Panorama

Doku über Zschäpe-Anwälte Heer, Stahl, Sturm

"Wir haben es zu Ende gebracht"

Sie wurden angefeindet, bedroht, gedemütigt - und doch gaben die Anwälte Heer, Stahl und Sturm ihr Bestes. Eine TV-Doku zeigt, wie der NSU-Prozess die Verteidiger von Beate Zschäpe an ihre Grenzen brachte.

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Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer, Anja Sturm (April 2013)

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Mittwoch, 11.07.2018   19:14 Uhr

Gefragt, warum er Beate Zschäpe verteidige, sagt der Rechtsanwalt Wolfgang Heer im November 2012: "Weil das mein Beruf ist."

Gefragt, warum sie Beate Zschäpe verteidige, sagt die Rechtsanwältin Anja Sturm: "Ich möchte dazu beitragen, dass der Angriff auf unsere demokratische Grundordnung mit einem besonderen Maß an Rechtsstaatlichkeit beantwortet wird."

Gefragt, warum er Beate Zschäpe verteidige, sagt der Rechtsanwalt Wolfgang Stahl: "Das ist eine Herausforderung."

Wenn man Heer, Stahl und Sturm vor Beginn des Münchner Mammutverfahrens begegnet, erlebt man Juristen Anfang 40, die sich sicher fühlen in dem, was sie tun. Sie haben Mörder, Mafiosi und Milieugrößen, Islamisten und Wirtschaftsbosse vertreten, sie kennen das Geschäft - jedenfalls glauben sie das. Das wichtigste Mandat in dem Prozess gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) ist die nächste Stufe für die drei, für die es immer weiter nach oben gegangen ist.

Die Dokumentarfilmerin Eva Müller hat die Anwälte für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) über fünf Jahre mit der Kamera begleitet: "Heer, Stahl, Sturm. Wer Nazis verteidigt" heißt ihre 90-minütige Dokumentation, die am Mittwochabend ausgestrahlt wird (22.35 Uhr, ARD). Der Film beschreibt auf eindrückliche Art und Weise die Achterbahn, auf die sich die Verteidiger eingelassen haben - und die Spuren, die die Fahrt bei ihnen hinterlassen hat.

Der Film urteilt nicht; er zeigt, was ist. Er führt vor Augen, was die drei Juristen quälte, in welchem Korsett aus Nöten, Erwartungen und Widersprüchen sie sich bewegen mussten - eben weil sie keine Szene-Anwälte des Neonazi-Milieus sind und doch eine mutmaßliche Rechtsterroristin nach allen Regeln der anwaltlichen Kunst vertreten wollten.

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Zschäpe mit Verteidigern (2013)

Da sind die Kämpfe mit dem Gericht, die Konflikte mit der Nebenklage, anderen Verteidigern und sogar der Mandantin. Da sind die Geldsorgen und der immer wieder gegen sie erhobene Vorwurf, das Schweigerecht eines Angeklagten dürfe nicht wertvoller sein als das Aufklärungsinteresse der Opfer und der Öffentlichkeit. Ein erfahrener Kollege hatte im SPIEGEL prophezeit: "Die drei werden durch die Hölle gehen." Er sollte recht behalten.

Die richtige Seite?

Es ist eine Mischung aus Ehrgeiz, Neugier, Kalkül und, ja, Freude an ihrem Beruf, die Heer, Stahl und Sturm nach München führt. Niemand ahnt damals, welche Dimensionen das NSU-Verfahren annehmen, zu welcher juristischen Materialschlacht es sich auswachsen wird. Es gerät schließlich zu einem der aufwändigsten Prozesse in der deutschen Rechtsgeschichte: 438 Prozesstage in fünf Jahren, 280.000 Seiten Akten, mehr als 750 Zeugen, mehr als 90 Nebenkläger.

Über Heer, Sturm und Stahl schwebt vom ersten Moment eine besondere Last, sie stehen unter ständiger Beobachtung, weil sie eben die Hauptangeklagte Zschäpe verteidigen. So stellt die "Augsburger Allgemeine" stellvertretend für viele andere im Mai 2013 die abwegige Frage: "Wie können diese drei eine Frau vor Gericht vertreten, die als Inkarnation des Bösen gilt?"

