Panorama

NSU-Ankläger über Ralf Wohlleben

"Mastermind mit Sonderwissen"

Im NSU-Prozess hat sich die Bundesanwaltschaft erneut dem Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben gewidmet. Die Ankläger bleiben dabei: Die Terrorzelle war eine rassistische, aber überschaubare Truppe.

REUTERS

Ralf Wohlleben

Von , München
Dienstag, 01.08.2017   18:40 Uhr

Ralf Wohlleben ist aschfahl im Gesicht. Seit Wochen kann man zusehen, wie ihm die Unterbringung in der Untersuchungshaft Kraft raubt. Der 379. Verhandlungstag im NSU-Prozess, so viel ist schon zu Beginn klar, wird ihm keine weitere Lebensfreude ins Gesicht zaubern. Da hilft es auch nichts, dass ihm an diesem Tag seine Ehefrau als rechtlicher Beistand wortwörtlich die Hand hält.

Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten hat für die Bundesanwaltschaft den Teil des Plädoyers übernommen, der die Tatbeteiligung der Angeklagten Ralf Wohlleben, Holger G., Carsten S. und André E. bewertet - dunkle Tage für Wohlleben, den ehemaligen Vizechef der Thüringer NPD. Auf der Zuschauerempore nehmen Kameraden zur Unterstützung Platz, der 42-Jährige begrüßt sie erfreut.

Weingarten macht da weiter, wo er am Tag zuvor aufgehört hat: Wohlleben war nach Ansicht der Ankläger der "Spiritus Rector", der leitende, lenkende Geist und das "Mastermind mit überlegenem Sonderwissen". Direkt nach dem Abtauchen von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe er eine buchstäblich "entscheidende Rolle" gespielt: die Rolle des "Chef-Unterstützers", des "Schulmeisters der konspirativen Abschottung".

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Wohlleben sei "die absolute Vertrauensperson" gewesen, die "sämtliche Fäden in der Hand" hielt und die "zentrale Steuerung der Auftragserledigung" übernahm; der Strippenzieher, "der seine Helfershelfer nach einem Drehbuch auf die Bühne schickt, das neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nur er selbst kennt." Weingarten überschlägt sich fast in variablen Formulierungen.

Wohlleben flüstert mit seiner Ehefrau. Sie lacht, er grinst. Verkennen sie den Ernst der Lage? An diesem letzten Tag vor der vierwöchigen Sommerpause führt Weingarten die letzten Erkenntnisse der Beweisaufnahme auf, die "voll bestätigen" sollen, dass Wohlleben und Carsten S. Beihilfe zum neunfachen Mord leisteten.

Für die Bundesanwaltschaft steht fest: Mundlos und Böhnhardt bestellten bei Wohlleben ausdrücklich eine Waffe mit Schalldämpfer und Munition. Wohlleben sei im Besitz von 10.000 D-Mark gewesen, die ihm der NSU anvertraut habe - angeblich Beute aus den ersten Raubüberfällen der untergetauchten Nazis. Wohlleben habe Carsten S. 2500 D-Mark gegeben und ihn beauftragt, die Pistole Ceska 83 zu besorgen und den beiden im Frühjahr 2000 in Chemnitz zu überbringen.

Demnach war Carsten S. zwar Beschaffer und Lieferant der Tatwaffe, mit der neun Kleinunternehmer erschossen wurden, er habe jedoch eher als der "kleine Depothalter des NSU" fungiert. Wohlleben indes war nach Ansicht der Bundesanwaltschaft der Entscheider mit maßgeblichen Funktionen: Er allein habe die Beschaffung organisiert, überwacht und verantwortet. Für die Gesamtschau entscheidend ist laut Weingarten das "schwerwiegende, selbstbelastende Geständnis" von Carsten S. im Ermittlungsverfahren und vor Gericht.

Er belastete sich selbst und Wohlleben schwer

Carsten S. ist der Ausstieg aus der rechten Szene vor vielen Jahren geglückt, seine damalige Gesinnung steht "seiner Welt heute zutiefst entgegen", wie es Weingarten nennt. Der 37-Jährige quälte sich tagelang mit seiner Aussage vor Gericht, belastete Wohlleben schwer, aber auch sich selbst.

