Niemand wusste, was er tun soll", sagt Schneider. "Jeder rannte im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben - und niemand wusste, welche Entscheidung die richtige ist."

Wie unübersichtlich die Lage war, zeigt auch die Kommunikation der ersten Polizisten vor Ort. Mehrere US-Medien veröffentlichen den Funkverkehr der Einsatzkräfte, auch die "New York Times" dokumentiert die "hektische, verzweifelte Suche nach dem Schützen", unter anderem unter Berufung auf Broadcastify.com.

Um 22.08 Uhr meldet ein Polizist: "Es fallen Schüsse. Es hört sich nach einer automatischen Waffe an." Wenig später: "Es kommt von oben im Mandalay Bay. Oben im Mandalay Bay, auf halber Höhe. Ich sehe Schüsse aus dem Mandalay Bay, auf halber Höhe." Kurz darauf meldet ein Polizist einen sogenannten Active Shooter: "Jemand schießt auf dem Festivalgelände."

Etwa 22.12 Uhr: Das Ausmaß des Angriffs wird deutlich, ein Polizist meldet hörbar aufgeregt mehrere Opfer. "Schussverletzungen im Sanitätszelt. Mehrere Tote!"

In den kommenden Minuten fällt immer wieder der Name Mandalay Bay. Doch noch können die Einsatzkräfte den Täter nicht mit Gewissheit lokalisieren.

"Die Schüsse kommen von Tor 7", sagt ein Polizist. Andere stehen vor dem Mandalay Bay und versuchen nach eigener Aussage zu erkennen, von wo die Schüsse abgegeben werden. "Kann jemand bestätigen, dass sie aus dem Mandalay kommen?" - "Es hört sich entweder nach Mandalay oder Luxor an. Wir können es nicht sagen", antwortet eine Kollegin. Das Hotel Luxor liegt ebenfalls neben dem Festivalgelände.

SPIEGEL ONLINE

Die Polizei will den Las Vegas Boulevard sperren. "Auf uns wird geschossen, auf uns wird geschossen."

Etwa 22.13 Uhr: Es wird nun klarer, dass der Schütze im Mandalay Bay steckt. "Es kommt etwa aus dem 50. oder 60. Stock, im Norden des Mandalay Bay. Es kommt aus einem Fenster."

"Wir sehen Blitze in der Mitte des Mandalay Bay auf nördlicher Seite [...] etwa auf mittlerer Höhe."

Ein Polizist ist dem Täter schon ganz nah: "Ich bin im Mandalay Bay im 31. Stock. Ich kann die Schüsse hören, eine Etage über uns."

Draußen melden Polizisten immer mehr Verletzte, weiter fallen Schüsse. "Wir sind unter Beschuss. [...] Wir stecken hier fest mit einer Reihe Zivilisten."

Ein Polizist gibt durch: "Wir können uns nicht um die Opfer sorgen, wir müssen den Schützen kriegen, bevor es noch mehr Opfer gibt. Sieht jemand den Schützen?"

AFP

Mandalay Bay Hotel mit zerstörten Fenstern

Die Zentrale bittet die Polizisten, ruhig zu bleiben.

Im Mandalay Bay beginnen Einsatzkräfte, auf das 32. Stockwerk vorzurücken.

Etwa 22.20 Uhr: "Wir haben seit einiger Zeit keine Schüsse mehr gehört. Sieht irgendjemand den Schützen?"

Etwa 22.24 Uhr: Polizisten stehen vor Paddocks Zimmer. "Ich bin auf Etage 32, es ist Zimmer 135. [...] Ich brauche das SWAT." SWAT steht für Special Weapons and Tactics, eine Spezialeinheit der Polizei, vergleichbar mit dem deutschen SEK.

Wenig später wird ein Verletzter auf dem 32. Stockwerk gemeldet: Ein Security-Mann hat eine Schusswunde im Bein - offenbar hatte Paddock in den Flur gefeuert.

Die Polizisten im Hotel gehen jetzt von einem weiteren Schützen im 29. Stockwerk aus - eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellt. In den nächsten Minuten sichern die Einsatzkräfte die Flure, es fallen offenbar keine Schüsse mehr.

Als die Spezialeinheiten in das Zimmer eindringen - laut "New York Times" mehr als eine Stunde nach den ersten Schüssen - , ist Paddock bereits tot. Er hat sich selbst das Leben genommen.

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Stephen Paddock

In seinem Hotelzimmer finden die Einsatzkräfte mehr als 20 Waffen, weitere in seinem Haus etwa 130 Kilometer nördlich von Las Vegas. Noch ist völlig unklar, was den 64-Jährigen zu seiner Tat getrieben haben könnte. Zwar hat die Terrormiliz IS den Anschlag für sich beansprucht, doch das Bekenntnis ist fragwürdig. Die amerikanischen Behörden haben keine Hinweise auf Verbindungen Paddocks zu militanten Gruppen.

Freunde und Familienangehörige rätseln, wie es dazu kommen konnte, dass der Rentner die Fenster seines Hotelzimmers zerbrach und aus einer Scharfschützenposition heraus Konzertbesucher unter Beschuss nahm. Mindestens 59 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.

hut/AP

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