Eine Vertreterin der Nebenklage lässt die Verteidiger wissen, sie hätten sich eben nicht "für die richtige Seite" entschieden. Die Anwälte bekommen Drohbriefe und müssen Spott ertragen: Heer, Stahl und Sturm - die "Titanic" schreibt, die Ankläger sollten dann eigentlich "Friedrich Schutz und Claudia Staffel" heißen. Auf die Frage, warum sich Beate Zschäpe keine Anwälte aus der rechten Szene ausgesucht habe, sagt Wolfgang Stahl lapidar: "Weil sie nicht dumm ist." Am Anfang herrscht allen Widrigkeiten zum Trotz Zuversicht.

Vielleicht unterschätzen die alerten Juristen aus dem Rheinland die politische Dimension des Prozesses zunächst. In einem Verfahren, in dem nicht nur individuelle Schuld gewogen wird, sondern in dem das Land auch damit ringt, wie es die Mordserie des NSU nur hat zulassen können, fehlt vielen offenbar das Abstraktionsvermögen, die Verteidiger des "Teufels" ("Bild"-Zeitung) nicht als dessen irdische Handlanger zu betrachten.

Tom Hauzenberger

Anja Sturm, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl (2015)

"Es gibt Kollegen, die uns anfeinden"

Otmar Kury, damals Präsident der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, bezeichnet Verteidigung zwar als "Menschenrecht und zugleich Kulturgut". Doch für viele sind die stets gut gekleideten Juristen Heer, Stahl und Sturm bestenfalls rückgratlose und überehrgeizige Karrieristen. "Es gibt Kollegen, die uns anfeinden und mit Abscheu begegnen", sagt Stahl in der WDR-Dokumentation.

Es dauert nicht lange, da muss Anja Sturm die Berliner Kanzlei, für die sie bislang gearbeitet hatte, wohl auf Druck ihrer Kollegen verlassen, die Rede ist von dem "Killermandat" Beate Zschäpe. Auch Wolfgang Stahl trennt sich von seinem Kanzleipartner. Wahrscheinlich geht es dabei auch um Geld.

Zu dem öffentlichen Gegenwind kommen schon bald erhebliche finanzielle Sorgen. Das Gericht lässt sich sehr viel Zeit, den Pflichtverteidigern Vorschüsse auf ihre Gebühren zu überweisen, zugleich ist der Prozess so kraft- und zeitraubend, dass den Anwälten kaum Raum für andere Mandate bleibt. Die Verteidiger müssen Kredite aufnehmen, Zehntausende Euro leihen sie sich. Stahl räsoniert damals darüber, doch Anwalt "zum Gelderwerb" zu sein, wie er dem WDR sagt. Er habe eine Familie zu ernähren. Wolfgang Heer weigert sich indes, "die Brocken hinzuschmeißen".

Schließlich, als im Herbst 2014 die Schuldenlast erdrückend wird, schreiben die drei Verteidiger einen Brandbrief an das Gericht. Ihre Lage sei prekär, so könnten sie nicht weiter verteidigen. Ihre berufliche Existenz sei gefährdet - und damit auch der gesamte Prozess. Das Gericht lenkt ein - und gibt die Vorschüsse frei.

Und dann auch noch Streit mit der Mandantin

Doch neben Moral und Geld macht irgendwann auch die Strategie dem Verteidigertrio zu schaffen. Die Anwälte haben Beate Zschäpe geraten, in dem Verfahren zu schweigen - zum Unmut der Öffentlichkeit und der Nebenkläger, die Aufklärung und historische Wahrheit erwarten.

Und auch Zschäpe beginnt im Frühjahr 2015 darunter zu leiden, dass sie sich fast viereinhalb Jahre nach ihrer Festnahme noch immer nicht erklären konnte. Ein Gutachter diagnostiziert bei ihr eine "chronische Belastungsreaktion" und empfiehlt den Verteidigern, die Strategie des Schweigens zu überdenken.

