Panorama

NSU-Prozess

André E. kommt aus der U-Haft frei

Verurteilt - und doch freigelassen: Für André E. endet mit dem Schuldspruch im NSU-Prozess die Untersuchungshaft.

DPA

André E. (Archivfoto)

Mittwoch, 11.07.2018   16:04 Uhr

André E. ist im NSU-Prozess zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden - und kommt nach dem Schuldspruch dennoch frei: Der 38-Jährige wird aus der Untersuchungshaft entlassen. Am Ende der Urteilsbegründung hob das Oberlandesgericht München den Haftbefehl gegen E. auf.

Die Untersuchungshaft sei nicht mehr verhältnismäßig, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Eine Gruppe anwesender Rechtsextremer reagierte mit Applaus und Jubel auf die Entscheidung des Gerichts, es kam zu kurzzeitigen Tumulten. Götzl forderte umgehend Ruhe.

E. könne wie die Mitangeklagten Holger G. und Carsten S. auf freiem Fuß bleiben, bis das Urteil rechtskräftig ist, sagte ein Gerichtssprecher. Für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und den ehemaligen NPD-Funktionär Ralf Wohlleben ordnete das Gericht Haftfortdauer an.

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Ende des NSU-Prozesses: Der Tag des Urteils

Die Bundesanwaltschaft hatte für E. wegen Beihilfe zur NSU-Mordserie zwölf Jahre Haft gefordert. Das Gericht wertete seine Rolle als NSU-Helfer allerdings anders und verurteilte ihn nur wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

E.s Verteidiger Herbert Hedrich sagte dem SPIEGEL: "Ich beglückwünsche den 6. Strafsenat, dass er dem Bestrafungsdruck der Öffentlichkeit und der Bundesanwaltschaft Stand gehalten und Recht gesprochen hat - allein nach Maßgabe der Akten und des Ergebnisses der Beweisaufnahme. Hochachtung vor dem 6. Strafsenat, Hochachtung vor dessen Vorsitzenden."

E. war die meiste Zeit des Prozesses ein freier Mann. Doch nach dem Plädoyer der Bundesanwaltschaft kam er im September 2017 überraschend in Untersuchungshaft - wegen Fluchtgefahr.

Der NSU und André E.

Als einziger Angeklagter hatte E. während des gesamten Prozesses geschwiegen, auch auf ein Schlusswort verzichtete er. In ihrem Plädoyer bestätigten E.s Verteidiger seine nationalsozialistische Einstellung.

E. war nach Ansicht der Ermittler einer der engsten Vertrauten der Untergetauchten Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Er soll unter anderem das Wohnmobil gemietet haben, mit dem Mundlos und Böhnhardt zum Anschlag auf ein Lebensmittelgeschäft 2000 nach Köln fuhren. Auch bei der Anmietung einer Wohnung für die Gruppe soll E. geholfen haben. 2006 gab er sich zudem als Ehemann Zschäpes aus.

Gemeinsam mit seiner Partnerin Susann E. hielt er in den fast 14 Jahren, in denen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in Verstecken lebten, Kontakt zu dem untergetauchten Trio. Zschäpe sagte vor Gericht, das Paar habe über die Banküberfälle Bescheid gewusst, die Böhnhardt und Mundlos verübten. Von den Morden und Sprengstoffanschlägen habe Ehepaar E. hingegen nichts gewusst.

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(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

ulz/AFP/dpa

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