Panorama

Minendrama in Chile

Rettung aus dem Höhlenschlund

Es sind Stunden des Jubels und des Glücks in Chile: Nach 69 Tagen der Angst und Ungewissheit sind schon 16 Kumpel gerettet. Die Rettungsaktion der restlichen Verschütteten verläuft schneller als erwartet, die Mineros sind in guter Verfassung.

Mittwoch, 13.10.2010   16:14 Uhr

Copiapó - Er wirkt erschöpft, bewegt sich nur langsam. Doch dann fällt Claudio Yáñez seiner Liebsten in die Arme, lässt sie nicht mehr los, wiegt sie hin und her, immer wieder. Noch unter Tage hatte ihm Christina Nunez einen Heiratsantrag gemacht, der Termin auf dem Standesamt ist reserviert. Für die beiden kann ein neues Leben beginnen.

Nach Wochen des Bangens und des Ausharrens in fast 700 Metern Tiefe wurden die ersten der 33 verschütteten Bergleute aus der chilenischen Gold- und Kupfermine San José gerettet, konnten sie ihre Frauen, Kinder, Mütter, Freunde wieder in die Arme schließen.

Die Rückkehr der Kumpel ans Tageslicht ist die spektakulärste Aktion in der Geschichte des Bergbaus - noch nie haben Menschen so lange unter Tage überlebt, noch nie konnte die Welt ihre Wiederauferstehung in allen Details live am Fernseher verfolgen. Eine Kamera unter Tage zeigt, wie die Kapsel bei den Bergleuten ankommt, ein Kumpel nach dem anderen wird für die Reise in die Freiheit vorbereitet, steigt in die Metallröhre, die ihn nach oben bringen wird. Die Ankunft der Bergmänner, ihre Tränen und Küsse, die unendliche Freude übertragen Kameras in die ganze Welt.

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Rettungsaktion: "Willkommen, Helden von Chile"
Die Aktion läuft überraschend gut und schnell. Ursprünglich war pro Kumpel etwa eine Stunde für Vorbereitungen und Auffahrt veranschlagt worden. Da die Rettungskapsel entgegen der Erwartungen aber stabil läuft und nicht rotiert, geht die Bergung schneller voran als angenommen.

"In einem sehr guten Gesundheitszustand"

Auch ist der Zustand der Männer besser als angenommen. Die Kumpel erfreuen sich laut Gesundheitsminister Jaime Mañalich bester Gesundheit - nach 69 Tagen in ihrem dunklen, heißen, feuchten Gefängnis. Erste Untersuchungen unter Tage haben keinerlei Probleme ergeben, sagte Mañalich. Keiner der Bergleute habe medikamentös behandelt werden müssen. Trotzdem werden alle noch vor Ort ärztlich untersucht, für einen Gesundheitscheck per Militärhelikopter ins Krankenhaus im nahen Copiapó geflogen.

Um 0.05 Uhr Ortszeit (5.05 Uhr MESZ) schrillte endlich die Sirene: Florencio Ávalos war der Erste, der hochgezogen wurde, der Jubel der rund 800 Angehörigen und Freunde der Verschütteten war gigantisch. "Unser erster Bergarbeiter ist bei uns", verkündete Chiles Staatschef Sebastián Piñera glücklich.

Als zweiter Grubenarbeiter kehrte Mario Sepúlveda, 40, an die Erdoberfläche zurück - und verteilte gleich Geschenke an Einsatzkräfte und an Staatschef Piñera: Gesteinsbrocken. "Es lebe Chile, Scheiße!", schrie Sepúlveda seine Freude heraus. Es folgten Juan Illanes, 52, der Bolivianer Carlos Mamani, 23, Jimmy Sánchez, 19.

José Ojeda, 47, der zuckerkrank ist, fiel den Einsatzkräften hemmungslos weinend um den Hals. Osman Araya, 30, der zum Zeitpunkt des Unglücks erst seit vier Monaten in der Mine gearbeitet hatte und in der Höhle zusammengebrochen war, klammerte sich beim Aussteigen zunächst an die Helfer - dann lief er auf seine Frau zu, umarmte sie lange und fest.

