Panorama

NSU-Prozess

"Was hat mein Vater gefühlt, als auf ihn geschossen wurde?"

Das Urteil im NSU-Prozess kann für die Hinterbliebenen und Überlebenden kein Trost sein. In München sprachen nun vier von ihnen über ihren Schmerz, ihre Enttäuschung - und ihre Forderungen.

REUTERS

Abdulkerim Simsek und Gamze Kubasik

Von , München
Dienstag, 10.07.2018   19:43 Uhr

Abdulkerim Simsek berührte Mitte Januar im Münchner Oberlandesgericht viele Prozessbeteiligte, als er jenen Tag im September 2000 schilderte, an dem ihn ein Lehrer nach Hause schickte. Simsek war damals 13 Jahre alt. Sein Vater Enver lag schwer verletzt im Krankenhaus, der Blumenhändler war in seinem Transporter am Straßenrand in Nürnberg niedergeschossen worden. Er war das erste Opfer der NSU-Mordserie.

Einen Tag vor der Urteilsverkündung im NSU-Prozess ist Abdulkerim Simsek erneut nach München gereist. Er sitzt im schwarzen Anzug auf einer kleinen Bühne im Eine-Welt-Haus und sagt, er frage sich oft, was sein Vater gefühlt habe, als auf ihn geschossen wurde; als er stundenlang hilflos auf dem Boden seines Fahrzeugs lag. Hatte er Schmerzen?

Warum wählten die Mörder gerade seinen Vater aus? Was wäre geschehen, wenn er an diesem 9. September 2000 im Urlaub gewesen wäre? Oder wenn er seinen Blumenstand an einer anderen Stelle aufgebaut hätte? "Dann wäre heute alles anders", sagt Abdulkerim Simsek.

Er könne nicht abschließen, sagt der 31-Jährige mit fester Stimme, solange "draußen Mitwisser herumlaufen, Akten geschreddert und Akten nicht herausgegeben werden". Im Gegensatz zum Generalbundesanwalt sind er und seine Familie überzeugt davon, dass Enver Simsek nicht einer dreiköpfigen Terrorzelle zum Opfer fiel, sondern einem größeren Netzwerk. Abdulkerim Simsek holt tief Luft: "Ich bin enttäuscht."

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Fotoreportage: Der andere Blick auf den NSU-Prozess

Mit auf dem Podium sitzt seine Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz mit ihren Kollegen Alexander Hoffmann und Sebastian Scharmer, die im NSU-Prozess ebenfalls Nebenkläger vertreten und das Verfahren durch ihre Hartnäckigkeit geprägt haben. Sie haben diese Runde organisiert, exakt an dem Ort, an dem sie am 5. Mai 2013 - einen Tag vor Beginn des NSU-Prozesses - ihr Vorhaben für das Mammutverfahren angekündigt hatten: Fragen stellen, Anträge stellen, unbequem sein.

"Der Tag, an dem sich unsere Leben verdunkelte"

Das haben sie getan. "Hundertfach, vielleicht tausendfach", sagt Scharmer. Sie seien jedoch immer auf Granit gestoßen, wenn im Prozess dreist lügende Zeugen auftraten, Verfassungsschützer ihre Erinnerung verloren hatten oder ihnen der Zugriff auf Akten verwehrt wurde.

Auch Kemal G. und Arif S. sind gekommen, sie haben den Bombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße überlebt. Es war der 9. Juni 2004, "der Tag, an dem sich unser Leben verdunkelte", sagt Arif S. Auch ihm genügt die Aufarbeitung des NSU-Komplexes nicht. "Wir sind ein Teil von diesem Land geworden. Warum wurden wir zum Angriffsziel gemacht?"

Anwalt Hoffmann bezeichnet den Anschlag als "offenes Fanal", als "unmissverständliches Zeichen" und "Botschaftsverbrechen" - mitten in einer der belebtesten Einkaufsstraßen der Stadt. Das sei damals ein Angriff gegen alle in Deutschland lebenden Menschen mit türkischer Abstammung gewesen, sagt Hoffmann. Das verlorengegangene Vertrauen in die Behörden, die Justiz, die Medien habe einen starken gesellschaftlichen Wandel ausgelöst. "Der NSU hat etwas erreicht, was er erreichen wollte."

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Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Auch Gamze Kubasik ist vor dem "Tag X", wie das Bündnis gegen Naziterror und Rassismus den Tag der Urteilsverkündung nennt, im Eine-Welt-Haus erschienen. Ihr Vater Mehmet wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. "Der Schmerz und der Verlust wird uns bis zum Tod begleiten", sagt die 32-Jährige. "Er fehlt uns wie vor zwölf Jahren." Ihre Mutter sitzt im Publikum und weint. Mehmet Kubasik war das achte Opfer des NSU.

Gamze Kubasik geht es wie Abdulkerim Simsek: Nach mehr als fünf Jahren NSU-Prozess ist die Hoffnung auf Aufklärung der Enttäuschung gewichen. "Es gab hundertprozentig Helfer, die auch Schuld haben, aber davonkommen", sagt sie und fordert, alle Helfer des rechtsextremen Terrornetzwerks zu ermitteln und anzuklagen. Für sie ist noch heute eine der schrecklichsten Vorstellungen: Auf der Straße in Dortmund unwissend möglichen Helfern zu begegnen.

Demo vor Gericht und Innenministerium

Ihr Anwalt Scharmer stellt klar: Dass der NSU kein abgeschottetes, isoliertes Trio war, sondern ein Netzwerk, sei kein Hirngespinst. Das habe die Beweisaufnahme im Prozess belegt. "Es gab lokale Unterstützer, die Waffen und Munition besorgt und die Tatorte ausgekundschaftet haben." Den Hinweisen auf Spuren nach Helfern und Mittätern sei jedoch nicht nachgegangen worden.

Zuvor hatte die Kampagne "Kein Schlussstrich" ihr Programm für den Tag der Urteilsverkündung angekündigt: Los geht es um 8 Uhr mit einer Kundgebung am Gericht und Aktionen vor Ort. Um 18 Uhr startet ein Demonstrationszug vom Gericht durch das Bahnhofsviertel zum bayerischen Innenministerium.

Es gehe um Aufklärung des NSU-Komplexes, sagt Sprecherin Patrycja Kowalska: Wer waren die Unterstützer? Wo sind sie heute? Warum werden sie nicht angeklagt?

Parallel zur Veranstaltung in München finden in mehr als 25 weiteren Städten in der Republik Aktionen statt: Linke Aktivisten überkleben beispielsweise Straßennamen in Mannheim, Marburg, Frankfurt und Bremen mit den Namen der NSU-Opfer.

Das Gebiet rund um das Münchner Oberlandesgericht soll am Mittwoch weitgehend abgesperrt werden. Wenn zudem Anhänger der rechten Szene aufmarschieren, könnte es turbulent werden.

Video: Der NSU-Prozess in Zahlen

Foto: DPA

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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