Politik

Junge Deutsche in Ägypten

Verschleppt am Flughafen?

Zwei junge Deutsche sind seit ihrer Landung in Ägypten nicht mehr aufzufinden, es fehlt jedes Lebenszeichen. Ihre Eltern befürchten das Schlimmste - Parallelen zu einem grausigen Verbrechen.

privat
Von
Montag, 07.01.2019   16:13 Uhr

Isa El Sabbagh wollte über die Weihnachtsferien seinen betagten Großvater besuchen. 13 Monate lang hatte er ihn nicht gesehen, beide trennen fast 2800 Kilometer - der Großvater lebt in Kairo, El Sabbagh in Gießen. Der 18-jährige Gymnasiast buchte einen Flug von Frankfurt über Luxor nach Kairo, das sparte ihm 200 Euro im Vergleich zum Direktflug.

Doch in der ägyptischen Hauptstadt kam Isa El Sabbagh niemals an. Seit der Deutsche am 17. Dezember in Luxor landete und die Transitzone des Flughafens betrat, ist er verschwunden. Und damit nicht der Einzige.

Mahmoud Abdel Aziz, 23, flog am 27. Dezember mit seinem Bruder Malik, 24, nach Kairo. Die beiden kommen aus Göttingen und studieren in Medina in Saudi-Arabien Islamwissenschaften. Auch sie wollten zu ihren Großeltern nach Ägypten. Malik Abdel Aziz durfte einreisen, doch seinem jüngeren Bruder wurde gesagt, dass er zurückreisen müsse, erzählt Malik Abdel Aziz. Schon im vergangenen Jahr wurde mindestens ein Deutscher am Flughafen von Kairo abgewiesen.

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Ägypten: Hoffen auf ein Lebenszeichen

Also ließ Malik Abdel Aziz seinen Bruder zurück in der Transitzone in der Obhut der ägyptischen Beamten. Er ging davon aus, dass der Jüngere nun wieder nach Saudi-Arabien fliegen würde. Doch dort kam er nie an.

In Ägypten kommt es unter Präsident Abdel Fattah el-Sisi immer wieder vor, dass Menschen, die den Sicherheitsdiensten als verdächtig gelten, spurlos verschwinden. Wenn sie irgendwann doch wiederauftauchen, dann meist im Gefängnis. Auf mindestens 60.000 schätzt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Zahl der politischen Häftlinge in Ägypten. Präsident Sisi dagegen sagte kürzlich: "Wir haben keine politischen Gefangenen."

Nun sind offenbar auch erstmals deutsche Staatsbürger verschwunden.

Böse Erinnerungen an vergleichbare Fälle

Die Familien El Sabbagh und Abdel Aziz befürchten das Schlimmste: Parallelen zum Fall Giulio Regeni. Der italienische Doktorand hatte in Ägypten über Gewerkschaften geforscht - ein heikles Thema, denn von den Arbeitern gingen immer wieder Proteste aus. Regeni verschwand am 25. Januar 2016 - dem Jahrestag der Massenproteste von 2011, an diesem sind Ägyptens Sicherheitskräfte besonders wachsam. Er wurde zu Tode gefoltert; seine zerschundene Leiche fand man neun Tage später am Straßenrand in Kairo. Die Regierung bestreitet, etwas mit Regenis Verschwinden zu tun gehabt zu haben. Doch Italiens Staatsanwaltschaft hat im November mehrere ägyptische Geheimdienstler als Mordverdächtige benannt.

Doch warum sollte die ägyptische Staatssicherheit die jungen Männer festnehmen lassen? "Vielleicht kam es ihnen seltsam vor, dass Isa über Luxor nach Kairo flog?", mutmaßt Mohamed El Sabbagh, Vater des 18-Jährigen. "Vielleicht liegt es an Mahmouds Bart?", sagt dessen Vater Amr Abdel Aziz. Den hätten die Sicherheitsdienste als Hinweis auf islamistischen Radikalismus interpretieren können.

Die ägyptische Botschaft in Berlin kommentiert die Fälle auf Anfrage nicht. Das Auswärtige Amt sagte hingegen, dass es die beiden Fälle "sehr ernst" nehme und sich "mit Nachdruck um Aufklärung" bemühe.

Von den deutschen Diplomaten haben die Familien über den Verbleib ihrer Kinder bisher nichts gehört, so Malik Abdel Aziz. Ein Diplomat der deutschen Botschaft in Kairo habe ihm gesagt, man sei auf Informationen der Ägypter angewiesen. Von denen hätten sie bisher nichts bekommen.

