Panorama

Prozess um Affen Robby

"Ich freue mich, dass ich mein Kind behalten kann"

Schimpanse Robby lebt seit Jahrzehnten bei Zirkusdirektor Klaus Köhler. Ein Gericht hat nun entschieden, dass der Affe bleiben darf. Vorher flossen Tränen.

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Robby und Klaus Köhler

Von , Lüneburg
Donnerstag, 08.11.2018   19:19 Uhr

Klaus Köhler ist ein Mann, dem die Worte verrutschen, wenn es wichtig wird. Er sagt dann Dinge wie "allerhöchstenfalls" und "das Gutachten muss Hand und fest sein".

Auch jetzt ist das so, als Köhler vor den Richtern im Lüneburger Oberverwaltungsgericht steht. Er hat das letzte Wort, dann fällt das Urteil. Köhler blickt zur Richterbank, zu den drei Männern und zwei Frauen, die heute über Robby entscheiden. Darüber, ob Robby bei ihm bleiben darf. Klaus Köhler weint. Dann sagt er: "Das ist, wie wenn man ein Kind nimmt."

Für Köhler, 70 Jahre alt, Direktor des Circus Belly, geht es um alles. Seit Jahrzehnten lebt der mehr als 40 Jahre alte Schimpanse Robby bei ihm. Der Affe saß in Pampers am Esstisch, und wenn das Tier schläft, legt sich Köhler noch heute jeden Tag zu ihm. Robby, das Familienmitglied. Robby, das Symbol: Tierschützer sagen, er sei der letzte Menschenaffe in einem deutschen Zirkus.

Foto: DPA

Seit 2011 kämpft Köhler um Robby. Damals wandte sich die Tierschutzorganisation Peta an das zuständige Veterinäramt in Celle. Der Menschenaffe solle in einer speziellen Einrichtung resozialisiert werden. Es folgten Gutachten, Speichelproben, Testosterontests.

Für ihn geht es um Leben und Tod

Im Jahr 2015 entschied Celle: Robby soll in eine Auffangstation. Köhler klagte, doch das Lüneburger Verwaltungsgericht bestätigte die Entscheidung des Veterinäramtes im Frühjahr 2017. Köhler klagte wieder - sein Fall ging vor das Oberverwaltungsgericht.

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Klaus Köhler

Bevor die Verhandlung beginnt, steht Köhler an einem Parkplatz in der Nähe des Gerichts. Etliche Journalisten sind gekommen, sie umringen den kleinen Mann mit der gelben Jacke. Köhler hat sechs Fotos mitgebracht. Sie zeigen Käfige einer niederländischen Auffangstation, die auf Schimpansen spezialisiert ist. Dorthin müsste Robby, wenn das Gericht dem Veterinäramt recht gibt. "Das würde für Robby der wahre Tod sein", sagt Köhler. Darum geht es für ihn: um Leben und Tod.

Köhler und sein Anwalt argumentieren, dass Robby eine Resozialisierung nicht überleben würde. Der Stress sei für den alten Affen zu groß, viele Schimpansen in dem Alter litten zudem an einer Herzkrankheit. Der Affe sei es gewohnt, seinem Gegenüber in die Augen zu blicken - ein Verhalten, das unter Affen als Provokation gelte. Eine Provokation, die Robby mit dem Leben bezahlen müsste.

Das Veterinäramt hält dagegen: Der Affe könne zentrale Bedürfnisse nicht stillen. Er könne nicht umherstreifen, dazu habe er nicht genug Platz. 50 Quadratmeter bleiben dem Schimpansen in dem umgebauten Zirkuswagen mit Außengehege, in dem er lebt. Robby könne auch keine Bündnisse mit anderen Affen eingehen, es gebe kein Sozial- und Sexualverhalten.

"Der Coitus kann nicht vollzogen werden"

Kurzum: "Er kann nicht das ausleben, was einen Mann ausmacht", so fasst es der Sachverständige Pierre Grothmann zusammen. "Ich kann mir für Robby kein Sexualverhalten vorstellen", entgegnet Köhlers Anwalt Kersten Riedesel. Robby ist kastriert. "Der Coitus kann nicht vollzogen werden", gesteht Tierarzt Grothmann ein.

So geht es hin und her zwischen den beiden, in dieser dreistündigen Verhandlung, die einem Uniseminar gleicht. In dem die Rede ist von "First-Contact-Schimpansen", "Wegresozialisieren" und dem Cortisolspiegel des Affen.

Dazwischen sitzt Klaus Köhler, dem es irgendwann reicht. "Hohes Gericht, darf ich aufstehen?", sagt er. Köhler geht zur Richterbank. Er reicht den Richtern Fotos von Robby. "Hier malt er", sagt Köhler. "Und das ist Ted, der alte Pudel." Der Vorsitzende Richter Dieter Muhsmann antwortet: "Haben wir doch alles. Sie glauben gar nicht, wie viele Zuschriften wir bekommen haben."

Gut drei Stunden später verkündet Muhsmann das Urteil: Der Affe darf bei Köhler bleiben. Zwar lägen die Voraussetzung für eine Entnahme vor. Robby lebe nicht artgerecht, da er keinen Kontakt zu Artgenossen habe. Er habe eine schwerwiegende Verhaltensstörung. Es gebe nur beschränkten Kontakt und eine strikte Hierarchie, in der Köhler der Chef sei.

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Protest von Tierschützern vor dem Gericht

Doch das Veterinäramt habe die Risiken nicht umfassend berücksichtigt. Robby würde selbst nach einer erfolgreichen Resozialisierung nur mit zwei oder drei Affen zusammenleben, die selbst verhaltensgestört seien. Das sei keine Idealhaltung.

Zudem, sagt Muhsmann, könne die Resozialisierung Jahre dauern. Während dieser Zeit könne Robby leiden, die Umstellung bedeute Stress. Nur sehr wenige Affen erreichten ein so hohes Alter. Angesichts der geringen Lebenserwartung des Affen sei die Abgabe nicht verhältnismäßig. Eine Herzerkrankung könne zudem nicht ausgeschlossen werden.

Das Gericht lässt keine Revision zu - der Landkreis Celle kann dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einlegen. Der Celler Kreisrat Michael Cordioli sagt nach der Verhandlung, man wolle erst mal das schriftliche Urteil abwarten. Peta Deutschland teilt mit, man sei "zutiefst enttäuscht".

Nach der Urteilsverkündung stürzen sich die Journalisten auf Klaus Köhler. Wunderbar, ausgezeichnet fühle er sich. "Ich freue mich, dass ich mein Kind behalten kann", sagt er. Jeder Satz sitzt, die Worte verrutschen ihm nicht. Köhler ist gelöst. Denn Robby darf bleiben.

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