Zur Überraschung der Ankläger verkündete Carsten S. erst in der Hauptverhandlung am 11. Juni 2013, "reinen Tisch" zu machen. Er berichtete von einem misslungenen Sprengstoffanschlag des NSU mit einer präparierten Taschenlampe in einem türkischen Lokal in Nürnberg. Die Ermittler hatten das Attentat bis zu diesem Zeitpunkt nicht dem NSU zugeordnet. Carsten S. habe jedoch davon erfahren, bevor er die Ceska 83 mit Schalldämpfer kaufte.

Warum verschwieg Carsten S. den gescheiterten Anschlag bei seiner ersten Einlassung, warum behielt er ihn so lange für sich? Er habe sich dem nicht stellen wollen, sagte S. im Prozess, er habe Angst und Sorge um seine Familie gehabt.

Weingarten unterstellt Carsten S., dass er jedoch genau wusste, warum er so lange schwieg: Wer Freunden im Untergrund, die einen Anschlag verübten, eine Waffe mit Schalldämpfer besorge, müsse mit allem rechnen. Oder wie es Weingarten formuliert: Carsten S. musste wissen, welch "hochgefährliche Typen" er da beliefert.

DPA

Carsten S. im Münchner Oberlandesgericht (Archiv)

Zuweilen wirkt die Bundesanwaltschaft geradezu wild entschlossen, das Versprechen einzulösen, das Kanzlerin Merkel einst beim Staatstrauerakt für die NSU-Opfer gegeben hatte: "Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen."

Zum Plädoyer der Ankläger gehört jedoch auch, Zweifel an der Trio-Theorie vehement beiseitezuwischen, engagierte Nebenklagevertreter selbst im Schlussvortrag anzugreifen: Nein, es gebe keine weiteren Verantwortlichen als die Angeklagten. Die Haupttäter waren demnach eine isolierte, dreiköpfige terroristische Vereinigung, von der Zschäpe die einzig Überlebende ist.

Der mutmaßliche Helfer Wohlleben hatte am 251. Verhandlungstag vor Gericht angegeben, das Geld für die Ceska 83 stamme von Tino Brandt, dem damaligen Chef des "Thüringer Heimatschutzes" und V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Doch für diese Version gebe es keinerlei Belege, sagt Weingarten.

Vielmehr habe sich Wohlleben an den Beweisergebnissen der Hauptverhandlung und den vielen Haftprüfungs- und Haftbeschwerdeverfahren im Prozess entlanggehangelt, das Unvermeidliche eingeräumt und Lücken mit Schutzbehauptungen aufgefüllt.

Im Frühjahr 2001 soll Wohlleben auch Holger G. mit einer Waffe nach Zwickau geschickt haben. Dort hatten sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt inzwischen versteckt. Vermutlich kam es gar zu einem dritten Waffentransport: Ein Zeuge berichtete im Verfahren, er habe in Wohllebens Auftrag einen Beutel transportiert; darin könnte eine Waffe gewesen sein.

Warum unterstützte Wohlleben den NSU? Für Weingarten war er "ein Teil des politischen Kampfes". Er habe sich politisch benachteiligt und verfolgt gefühlt. "Seine neonazistische Einstellung bildete die Grundlage für die Freundschaft zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt."

Als Letzte plädieren die Verteidiger

Um 16.32 Uhr beendet der Vorsitzende Richter Manfred Götzl die Sitzung. Nach der Sommerpause, am 31. August, will Weingarten sein Plädoyer fortsetzen und die Rolle von Holger G. und André E. definieren.

Oberstaatsanwältin Anette Greger wird anschließend über die Banküberfälle des NSU sprechen, am Ende des Plädoyers wird noch einmal Bundesanwalt Diemer das Wort ergreifen und das Strafmaß fordern.

Im Anschluss beginnen die Nebenklagevertreter mit ihren Schlussvorträgen. Als Letzte plädieren die Verteidiger. Nach dem sogenannten letzten Wort, das jedem Angeklagten zusteht, verkündet das Gericht das Urteil.

Wann genau das sein wird, ist derzeit nicht abzusehen. Nur, dass es für Ralf Wohlleben ein noch dunklerer Tag werden dürfte als der heutige.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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