Mario Gómez, 63, fiel vor Dankbarkeit auf die Knie, dankte Gott für seine Rettung und umarmte seine Frau. Der Mann arbeitet seit seinem zwölften Lebensjahr im Bergbau, und war wegen seiner Staublunge schon vor dem Unglück Anfang August in ärztlicher Behandlung. Alex Vega, der seit neun Jahren Bergmann ist, kam um 8.52 Uhr Ortszeit (13.52 Uhr MESZ) an die Oberfläche. Nummer 11 war Jorge Galleguillos, 56, es folgten Edison Peña, 34, Carlos Barrios, 27, und Víctor Zamora, 33.

Die 33 Männer waren seit dem 5. August in der Mine San José in der Atacama-Wüste eingeschlossen. Nach dem Einsturz fehlte von den verschütteten Bergleuten zunächst jedes Lebenszeichen. Als die Regierung die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, wurden die Kumpel nach mehr als zwei Wochen geortet. Seitdem wurde mit Bohrern an drei Rettungsschächten gearbeitet.

Die lange erwartete Rettungsaktion hatte sich nach dem geplanten Beginn noch verzögert, weil zusätzliche Sicherungsmaßnahmen an der Kapsel angebracht werden mussten. Dann kurz vor Mitternacht chilenischer Zeit bekamen die eingeschlossenen Kumpel den ersehnten Besuch: Rettungsspezialist Manuel Gonzalez wurde in der Rettungskapsel "Phönix" abgeseilt.

Als Letzter soll Schichtleiter Luis Urzúa das tiefe Gefängnis verlassen - wie ein Kapitän, der als Letzter von Bord geht. Der 54-Jährige trug entscheidend zum Zusammenhalt der Gruppe bei.

Die chilenische Regierung hat versichert, dass sie die Männer, die zu Volkshelden geworden sind, nicht im Stich lassen werde. Neben der medizinischen Betreuung sollen ihnen auch mindestens sechs Monate lang Psychologen zur Seite stehen.

