Panorama

Plädoyer im NSU-Prozess

Nationalsozialist mit guter Laune

André E. drohen im NSU-Prozess zwölf Jahre Haft. Seine Verteidiger reden in ihrem Plädoyer die Rolle des bekennenden Neonazis klein - und fordern Freispruch.

DPA

André E. (Archiv)

Von , München
Dienstag, 08.05.2018   16:56 Uhr

Immer wieder verirren sich Rechtsextreme auf die Zuschauertribüne im NSU-Prozess. Man erkennt sie daran, dass sie sich vor Beginn der Hauptverhandlung nicht hinsetzen. Sie bleiben so lange stehen, bis der Senat den Saal betritt. So umgehen sie es, sich extra für das Gericht zu erheben und ihm Respekt zu zollen. Wer sitzen bleibt, muss mit einem Ordnungsgeld rechnen.

So stehen am 423. Verhandlungstag drei Kameraden vor der letzten Platzreihe: gebügeltes Hemd, akkurater Scheitel, jeweils beide Hände in den Hosentaschen, einer in Kniebundhosen. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Der Angeklagte Ralf Wohlleben schaut nach oben, nickt ihnen zu. Es ist ein historischer Tag, 8. Mai. An diesem Tag endete 1945 der Zweite Weltkrieg. Rechtsextreme nutzen dieses Datum für Kundgebungen.

Für sie ist der 8. Mai nicht der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus; und irgendwie ist er das auch nicht in Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts, als die Verteidiger des Angeklagten André E. ihr Plädoyer mit dem Satz beginnen: "Unser Mandant ist Nationalsozialist, der mit Haut und Haaren für seine politische Überzeugung steht." Keiner der anderen vier Angeklagten habe sich so offen zu seiner politischen Einstellung geäußert wie André E. "Der Satz 'Ich bin ein Nationalsozialist' hat heute hier im Saal Premiere."

"Solchen Leuten ist alles zuzutrauen"

Ein verstörendes Entrée für ein Plädoyer im wichtigsten Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus. André E. nickt, als würde er jeden Satz absegnen. Er wirkt fast aufgekratzt, gut gelaunt. Seine Ehefrau Susann ist angereist, ausnahmsweise allein, sonst erscheint sie in Begleitung des Münchner Neonazis Karl-Heinz S. Sie schaut weniger glücklich aus, als sich die Anwälte ihres Mannes über dessen radikale Gesinnung verlieren. Diese allein scheine für die meisten Prozessbeteiligten bereits als Tatnachweis auszureichen, sagt Verteidiger Herbert Hedrich. Nach dem Motto: "Solchen Leuten ist alles zuzutrauen."

André E. gilt als einer der wichtigen Unterstützer der NSU-Terrorzelle, vielleicht als der wichtigste. Ein Mitwisser, ein Verbündeter der Gruppe, die neun Einwanderer getötet, eine Polizistin erschossen, drei Bombenanschläge verübt und 15 Banküberfälle begangen haben soll.

Die Vorwürfe der Anklage: André E. soll Zschäpe bei der Flucht geholfen, Bahnkarten beschafft und eine Wohnung sowie Wohnmobile für den NSU angemietet haben. Mit einem dieser Wohnmobile fuhren Mundlos und Böhnhardt nach Köln und hinterlegten in einem Geschäft eine Bombe, die die Tochter einer iranischstämmigen Familie schwer verletzte. Deshalb ist André E. wegen Beihilfe zum Mordversuch und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Nach Ansicht seiner Verteidiger ist er jedoch "vollumfänglich freizusprechen". Die Annahme der Bundesanwaltschaft, André E. habe "alles gewusst und was er nicht wusste, konnte er ahnen", sei falsch.

