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Schweiz

Gutachter halten mutmaßlichen Vierfachmörder für Psychopathen

Vier Menschen soll der Angeklagte ermordet, einen Jungen vor dessen Tod noch missbraucht haben: Zu Beginn eines aufsehenerregenden Prozesses in der Schweiz ist der Angeklagte als psychisch gestört beschrieben worden.

DPA/ Walter Bieri/ KEYSTONE

Der Angeklagte mit Pflichtverteidigerin Renate Senn

Dienstag, 13.03.2018   17:02 Uhr

Im Strafprozess um einen vierfachen Mord in der Schweiz hat der Angeklagte zu Beginn der Verhandlung keine Reue gezeigt. "Ich leide nicht", sagte der 34-Jährige in Schafisheim auf die Frage des Richters, wie es ihm gehe.

Der Mann soll laut Anklage drei Tage vor Weihnachten 2015 eine Familie aus der Nachbarschaft in Rupperswil überfallen haben. Der Staatsanwaltschaft zufolge bedrohte er die Familie, zwang die Frau, Geld von der Bank zu holen - und schnitt dann allen die Kehle durch. Fünf Monate lang waren viele Menschen in der Gegend zwischen Basel und Zürich beunruhigt - bis der Mann in einem Café gefasst wurde.

Der Ex-Fußballtrainer hat zugegeben, eine 48-jährige Frau sowie deren Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes umgebracht zu haben. Zuvor hatte er laut Anklage den jüngeren, 13-jährigen Sohn missbraucht - und diese Tat mit dem Handy gefilmt. Die Polizei war damals zu einem brennenden Haus gerufen worden und fand die Leichen.

Im Prozess antwortete der Angeklagte frei und umfassend auf die Fragen des Richters. Er sprach ausführlich über seine Gemütslage vor und nach der Tat. Warum er nach den ersten beiden Morden nicht aufgehört habe, fragen ihn die Richter. "Es war wie eine Leere", sagte der Angeklagte. Es sei ihm nicht möglich gewesen, aufzuhören.

Der Mann nannte sich selbst pädophil und süchtig nach Pornografie. Er habe keine Hilfe gesucht, weil er sich geschämt und sich eingebildet habe, alles unter Kontrolle zu haben.

Zwei Psychiater beschrieben den Angeklagten als Narzissten mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Er habe Versagensangst gehabt und zugleich pädophile Neigungen. Deshalb habe sich der Mann, der junge Fußballspieler trainierte und sich als Student ausgab, in ein Lügengespinst verrannt. Die Mutter habe nicht erfahren sollen, dass er sein Studium geschmissen hat. Bekannten gaukelt er vor, er werde Arzt. Die Angst aufzufliegen, sei allumfassend gewesen, sagt ein Psychiater.

Weil der heute 34-Jährige nicht vorbestraft war und seine Fingerabdrücke oder DNA nirgends gespeichert waren, waren die Ermittlungen schwierig. Schließlich führte ein akkurates Täterprofil von Psychologen zum Erfolg. Im Mai 2016 wurde er festgenommen. Die am Tatort genommenen Fingerabdrücke stimmten mit seinen überein.

Laut Polizei hatte der Mann bei seiner Festnahme bereits die nächste Tat geplant. Bei einer Durchsuchung in seinem Haus fanden Ermittler einen gepackten Rucksack, in dem sich unter anderem Kabelbinder und Klebeband befanden. "Er ist bereit gewesen, erneut zuzuschlagen", sagte eine Staatsanwältin im Mai 2016.

Die Gutachter im Prozess schlossen dennoch nicht aus, dass der Mann mit jahrelanger Therapie heilbar sei. Der Angeklagte sagte, er hoffe, eines Tages auf freien Fuß zu kommen. Das Urteil wird für Freitag erwartet.

apr/dpa

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