Panorama

US-Medien und der Weinstein-Skandal

Gewusst und verschwiegen

Der Skandal um Harvey Weinstein erschüttert nicht nur Hollywood, sondern auch die US-Medienbranche: Die Machenschaften des Filmproduzenten waren dort jahrelang ein offenes Geheimnis. Berichtet wurde nicht.

AFP

Harvey Weinstein (2013)

Von , New York
Donnerstag, 12.10.2017   10:51 Uhr

Monatelang hatte Ronan Farrow recherchiert. Mühsam hatte der US-Reporter mehr als ein Dutzend Frauen aufgespürt, die behaupteten, von Hollywoodmogul Harvey Weinstein sexuell missbraucht worden zu sein. Einige waren sogar bereit, das vor der TV-Kamera zu sagen.

Trotzdem lehnten es Farrows Chefs beim TV-Sender NBC im August ab, den explosiven Report zu senden. Warum? "Da müssen Sie NBC fragen", sagte Farrow im NBC-Schwestersender MSNBC kryptisch. Er legte seine Recherchen schließlich dem Magazin "New Yorker" vor, das sie diese Woche veröffentlichte - fünf Tage nach ähnlichen Enthüllungen der "New York Times".

Der Skandal um den Filmproduzenten Weinstein erschüttert nicht nur Hollywood, wo viele lange Bescheid gewusst haben müssen. Sondern auch die US-Medienbranche: Weinsteins Machenschaften waren auch dort ein offenes Geheimnis - berichtet wurde darüber nicht.

Denn Journalisten standen ähnlich unter Weinsteins Fuchtel wie Stars. Ob aus Angst, Gier oder Sexismus: Bisher ließen sie alle Vorwürfe versanden. "Die Medien sollten einen Blick in den Spiegel werfen", schreibt der "Observer" - der ausgerechnet Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner gehört - und wirft den Kollegen "Feigheit und Komplizenschaft" vor.

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Harvey Weinstein: "Genie und Arschloch"

Farrows Odyssee ist ein Beispiel. Der Sohn des Regisseurs Woody Allen und der Schauspielerin Mia Farrow ist freier Mitarbeiter für NBC. Sein Weinstein-Report sei vor Monaten "sendebereit" gewesen, sagt er - samt der brisanten, kompromittierenden Tonaufnahmen der New Yorker Polizei.

"NBC tat alles, um die Story hinauszuzögern", schreibt die Website "Daily Beast". Schließlich war Weinstein mit dem Mutterkonzern NBC Universal durch lukrative Produktionsdeals verbandelt.

Diese Symbiose verband auch andere Medien mit Weinstein - und sorgte dafür, dass die Gerüchte Gerüchte blieben. "Viele Journalisten wurden von ihm bezahlt, arbeiteten als Berater für Filmprojekte oder als Drehbuchautoren", berichtet die Reporterin Rebecca Traiste ("New York Magazine"), deren Ex-Freund, ebenfalls ein Reporter, einmal von Weinstein verprügelt wurde.

Weinstein vereinnahmte Reporter mit Film- und Buchdeals und steckte ihnen angeblich auch Klatsch über Frauen zu, die ihm gefährlich werden konnten. Den reichten die Gossip-Kolumnisten gierig weiter - aus passivem Schweigen wurde aktive Mittäterschaft.

Video: Audiomitschnitt von sexueller Belästigung

Foto: AFP

Die Schauspielerin Ambra Battilana Gutierrez zeigte Weinstein 2015 an. Prompt wurde sie in der Boulevardpresse durch den Schmutz gezogen. Vor allem in der "New York Post": Deren "Page Six" diente seit jeher als Auffangbecken für Weinstein-freundlichen Klatsch.

Das ging so bis zuletzt. Margaret Sullivan, die Medienkolumnistin der "Washington Post", enthüllte am Mittwoch, dass jemand ihrer Zeitung vorige Woche "negative Informationen über eine der Weinstein-Anklägerinnen" angeboten habe - kurz vor den ersten Enthüllungen in der "NYT". Zufall?

Reichte das nicht, kamen Drohungen. "Weinstein und sein Anwalts- und PR-Team führten eine jahrzehntelange Kampagne, um diese Storys zu unterdrücken", schreibt Farrow. Auch ihm selbst habe er mit Klage gedroht. Kolumnist Lloyd Grove ("Daily Beast") erinnerte sich, dass Weinstein ihn angebrüllt habe: "Ich bin die größte Drecksau, die du je als Feind haben wirst!"