Fotostrecke

Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Als die Bundesanwaltschaft im September zwölf Jahre Haft für E. forderte und er wegen Fluchtgefahr noch im Gerichtssaal festgenommen wurde, gefror sein Grinsen. Doch an diesem Dienstag gibt es keinerlei Hinweise mehr für ein angeknackstes Selbstbewusstsein: André E. hat seine linke Hand auf dem Oberschenkel seiner Frau liegen, wippt mit seinem Stuhl, lächelt immer wieder seine Frau an, die mit versteinerter Miene den Vorträgen folgt. Gemeinsam soll das Ehepaar die Fassade der Abgetauchten aufrechterhalten haben, die Bundesanwaltschaft ermittelt noch immer gegen Susann E. wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Sie hätten André E. "viel zu verdanken", sollen Mundlos und Böhnhardt einmal gesagt haben.

Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass André E. und das Trio vor allem durch ihre politische Einstellung eng miteinander verbunden waren. André E.s menschenverachtende Gesinnung ist bekannt. Er ließ sich rassistische, teils verfassungsfeindliche Statements unter die Haut stechen: Auf dem rechten Arm trägt André E. den Schriftzug "Blut und Ehre", über seinem Bauchnabel prangen "Die Jew Die" ("Stirb Jude stirb") und ein SS-Totenkopf, der von zwei Pistolen eingerahmt wird; darunter ist ein Thor-Hammer zu sehen mit zwei brennenden schwarzen Billardkugeln mit der Nummer 8, die für den achten Buchstaben im Alphabet steht und in der Kombination "Heil Hitler" bedeutet.

Der NSU und André E.

Die Bundesanwaltschaft berücksichtige nicht, erklärt Verteidiger Hedrich vor Gericht, wie jung André E. bei seiner Begegnung mit dem Trio gewesen sei. "Er war ein junger Mensch, er war ein Skinhead, er kam aus der Skinhead-Bewegung", sagt Hedrich. Aber er sei eben nicht - wie die Bundesanwaltschaft behauptet - "ein fertiger Nationalsozialist" gewesen. Beim ersten Mord des NSU im September 2000 war André E. 21 Jahre alt. "Kein Mensch im Alter von 21 Jahren ist ein fertiger Mensch."

Während seiner Zeit bei der Bundeswehr trug André E. bereits das "Blut und Ehre"-Tattoo. Der Militärische Abwehrdienst (MAD) befragte ihn, was es damit auf sich habe. Das sei ein Wahlspruch der Waffen-SS, so André E. "Es war aber ein Wahlspruch der Hitler-Jugend", sagt Hedrich. "Diese Unkenntnis beruht darauf, dass er in diesem Alter kein verfestigtes Weltbild als Nationalsozialist hatte."

E. wollte dritten Pflichtverteidiger - vergeblich

Herbert Hedrich verteidigte zuletzt zunehmend Anhänger aus dem Rockermilieu, nur deshalb soll André E., der angeblich gern zur Rockerelite des Landes gehören will, ihn als Verteidiger ausgewählt haben. Hedrich holte Michael Kaiser mit ins Mandat, einen erfahrenen Strafverteidiger aus Berlin. Die beiden Anwälte kennen sich seit Jahrzehnten, sie vertraten vor Gericht gemeinsam einen der Attentäter, die 1992 im Berliner Restaurant Mykonos vier iranisch-kurdische Exilpolitiker im Auftrag des iranischen Geheimdienstes erschossen.

Ihrem Mandanten rieten sie während des Verfahrens zu schweigen, was André E. eisern und stolz durchzog. Sie selbst machten sich fast unsichtbar: Sie stellten keine Anträge, befragten keine Zeugen, gaben keine Erklärungen ab. Erst nach der Festnahme seines Mandanten schreckte Kaiser auf und stellte mehrere Anträge. Hedrich war nicht anwesend und erschien auch nicht an den folgenden Verhandlungstagen.

Auch deshalb bemühte sich André E. um einen dritten Pflichtverteidiger. Er war unzufrieden mit seinen beiden Anwälten und wollte Daniel Sprafke als zusätzlichen Vertreter vor Gericht, doch der Senat lehnte alle Anträge ab.

Um 9.18 Uhr teilt Sprafke am Dienstag mit, er habe sein Mandat soeben niedergelegt. "Aufgrund sachlich divergierender Ansichten zwischen Verteidiger und Mandant, wie die weitere Verteidigung anzulegen sei, war dieser Schritt geboten." Er wünsche Herrn E. alles Gute.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

NSU-Chronik

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP