Panorama

Psycho-Sekte Nxivm

Ende der Horrorwelt

Die US-Psycho-Sekte Nxivm hat den Betrieb eingestellt. Ihr wegen Sexsklaverei angeklagter Guru Keith Raniere bleibt in U-Haft - der Richter fürchtet, eine reiche Freundin könnte ihm zur Flucht verhelfen.

AFP
Von , New York
Donnerstag, 14.06.2018   15:22 Uhr

Der unscheinbare Herr mit dem schulterlangen Haar schwieg. Rechtsanwalt Marc Agnifilo sprach für ihn und bat, seinen Mandanten gegen Kaution freizulassen - er könne zehn Millionen Dollar hinterlegen. Doch Richter Nicholas Garaufis blieb hart: "Das ist ja gar nicht das Geld Ihres Klienten", sagte er und ließ den Angeklagten wegen Fluchtgefahr in seine Zelle zurückführen.

Dass die kurze Szene, die sich diese Woche in einem Gerichtssaal in Brooklyn abspielte, keine Routine war, zeigte sich schon am enormen Kautionsangebot. Mal abgesehen von dem mysteriösen Geldgeber - doch dazu später mehr.

Bei dem Angeklagten handelte es sich um Keith Raniere, den Gründer einer sektenähnlichen Gruppe namens Nxivm (ausgesprochen Nexeum). Der 57-Jährige ist wegen Sexhandels, Zwangsarbeit und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angeklagt, er soll mehr als ein Dutzend Frauen als "Sexsklavinnen" missbraucht haben. Seine mutmaßliche Komplizin, die Schauspielerin Allison Mack, 35, hockte als Mitangeklagte daneben. Die Kautionsanhörung war die jüngste Etappe auf dem Weg zu einem Sensationsprozess, der im Oktober beginnen soll.

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Nxivm: Der Guru und seine Anhänger

Noch ist dies ein relativ obskurer Fall. Noch hat er in der US-Öffentlichkeit noch nicht breite Aufmerksamkeit gefunden, trotz der Faszination vieler Amerikaner mit Sekten, Scharlatanen und Selbsthilfe-Fantasien. Doch das dürfte sich bald ändern - auch dank der #MeToo-Bewegung und immer mehr Prominenter, die in diesen Skandal verwickelt sind.

Der Fall begann, wie so oft, mit dem Traum vom besseren Leben. Raniere gründete Nxivm 1998 in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaats New York. Die Organisation versprach ihren Mitgliedern mit psychologischen "Seminaren" Erfolg und Glück. Motto: "Working to Build a Better World", frei übersetzt: Wir arbeiten an einer besseren Welt.

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Allison Mack auf dem Weg zum Gericht

Der New-Age-Boom machte Nxivm auch in der feineren Gesellschaft en vogue, zu den Mitgliedern sollen Hollywood-Stars wie Linda Evans gehört haben. Doch bald wuchsen Zweifel, die Rede war von Sex und Abzocke, man munkelte sogar von Gehirnwäsche. Mitglieder zahlten nach Justizangaben 5000 Dollar pro Selbstfindungsseminar.

"Ich halte das für eine Sekte", sagte der Whiskey-Milliardär Edgard Bronfman dem Magazin "Vanity Fair" schon 2010, drei Jahre vor seinem Tod. Seine Töchter und Erbinnen Clare and Sara Bronfman, mit denen er lange keinen Kontakt mehr gehabt hatte, waren mit Nxivm verwickelt und finanzierten es offenbar auch mit. Clare Bronfman besitzt laut Staatsanwaltschaft eine Privatinsel in Fiji; Raniere soll dort zu Gast gewesen sein.

Erst Ende 2017 begann die Staatsanwaltschaft aufgrund einer Reihe von Medien-Exposés zu ermitteln. Im März wurde Raniere festgenommen - in einem "verbunkerten" Luxusresort in Mexiko. Kurz darauf landete Mack, bekannt aus der US-Hitserie "Smallville", ebenfalls in polizeilichem Gewahrsam.

Die Anklage liest sich wie das Drehbuch eines schlechten Horrorfilms. Innerhalb der Organisation, die Raniere als "Guru" kontrolliert habe, habe es eine "Geheimgesellschaft" gegeben. Deren Mitglieder - eine Gruppe von 15 bis 20 Frauen - hätten kompromittierende Informationen hinterlegen müssen, mit denen Raniere sie zu Sex und Zwangsarbeit erpresst habe. Sie seien manipuliert, bedroht, misshandelt, verprügelt, betrogen und oft mit Ranieres Initialen gebrandmarkt worden.

Allison Mack habe ihrerseits neue Opfer "rekrutiert" und als Ranieres Vollstreckerin agiert. Auch habe sie die Frauen gezwungen, kaum etwas zu essen, um dünn zu bleiben.

Eine mysteriöse Gönnerin

Den Angeklagten drohen mindestens 15 Jahre Haft. Beide streiten die Vorwürfe ab. Raniere sagt, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich gewesen. Zu den Nxivm-Opfern soll auch die Tochter der TV-Schauspielerin Catherine Oxenberg ("Denver Clan") gehören.

Mack, die ihre Karriere angeblich für Raniere aufgab, ist nicht der einzige berühmte Name in diesem Skandal. Clare und Sara Bronfman, die 2013 die Milliarden ihres Vaters erbten, waren erst Nxivm-Mitglieder, dann Managerinnen und womöglich Finanziers. Clare Bronfman bestreitet, von den Vorwürfen gegen Raniere gewusst zu haben.

Dennoch hatte die Staatsanwaltschaft offenbar genau die Milliardenerbin im Sinn, als sie sich dagegen aussprach, Raniere auf Kaution freizulassen. Zwar nannte die Anklage Bronfman nicht beim Namen, beschrieb aber eine unbekannte, wohlhabende Person als "Mitverschwörerin".

"Nichts hält den Angeklagten gebunden"

In Gerichtsunterlagen hat die Staatsanwaltschaft dokumentiert, wie Clare Bronfman viele Millionen Dollar an Raniere und Nxivm gab - und in Prozessen gegen Kritiker der Gruppe die Anwaltskosten übernahm. Raniere und sie haben den Ermittlern zufolge "Kontakte in aller Welt" - und damit viele Möglichkeiten, sich dem Verfahren zu entziehen.

Das überzeugte offenbar auch Richter Garaufis, der von jemandem sprach, der Raniere zur Flucht verhelfen könnte: "Nichts hält den Angeklagten gebunden", sagte er zu dessen Anwalt Marc Agnifilo. Der stammt aus der Kanzlei des VIP-Verteidigers Benjamin Brafman, der den wegen Vergewaltigung angeklagten Ex-Filmproduzenten Harvey Weinstein vertritt. Raniere sitzt im Metropolitan Detention Center in Brooklyn.

Allison Mack hat sich nicht schuldig bekannt. Sie kam schon zuvor gegen fünf Millionen Dollar Kaution frei, steht bis zu Prozessbeginn bei ihren Eltern in Kalifornien unter Hausarrest.

Nxivm hat unterdessen die Geschäfte eingestellt: "Mit großem Bedauern teilen wir mit, dass wir alle Aufnahmen, Lehrpläne und Veranstaltungen ausgesetzt haben", steht seit dieser Woche auf der Homepage.

Die bessere Welt muss warten.

Video: 7 Tage...: In der Sekte

Foto: NDR

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