siu/dpa/dapd/AFP

insgesamt 9 Beiträge
JaguarCat 13.10.2010
1. Gratulation!
Gratulation an das Rettungsteam! Und an die Männer, die monatelang in so großer Tiefe ausgehalten haben!
Gratulation an das Rettungsteam! Und an die Männer, die monatelang in so großer Tiefe ausgehalten haben!
mark anton 13.10.2010
2. Man sieht, dass das Volk der Chilenen noch "intakt" ist, was man von D nicht mehr
sagen kann. Warum die politischen Parteien haben durch Demagogie, Luegen, Klassenkrampf, falschen Entscheidungen, Regieren gegen die Mehrheitsmeinung - das Volk entzweit.
Zitat von sysopEs sind Stunden des Jubels und des Glücks in Chile: Nach 69 Tagen der Angst und Ungewissheit sind schon dreizehn Kumpel gerettet. Die Rettungsaktion der restlichen Verschütteten verläuft schneller als erwartet, die Mineros sind in guter Verfassung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,722921,00.html
sagen kann. Warum die politischen Parteien haben durch Demagogie, Luegen, Klassenkrampf, falschen Entscheidungen, Regieren gegen die Mehrheitsmeinung - das Volk entzweit.
menne 13.10.2010
3. Doch das ist doch Quatsch
mit dem fehlenden Zusammenhalt in Deutschland. Bei der "Elbeflut" waren alle Helfer gerufene und freiwillige Helfer da, ein gutes Beispiel, dass zeigt,dass in der Not alle zusammenstehen. Unabhängig davon, die Chilenen [...]
mit dem fehlenden Zusammenhalt in Deutschland. Bei der "Elbeflut" waren alle Helfer gerufene und freiwillige Helfer da, ein gutes Beispiel, dass zeigt,dass in der Not alle zusammenstehen. Unabhängig davon, die Chilenen können Stolz sein auf die sagenhafte Tatkraft der Helfer die immer das Richtige gemacht haben.
herbert797 13.10.2010
4. Was für eine verlogene Show...
Es ist beschämend wie sich der chilenische Berlusconi namens Sebastian Pinera mit seiner Grinsefresse vor die Kameras drängt, und 24h auf seinem eigenen TV-Sender mit der Rettung der 33 armen Bergleute schmückt. Bei dieser [...]
Es ist beschämend wie sich der chilenische Berlusconi namens Sebastian Pinera mit seiner Grinsefresse vor die Kameras drängt, und 24h auf seinem eigenen TV-Sender mit der Rettung der 33 armen Bergleute schmückt. Bei dieser ganzen Show fragt sich keiner mehr was der eigentliche Hintergund der Situation dieses Landes ist: Durch immer währende Ausbeutung der natürlichen und menschlichen Ressourcen zur Zeit Pinochets,und der folgenden Regierungen. Alles für den "Fortschritt",will heissen das Land im Turbogang für wenige,sehr reiche ausländische Unternehmen, billigst zu verschleudern,verschachern,auszubeuten und zu vergiften. Das natürlich auf Kosten der Umwelt und der Menschen die für diesen "Fortschritt" ihr Leben auf´s Spiel setzen (wie in diesem Beispiel die armen 33 Bergleute). Diese Mine sollte eigentlich schon 2007 stillgelegt werden,weil Gewerkschaften,Fachleute und Gutachter die weitere Förderung für sehr gefährlich gehalten haben. Die letzte Regierung (die "Concertacion") hat natürlich im Namen des Fortschritts eine weitere Sondergenehmigung erteilt,damit das fördernde Unternehmen weiterhin seine Gewinne erwirtschaften kann (natürlich ohne Steuern für ihre Profite in Chile abzuführen). Die Gewerkschaft der Minenarbeiter,die die Schliessung der Mine forderte,weigerte sich ihre Leute in diese Mine zu schicken, woraufhin sich das Unternehmen Streikbrecher (wie die 33 verschütteten) heranholte. Dann geschah das was Fachleute vorhergesagt hatten:Die Mine stürzte ein. Bis heute wurde das Unternehmen weder zur Rechenschaft gezogen, noch wurden die Arbeitsbedingungen für die Bergleute verbessert. Stattdessen wird jetzt ein mediales Wunder verkauft ,und das eigentliche Problem,nämlich die Wiederherstellung von humaneren Arbeitsbedingungen, und eine schonendere Behandlung der Umwelt unter den Teppich gekehrt, und nach aussen hin ein "Einig-Vaterland" verkauft. So kann Chile sein komplettes Versagen für das Missmanagement des Erdbebens gleich wettmachen. Und millionen Chilenen kleben an ihren Fernsehern und betäuben sich von der Realität, und erfreuen sich an einem Gemeinschaftsgefühl das auch nur dort, vor ihrem Fernseher stattfindet,lauter bunte Chile-Fähnchen,alle sind ganz patriotisch, der Verstand wird ausgeschaltet und die eigentlichen Probleme verschwinden in einer seit Pinochet andauernden Amnesie. Was für eine verlogene Show!!!
RTS 13.10.2010
5. Begeistert
Einfach schön! Alles Gute für die Minenarbeiter, ihre Familien, die Retter und alle, die Anteilnahme gezeigt haben.
Einfach schön! Alles Gute für die Minenarbeiter, ihre Familien, die Retter und alle, die Anteilnahme gezeigt haben.

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Chronik des Grubenunglücks

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August
5. August - Der Einsturz

Bei einem Grubenunglück in der Gold- und Kupfermine San José nahe der Stadt Copiapó werden 33 Bergleute in 688 Metern Tiefe verschüttet. Die Kumpel ernähren sich dort zunächst von Dosen-Thunfisch, Milch und Wasser, das an den Höhlenwänden herabläuft.

22. August - Erster Kontakt

Rettungskräfte können mit einem Spezialbohrer zu den Eingeschlossenen vordringen. "Hier sind 33 Personen. Wir sind alle am Leben", steht auf einem Zettel, den die Männer durch einen schmalen Schacht an die Oberfläche schicken.

24. August - Erstes Telefonat

Zum ersten Mal können die Rettungskräfte an der Oberfläche mit den Bergleuten telefonieren. "Alle sind gesund und wohlauf", erzählen sie.

25. August - Das Warten

Chiles Präsident Sebastián Piñera sagt bei einem Dankgebet in der Hauptstadt Santiago, die Rettungsaktion könne bis Weihnachten dauern. Die Arbeiter nehmen die Nachricht über die lange Zeit bis zu ihrer Rettung offenbar gefasst auf.