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Sonne in der Verhandlungspause (Juli 2015)

Wenige Monate später beantragt die Angeklagte, ihre Verteidigerin Sturm zu entlassen, weil sie sich von ihr erpresst fühle. Die Rede ist zunächst von einem "Lagerkoller", doch das Zerwürfnis wird grundsätzlicher und tiefer.

Nach 216 Verhandlungstagen ordnet das Gericht im Sommer 2015 einen jungen Verteidiger bei, dessen älterer Kollege Hermann Borchert die Angeklagte schon seit einiger Zeit im Gefängnis besucht. Heer, Stahl und Sturm sind düpiert. Nach einem zusätzlichen Disput mit Zschäpe wollen sie aussteigen und bitten den Senat um ihre Entpflichtung. Doch das Gericht lehnt ab, denn es weiß: Das Verfahren müsste dann von vorne beginnen.

Nun will Zschäpe ihrerseits die drei Verteidiger feuern - immer wieder. Auch dem verschließt sich der Senat. Es lägen keine nachgewiesenen Umstände vor, aus denen hervorgehe, dass das Vertrauensverhältnis zwischen der Angeklagten und den drei Altverteidigern endgültig und nachhaltig erschüttert sei, heißt es. Dabei reden Angeklagte und Anwälte kein Wort mehr miteinander.

Drei Monate später, im November 2015, kündigt Beate Zschäpe das an, wovon ihr Heer, Stahl und Sturm immer abgeraten haben: Sie will sich äußern. Die Anwälte erfahren durch eine SPIEGEL-ONLINE-Eilmeldung davon. Erneut bitten sie darum, endlich von ihrem Mandat entbunden zu werden. Vergeblich.

Im Dezember 2015 lässt Zschäpe ihren neuen Verteidiger Grasel schließlich ihre Sicht der Dinge schildern: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten die Morde begangen, sie habe immer erst im Nachhinein von den Attentaten erfahren und nichts dagegen tun können. Die Aussage ist ein Desaster. "Jetzt verstehe ich", sagt ein Nebenklage-Vertreter über seine Kollegen Heer, Stahl und Sturm, "warum sie der Mandantin geraten hatten, zu schweigen."

Sie entlarvt sich selbst

Tom Hauzenberger

Die Anwälte im Juni 2018 in der Phase der Plädoyers

Ein psychiatrischer Gutachter wird später auch aus Zschäpes Verhalten ihren Verteidigern gegenüber schließen, dass sie durchaus selbstbewusst sei und kaum das still leidende Heimchen am Herd gewesen sein könne, als dass sie sich selbst darzustellen versucht habe. Er attestiert ihr eine "Tendenz zu Dominanz, Härte, Durchsetzungsfähigkeit". Es ist eine Ironie dieser Geschichte, dass Zschäpe sich mit ihren Winkelzügen vor Gericht selbst entlarvt hat.

Stimmenfang #59 - NSU-Morde: Warum bleiben trotz Urteil viele Fragen offen?

Heer, Stahl und Sturm verteidigen bis zuletzt mit großer Verve - vielleicht nicht nur um ihrer Mandantin willen, sondern auch aus Gründen der Selbstachtung und der Selbstdarstellung. "Selbstverteidigung" nennt "Zeit Online" das.

Auf der Zielgeraden des Prozesses sind die Anwälte wieder da, wo sie begonnen haben, ganz bei sich, ihrem Berufsethos, der Rechtsstaatlichkeit eines Verfahrens. "Wir haben etwas angefangen und wir haben es zu Ende gebracht", sagt Wolfgang Stahl nach den Plädoyers. "Man kann behaupten, wir haben es aufrecht zu Ende gebracht, im Dienste der Sache."

Ob sie es noch einmal machen würden?

In der Dokumentation schweigen Heer und Sturm einen Augenblick.

Dann sagen sie: "Ja."



Das Oberlandesgericht München hat Beate Zschäpe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Ihre Verteidiger kündigten bereits Revision an.

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