Stattdessen recherchieren die Eltern selbst. Die El Sabbaghs haben aus mehreren Quellen erfahren, dass ihr Sohn in Luxor in Haft sitzt. Die Abdel Azizs hörten von drei Seiten, dass sich ihr Kind in U-Haft des Geheimdienstes in Nasr City, einem Stadtteil Kairos, befinde.

Eine Besonderheit erschwert die Fälle

Sowohl Isa El Sabbagh als auch Mahmoud Abdel Aziz sind deutsch-ägyptische Doppelstaatsbürger - auch wenn ihnen das anscheinend nicht ganz klar war. Sie seien immer mit ihren deutschen Pässen gereist und hätten keine ägyptischen besessen, erzählen ihre Familien. Die Mütter sind Deutsche, die Väter Deutsch-Ägypter. Die Väter meldeten die Geburt ihrer Kinder in Deutschland und Ägypten. Dadurch wurden diese in den Augen Kairos automatisch auch zu Ägyptern - die Nationalität wird dort über den Vater vererbt.

Bei den Familien mischt sich Wut in die Sorge: "Muss mein Sohn erst Journalist, Schauspieler oder Fußballstar sein, damit ihm geholfen wird?", fragt Amr Abdel Aziz, Mahmouds Vater. Er fühlt sich von den deutschen Diplomaten im Stich gelassen und flog am Sonntag selbst nach Kairo, um seinen Sohn wiederzubekommen.

Wie lange vergleichbare Fälle dauern können zeigt die Geschichte von Hazem Hamouda. Bald ein Jahr ist es her, dass - ebenfalls an einem 25. Januar - der damals 54-Jährige am Flughafen von Kairo an der Passkontrolle verschwand. Auch er ist Doppelstaatsbürger, Australier und Ägypter, und wollte mit drei seiner Kinder in seiner einstigen Heimat Urlaub machen.

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Hazem und Lamisse Hamouda

Acht Tage lang wusste niemand, was mit Hamouda passiert war. Dann gelang es ihm, einen Brief zu schmuggeln, der abfotografiert über Whatsapp seine Frau in Australien erreichte. Seitdem weiß die Familie, dass Hazem Hamouda im für Folter berüchtigten Tora-Gefängnis in Kairo sitzt. Dort ist er inzwischen auch offiziell als Häftling registriert. Seine 29-jährige Tochter Lamisse konnte ihn mehrmals besuchen.

Hamouda wird vorgeworfen, die in Ägypten verbotene islamistische Muslimbruderschaft zu unterstützen und "falsche Informationen" verbreitet zu haben. Worauf sich diese Vorwürfe stützen, bleibt unklar: Ihm wurden noch immer keine Beweise präsentiert.

Einen Anwalt konnte Hamouda innerhalb eines Jahres noch nicht sprechen.