27. August - Botschaft aus der Tiefe

In den ersten Videobotschaften grüßen die Männer ihre Familien. Zahlreiche Angehörige zelten seit Wochen im "Camp Esperanza", dem Lager der Hoffnung.

30. August - Sorgen um die Gesundheit

Die Eingeschlossenen sprechen erstmals mit ihren Familien. Helfer machen sich zunehmend Sorgen um die Gesundheit der Männer. Fünf von ihnen leiden unter einer beginnenden Depression.

31. August - Start der Bohrung

Die mehrfach verschobene Bohrung eines Rettungsschachtes mit dem deutschen Spezialbohrer Strata 950 beginnt. Am 5. September startet eine zweite und schnellere Rettungsbohrung mit einem Gerät vom Typ Schramm T-130.
September
8. September - Das Spiel

Zur Ablenkung sehen die Kumpel eine Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels Chile gegen die Ukraine. Die Bergleute hören Geräusche der inzwischen bis auf 120 Meter vorgestoßenen Bohrer.

11. September - Diebe stehlen Gerät Metalldiebe stehlen wichtiges Bohrgerät vom Minengelände. Wegen technischer Probleme werden die Rettungsbohrungen immer wieder unterbrochen. Die Bergleute reagieren mit Protest auf fehlende Bohrgeräusche.

14. September - Ein Kumpel wird Vater

Die Frau des verschütteten Ariel Ticona bekommt ihr Baby. Das Mädchen wird Esperanza genannt: Hoffnung.

16. September - Rettung in Sicht

Die Kumpel könnten nach Ansicht von Experten bereits Anfang November - sechs Wochen früher als geplant - befreit werden. Die Arbeiten am Rettungsschacht kommen gut voran.

17. September - Vorbohrung erreicht Werkstatt

Die erste Vorbohrung erreicht schneller als erhofft einen Werkstattraum in 624 Metern Tiefe, zu dem auch die Kumpel Zugang haben.

19. September - Dritte Bohrung beginnt

Mit einem Bohrer vom Typ RIG-422 beginnen die Arbeiten an einem dritten Tunnel. Es ist unklar, welches der drei Bohrgeräte als erstes mit einem Rettungsschacht fertig sein wird.

26. September - Rettungskapsel ist da

Die erste von drei Kapseln steht bereit. In dem Stahlbehälter sollen die Arbeiter an die Oberfläche gezogen werden.

30. September - Forderungen der Mineros

Familienangehörige wollen Schadensersatz in Millionenhöhe einklagen. Für jeden Arbeiter sollen die Eigentümer und der Staat eine Million Dollar (770.000 Euro) zahlen. Die Regierung veröffentlicht ein Video, das die Kumpel bei der Räumung von Geröll zeigt.
Oktober
2. Oktober - Die Hoffnung

Nach Einschätzung der Regierung können die Kumpel bereits in der zweiten Oktoberhälfte gerettet werden.

5. Oktober - Die Rettung naht

Bergbauexperten schließen nicht aus, dass die Kumpel in wenigen Tagen befreit werden könnten - was sich als verfrüht herausstellen wird.

9. Oktober - Der Durchbruch

Jubel bei den Angehörigen - Die Rettungsbohrung hat ihr Ziel erreicht. Der Bohrer vom Typ Schramm T-130 ist zu dem Werkstattraum in 624 Metern Tiefe vorgedrungen. Eine Sirene ertönt als Zeichen des Durchbruchs. Allerdings wird es noch einige Tage dauern, ehe alle 33 Bergleute wieder an der Oberfläche sind. Zunächst muss die Beschaffenheit des Gesteins in dem Schacht geprüft werden.

12. Oktober: Morgen!

Nachdem ein Teil des Schachts mit Metallrohren stabilisiert wurde, soll die Rettung der Verschütteten in der Nacht beginnen.

13. Oktober: Die Rettung

Um 0.05 Uhr Ortszeit (5.05 Uhr MESZ) schrillt die Sirene: Florencio Ávalos ist der Erste, der hochgezogen wird, der Jubel der rund 800 Angehörigen und Freunde ist gigantisch. In den folgenden Stunden werden weitere Bergmänner gerettet.

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