Politik

Diplomatie in Afghanistan

Teherans seltsame Annäherung an die Taliban

Im Nahen und Mittleren Osten verschafft Iran sich immer mehr Einfluss. Doch im Nachbarland Afghanistan wird ein alter Feind wieder stärker: die Taliban. Verbündet sich Teheran deshalb mit den Extremisten?

REUTERS

Iranische Revolutionsgarden (Archivaufnahme)

Von
Samstag, 12.08.2017   18:12 Uhr

Wenige Stunden nachdem sich am 31. Mai ein Selbstmordattentäter in einem Abwassertankwagen vor der deutschen Botschaft in Kabul in die Luft gesprengt hatte, verbreitete sich ein Gerücht unter Diplomaten islamischer Länder: Der mit eineinhalb Tonnen Sprengstoff beladene Lastwagen, erzählten sie, habe in der Nacht vor dem Anschlag auf dem Gelände der iranischen Botschaft geparkt. Mit anderen Worten: Wer auch immer der Täter war - vermutlich ein Mitglied des Haqqani-Netzwerks, einer radikalen Taliban-Gruppe -, sei von Iran unterstützt worden.

Iranische Diplomaten weisen diese Behauptung entrüstet als "Lüge" zurück. Tatsächlich gibt es für diese Behauptung, die vor allem von saudischen, aber auch von pakistanischen Vertretern gestreut wird, keine Beweise. Der Lastwagen habe vermutlich zufällig zeitweise in der Nähe der iranischen Vertretung geparkt, heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen.

Der Verdacht, Iran könne mit den Taliban kooperieren, sei aber "nicht ganz aus der Luft gegriffen". "Man kann davon ausgehen, dass zu einigen Fraktionen der Taliban Kontakte bestehen", sagt ein westlicher Geheimdienstler. "Das reicht vom Austausch von Informationen über finanzielle Unterstützung bis zur Lieferung von Waffen." Auch seien bei Anschlägen in Afghanistan iranische Staatsbürger unter den Attentätern gewesen.

AP

Frau in Afghanistan mit "Satan"-Protestplakat gegen Rohani

Das hört sich seltsam an, weil Iran sich als Schutzmacht der Schiiten versteht, die Taliban aber extremistische Sunniten sind. Als die USA die Taliban 2001 in Afghanistan angriffen, wurde das in Teheran gefeiert. Doch die Amerikaner konnten den Krieg nicht gewinnen, die Taliban erobern Afghanistan nach und nach zurück. Irans Führung ist jetzt offenbar überzeugt, dass man sich mit den Radikalislamisten wohl oder übel arrangieren muss, jedenfalls übergangsweise.

Bislang unterstützt Iran im Nachbarland vor allem die schiitische Minderheit. Dort rekrutieren die Revolutionsgarden junge Kämpfer, die sie als Milizen in den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien und im Irak schicken.

Die Annäherung Irans an die Taliban bedeutet auch, dass um jeden Preis ein Erstarken des IS in Afghanistan verhindert werden soll. Denn die Dschihadisten versuchen seit einigen Jahren, in Afghanistan Fuß zu fassen und den Taliban Kämpfer abzuwerben. Außerdem habe Iran genug von der Anwesenheit der Amerikaner in der Region und stehe dem Kampf der Taliban gegen US-Truppen wohlwollend gegenüber, glauben westliche Beobachter.

AP

Afghanistans Präsident Ghani (l.) mit seinem Amtskollegen Rohani

Aus den Turbulenzen der vergangenen 15 Jahre in der Region ist Iran gestärkt hervorgegangen:

Nur Afghanistan im Osten ist aus iranischer Sicht noch eine offene Flanke. "Wir wollen freundschaftliche Beziehungen mit unserem Nachbarn", sagt ein iranischer Diplomat in Teheran, schließlich habe man eine "fast tausend Kilometer lange gemeinsame Grenze". Man pflege eine "ähnliche Kultur" und in weiten Teilen dieselbe Sprache.

Teheran habe "legitime Interessen", zum Beispiel "die Eindämmung des Drogenschmuggels aus Afghanistan", unter dem vor allem Iran angesichts Tausender Drogentoter jährlich besonders leide. Aber die Taliban unterstütze man "ganz gewiss nicht".