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

Selbst die "New York Times" war dagegen offenbar nicht immun. Hollywoodkolumnistin Sharon Waxman schreibt, sie habe bereits 2004 für die "NYT" an einer Enthüllungsgeschichte gearbeitet. Weinstein sei daraufhin in der Redaktion erschienen und habe sich beschwert, während die Schauspieler und Weinstein-Freunde Matt Damon und Russell Crowe bei ihr persönlich interveniert hätten. Der Bericht erschien nie. Das sei für ihn "unvorstellbar", wundert sich "NYT"-Chefredakteur Dean Baquet, der damals noch bei der "Los Angeles Times" war.

Mehr noch: Mit seinen Methoden stand Weinstein nicht alleine. "Sie kaufen Journalisten, sie bedrohen Journalisten", sagte ein Entertainment-Reporter der "Huffington Post" über Hollywood und die Medien. "Sie tun, was immer sie tun müssen."

insgesamt 31 Beiträge
mr.andersson 12.10.2017
1.
Nah, urteilen ist immer leicht, besonders hinterher. jetzt hätte natürlich jeder unter Einsatz seiner persönlichen Karriere frühzeitig berichtet.... tatsächlich gab nach meinem Wissen schlicht kein Beweise für strafbares [...]
Nah, urteilen ist immer leicht, besonders hinterher. jetzt hätte natürlich jeder unter Einsatz seiner persönlichen Karriere frühzeitig berichtet.... tatsächlich gab nach meinem Wissen schlicht kein Beweise für strafbares handeln und sich dann als Medienunternehmen mit einem medienmogul anlegen wäre schön eine ziemliche selbstmordaktion. Zwischen einem sexistischeren mistkerl und einem Straftäter liegt nun mal einiges und das er eben Straftaten begangen hat lässtsich ohne die Aussagen der Frauen nicht belegen. Die wiederum hatten selbst Angst um ihre wirtschaftliche Existenz. Also haben alle gewartet, bis er nicht mehr so mächtig ist. Jetzt äußern sich genug Frauen um die Vorwürfe glaubhaft zu machen und jetzt sagt dann natürlich jeder, man hätte vor Jahren berichten sollen. Wie denn ohne glasharte Belege über Straftaten? Mutig zu behaupten man hätte mieses Verhalten von einem der mächtigsten Männer in der Branche offen besprochen können die meisten eh nur hinterher aus der sicheren Deckung.
ollis.post 12.10.2017
2.
Solche Machenschaften sind doch überall üblich. Immer schön unter den Teppich kehren. Wie oft habe ich in deutschen Medien gelesen das „dies oder das“ unter Berichterstattern schon länger bekannt war. Und dann auf einmal [...]
Solche Machenschaften sind doch überall üblich. Immer schön unter den Teppich kehren. Wie oft habe ich in deutschen Medien gelesen das „dies oder das“ unter Berichterstattern schon länger bekannt war. Und dann auf einmal kommen die Zeugen angerannt, und dann wird ganz empört berichtet.
ad2 12.10.2017
3. Und die Polizei??
Wenn Aussagen bei der Polizei vorliegen, dann muss ja auch dort jemand seinen Job nicht richtig gemacht haben... und zur Verantwortung gezogen werden.
Wenn Aussagen bei der Polizei vorliegen, dann muss ja auch dort jemand seinen Job nicht richtig gemacht haben... und zur Verantwortung gezogen werden.
stefan.martens.75 12.10.2017
4. Cosby jetzt Weinstein
Gleiches Schema ähnliche Macht. Etwas ist faul im Staate. Hier ist Weinstein nur ein armseeliges Würstchen mit Macht und Geld, wie es viele gibt. Der wahre Angeklagte sind hier sämtliche Menschen die das vertuscht und [...]
Gleiches Schema ähnliche Macht. Etwas ist faul im Staate. Hier ist Weinstein nur ein armseeliges Würstchen mit Macht und Geld, wie es viele gibt. Der wahre Angeklagte sind hier sämtliche Menschen die das vertuscht und gedeckt haben.
frenchie3 12.10.2017
5. Dann packt mal die Schaufeln aus
und fangt an zu graben. Die gefürchtete Öffentlichkeit dürfte dann etlichen von dieser Sorte mal zeigen daß Geld alleine nicht ausreicht um zu verhindern vom Sockel der Verehrung gestoßen zu werden. Ich schäme mich zu sagen: [...]
und fangt an zu graben. Die gefürchtete Öffentlichkeit dürfte dann etlichen von dieser Sorte mal zeigen daß Geld alleine nicht ausreicht um zu verhindern vom Sockel der Verehrung gestoßen zu werden. Ich schäme mich zu sagen: feste druff, Glück der Frau, Supieillu, Wildzeitung und co. Aber manchmal muß man knallhart sein
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