insgesamt 23 Beiträge
jake_green 12.08.2017
1. Hazara
Ich persönlich denke nicht das um Terrorunterstützung geht. Der Iran möchte bestimmt erreichen, dass die Schiiten in dieser Region besser beschützt werden und die Taliban bitten sich dabei einfach als natürliche Verbündete [...]
Ich persönlich denke nicht das um Terrorunterstützung geht. Der Iran möchte bestimmt erreichen, dass die Schiiten in dieser Region besser beschützt werden und die Taliban bitten sich dabei einfach als natürliche Verbündete gegen den IS in Afghanistan und Pakistan an. Vielleicht bin ich auch nur naiv.
Ardashir 12.08.2017
2.
Ich persönlich kann die Analyse des Artikels nicht nachvollziehen. Der Iran war immer der Gegner der Taliban. Die Taliban sind eine radikale sunnitische Terrororganisation, welche einst mit Hilfe Pakistans und Saudi-Arabiens [...]
Ich persönlich kann die Analyse des Artikels nicht nachvollziehen. Der Iran war immer der Gegner der Taliban. Die Taliban sind eine radikale sunnitische Terrororganisation, welche einst mit Hilfe Pakistans und Saudi-Arabiens aufgebaut wurden, um Afghanistan unter Kontrolle zu kriegen. Die Taliban definieren die Iraner als Ketzer, da diese Schiiten sind. Der Iran bekämpfte immer die Taliban, indem er damals zb. die Nordallianz in Afghanistan unterstützte. Die Taliban, welche vor 9/11 große Teile Afghanistans eroberten wurden von 3 Staaten anerkannt: 1. Pakistan, 2. die Vereinigten Arabischen Emirate und 3. Saudi-Arabien. 1998 eroberten die Taliban Mazar-i-Sharif, stürmten dabei die dortige iranische diplomatische Vertretung und ermordeten alle Diplomaten. Der Iran verlagerte daraufhin 70.000 Soldaten an die afghanische Grenze und es drohte ein iranischer Angriff. Nach 9/11 kooperierten iranische und US-Amerikanische Einheiten in Afghanistan (wenn auch nur inoffiziell) im Kampf gegen die Taliban. Das sind alles Fakten, die man leicht nachlesen kann und die stark gegen jegliche Zusammenarbeit der Iraner mit den sunnitischen Terroristen der Taliban sprechen. Der Iran hat seither insbesondere Warlords unterstützt, welche die Taliban bekämpfen. Dies ist in meinen Augen ein stabilisierender Effekt und wirkungsvoller als die Stationierung von ausländischen Truppen in Afghanistan. Was hat der Einsatz westlicher Truppen (oder zuvor sovietischer Truppen) in Afghanistan gebracht? Im Grunde nichts. Fakt ist, dass der Iran der Gegenspieler zu den sunnitischen Terroristen geworden ist. Der Iran hat immer die Taliban bekämpft, ebenso die Al Kaida und auch die ISIS/Daesh. Gerade gegen Letztere war der iranische Einsatz oft entscheidend. Als damals die irakische Armee im Kampf gegen die ISIS/Daesh zusammenbrach drohte die wichtige kurdische Stadt Erbil an die ISIS zu fallen. Die Kurden riefen 3 Nationen um Hilfe: 1. die USA, 2. Die Türkei. 3. den Iran. Die Iraner landeten nur zwei Stunden Später mit einem halben Dutzend Transportflugzeugen, beladen mit Waffen, logistischem Material und Militärberatern in Erbil. Die USA reagierten nach 24 Stunden mit Bombenangriffen auf die ISIS. Die Türkei reagierten überhaupt nicht. Den Iran nun in die Nähe der von den Saudis finanziell unterstützten Taliban oder ISIS-Terroristen zu bringen, ist abwegig, wenn man die gesamte Historie der iranischen Politik gegenüber den sunnitischen Terroristen in Betracht zieht.
adal_ 12.08.2017
3. Analyse vielleicht noch mal lesen
Sie übersehen das entscheidende Detail. Taliban und IS betrachten sich nicht als Brüder im Geiste, sondern als Konkurrenten. Iran unterstützt das aus seiner Sicht kleinere Übel, die Taliban, um ein Erstarken des [...]
Zitat von ArdashirIch persönlich kann die Analyse des Artikels nicht nachvollziehen. Der Iran war immer der Gegner der Taliban. Die Taliban sind eine radikale sunnitische Terrororganisation, welche einst mit Hilfe Pakistans und Saudi-Arabiens aufgebaut wurden, um Afghanistan unter Kontrolle zu kriegen. Die Taliban definieren die Iraner als Ketzer, da diese Schiiten sind. Der Iran bekämpfte immer die Taliban, indem er damals zb. die Nordallianz in Afghanistan unterstützte. Die Taliban, welche vor 9/11 große Teile Afghanistans eroberten wurden von 3 Staaten anerkannt: 1. Pakistan, 2. die Vereinigten Arabischen Emirate und 3. Saudi-Arabien. 1998 eroberten die Taliban Mazar-i-Sharif, stürmten dabei die dortige iranische diplomatische Vertretung und ermordeten alle Diplomaten. Der Iran verlagerte daraufhin 70.000 Soldaten an die afghanische Grenze und es drohte ein iranischer Angriff. Nach 9/11 kooperierten iranische und US-Amerikanische Einheiten in Afghanistan (wenn auch nur inoffiziell) im Kampf gegen die Taliban. Das sind alles Fakten, die man leicht nachlesen kann und die stark gegen jegliche Zusammenarbeit der Iraner mit den sunnitischen Terroristen der Taliban sprechen. Der Iran hat seither insbesondere Warlords unterstützt, welche die Taliban bekämpfen. Dies ist in meinen Augen ein stabilisierender Effekt und wirkungsvoller als die Stationierung von ausländischen Truppen in Afghanistan. Was hat der Einsatz westlicher Truppen (oder zuvor sovietischer Truppen) in Afghanistan gebracht? Im Grunde nichts. Fakt ist, dass der Iran der Gegenspieler zu den sunnitischen Terroristen geworden ist. Der Iran hat immer die Taliban bekämpft, ebenso die Al Kaida und auch die ISIS/Daesh. Gerade gegen Letztere war der iranische Einsatz oft entscheidend. Als damals die irakische Armee im Kampf gegen die ISIS/Daesh zusammenbrach drohte die wichtige kurdische Stadt Erbil an die ISIS zu fallen. Die Kurden riefen 3 Nationen um Hilfe: 1. die USA, 2. Die Türkei. 3. den Iran. Die Iraner landeten nur zwei Stunden Später mit einem halben Dutzend Transportflugzeugen, beladen mit Waffen, logistischem Material und Militärberatern in Erbil. Die USA reagierten nach 24 Stunden mit Bombenangriffen auf die ISIS. Die Türkei reagierten überhaupt nicht. Den Iran nun in die Nähe der von den Saudis finanziell unterstützten Taliban oder ISIS-Terroristen zu bringen, ist abwegig, wenn man die gesamte Historie der iranischen Politik gegenüber den sunnitischen Terroristen in Betracht zieht.
Sie übersehen das entscheidende Detail. Taliban und IS betrachten sich nicht als Brüder im Geiste, sondern als Konkurrenten. Iran unterstützt das aus seiner Sicht kleinere Übel, die Taliban, um ein Erstarken des größeren Übels IS in Afghanistan zu verhindern. Dies fällt dem Iran umso leichter als er mit den Taliban einen weiteren Feind gemeinsam hat: Die Amerikaner.
gandhiforever 12.08.2017
4. Annaeherung
Wenn man Terror das Wasser abgraben will, muss man nach Wegen suchen, miteinander auszukommen. Das Bombardieren von Hochzeitgesellschaften und unbeteiligter Zivilisten fuehrt sicher nicht dazu. Und dass Afghanistan und Iran [...]
Wenn man Terror das Wasser abgraben will, muss man nach Wegen suchen, miteinander auszukommen. Das Bombardieren von Hochzeitgesellschaften und unbeteiligter Zivilisten fuehrt sicher nicht dazu. Und dass Afghanistan und Iran Nachbarn sind, wird wohl niemand bezweifeln, auch dass man sich nicht fremd ist. Die Gruendung der Taliban war eine Folge davon, dass die Regierung die kulturellen und religioesen Aspekte des Lebens dort missachtete, den Menschen ein fremdes System unterjubeln wollte, erst die Sowjets , dann die USA. Was den Vorwurf , der LKW sei auf dem Gelaende der iranischen Botschaft geseyhen worden, erinnert mich das sehr an die erfundenen Vorwuerfe , die die Saudis und ihre Verbuendeten gegen Katar vorgebracht haben. Es braucht Mut, eine Verstaendigung zu suchen, der Erfolg ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass dieser Ansatz weit besser ist, als das unsinnige Bombardieren aus 10000 Metern Hoehe.
Ardashir 12.08.2017
5.
Es ist für den Iran irrelevant, ob die Taliban und die ISIS/Daesh sich als Konkurrenten betrachten. Der Spruch "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" ist ein arabischer und kein iranischer. Beide [...]
Zitat von adal_Sie übersehen das entscheidende Detail. Taliban und IS betrachten sich nicht als Brüder im Geiste, sondern als Konkurrenten. Iran unterstützt das aus seiner Sicht kleinere Übel, die Taliban, um ein Erstarken des größeren Übels IS in Afghanistan zu verhindern. Dies fällt dem Iran umso leichter als er mit den Taliban einen weiteren Feind gemeinsam hat: Die Amerikaner.
Es ist für den Iran irrelevant, ob die Taliban und die ISIS/Daesh sich als Konkurrenten betrachten. Der Spruch "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" ist ein arabischer und kein iranischer. Beide Terrororganisationen, sowohl die Taliban als auch die ISIS/Daesh (wie auch die Al Kaida) basieren auf die radikal-sunnitische wahabitische Auslegung des Islam. Ebenso Saudi-Arabien, was auch erklärt, warum die genannten Terrororganisationen große Geldsummen im Verlauf ihrer Geschichte aus Saudi-Arabien erhalten haben. Dieser radikal-sunnitische wahabitische Islam steht in Konkorrenz zum iranisch-schiitischen Islam und umgekehrt. Die Wahabiten betrachten zudem die Schiiten als Ungläubige. Daher können die Iraner gar keine Abstufung bei diesen Terroristen durchführen. Es gibt kein "kleineres Übel", sondern nur Terroristen, welche Iraner töten wollen.

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