insgesamt 67 Beiträge
Newspeak 07.01.2019
1. ...
Vielleicht kann man mal recherchieren, wann deutsche Diplomaten sich eigentlich zuletzt mal erfolgreich fuer einen deutschen Mitbuerger, der im Ausland unter dubiosen Bedingungen festgehalten wurde, eingesetzt haben? Ich erinnere [...]
Vielleicht kann man mal recherchieren, wann deutsche Diplomaten sich eigentlich zuletzt mal erfolgreich fuer einen deutschen Mitbuerger, der im Ausland unter dubiosen Bedingungen festgehalten wurde, eingesetzt haben? Ich erinnere vor allem solche Faelle wie Elisabeth Käsemann oder Murat Kurnaz, also diplomatisches Versagen auf ganzer Linie. Wenn man dagegen vergleicht, wie sich die USA verhalten, wenn einem US-Buerger so etwas widerfaehrt, dann muss man sich fuer unser Land nur schaemen.
MyMoon 07.01.2019
2. Doppelmoral
Im Fall der Türkei wird bei jedem der im Gefängnis landet ein riesen Aufstand gemacht, von der Botschaft, den Medien und den Politiker bis zur Kanzlerin. Im Fall des Lieblingsdiktators Sisi in Ägypten wird geschwiegen . Wann [...]
Im Fall der Türkei wird bei jedem der im Gefängnis landet ein riesen Aufstand gemacht, von der Botschaft, den Medien und den Politiker bis zur Kanzlerin. Im Fall des Lieblingsdiktators Sisi in Ägypten wird geschwiegen . Wann hören hier wir etwas von Özdemir, Nouripor oder anderen Politikern. In Wahrheit wurde ein Anruf von Merkel bei General Sisi reichen um alle wenigstens deutschen Gefangenen sofort freizulassen. Auch von der Gefangenschaft der Journalisten in Ägypten kein Wort hier in den Medien. Dabei sitzt z.B. der Al Jaziraa Journaliste Hussein seit über 2 Jahre Unschuld in Untersuchungshaft.
guntergunter 07.01.2019
3. ....und warum...
...fährt noch irgendjemand, der leidlich bei Trost und nur einen Funken Ehre im Leib trägt, zum Baden oder Tauchen oder Steinhaufengucken dort hin? Genau: Schön billisch und sonnisch! Und die Eingekerkerten, Verschwundenen und [...]
...fährt noch irgendjemand, der leidlich bei Trost und nur einen Funken Ehre im Leib trägt, zum Baden oder Tauchen oder Steinhaufengucken dort hin? Genau: Schön billisch und sonnisch! Und die Eingekerkerten, Verschwundenen und Gefolterten sind es bestimmt selber schuld, gell??
OhMyGosh 07.01.2019
4. Scheckbuchdiplomatie gefragt
Zwischen Deutschland und Ägypten bestehen intensive Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Das bilaterale Handelsvolumenbetrug 2017 knapp 6 Mrd. Euro. Positiv entwickeln sich die Infrastrukturprojekte, an denen deutschen [...]
Zwischen Deutschland und Ägypten bestehen intensive Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Das bilaterale Handelsvolumenbetrug 2017 knapp 6 Mrd. Euro. Positiv entwickeln sich die Infrastrukturprojekte, an denen deutschen Unternehmen etwa im Bereich Energie sowie im Spezialtiefbau beteiligt sind. Beschränkungen bei der Konvertierung von Ägyptischen Pfund in Euro sind inzwischen wieder aufgehoben. Das mit dem Internationalen Währungsfonds verhandelte Reformprogramm ist nach der dritten Überprüfung im April 2018 weiterhin auf gutem Weg. Das Wirtschafts- und Investitionsklima entwickelt sich weiterhin positiv, wobei sich große Unternehmen angesichts zahlreicher administrativer Hürden leichter tun als kleine und mittlere Unternehmen. Staatliche Unternehmen, davon viele unter Kontrolle des ägyptischen Militärs, spielen im Wirtschaftsleben nach wie vor eine starke Rolle und treten immer öfter in Konkurrenz zu privaten Unternehmen. Im September 2018 führte Ägypten neue Importzöllezwischen 20% und 60% auf zahlreiche Produkte ein. Ägypten bleibt sowohl als Handelspartner als auch – mit erheblichen Einschränkungen insbesondere hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung - als Investitionsstandort grundsätzlich interessant. Eine Zahlungsabsicherung ist aber prinzipiell zu empfehlen. Derzeit dominieren umfangreiche Infrastrukturprojekte die Wirtschaftspolitik der ägyptischen Regierung (Entwicklung der Suezkanalzone, Bau einer Neuen Administrativen Hauptstadt, Neulandgewinnung, Ausbau der Stromproduktion und –verteilung sowie die Einführung Erneuerbarer Energien in den Strommix). Impulse kommen aber z.B. auch aus dem verarbeitenden Gewerbe sowie der Lebensmittelindustrie. Ägypten bietet – unter Beachtung der Reise- und Sicherheitshinweise – einzigartige Voraussetzungen sowohl für Kultur- wie für Badetouristen. Die zwischenzeitlich aufgrund sicherheitsrelevanter Vorfälle eingebrochenen Touristenzahlen haben auch 2017/2018 wieder zugenommen. In Kairo befindet sich seit 65 Jahren die primär für Ägypten zuständige Deutsch-Arabische Industrie- und Handelskammer sowie ein Korrespondent von Germany Trade & Invest (GTAI). Deutsche Unternehmen sind in Ägypten sowohl durch Handelsvertreter als auch mit eigenen Büros und Produktionsstandorten vertreten. Zit. nach: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/aegypten-node/deutschland-und-aegypten--bilaterale-beziehungen/212610 Ägypten erholt sich erst allmählich von einer tiefen Wirtschaftskrise, in der der Wert seiner Währung und die staatlichen Subventionen gesunken sind. Da sollte die bundesdeutsche Diplomatie ansetzen und die Karte "wirtschaftliche Zusammenarbeit“ spielen , um die jungen Männer wieder nach Deutschland bringen zu können.
zzipfel 07.01.2019
5. Das ist die Kehrseite der ...
doppelten Staatsbürgerschaft. Man sollte überlegen, ob das wirklich ein brauchbares Standard-Instrument ist, oder nicht besser nur auf wenige Ausnahmefälle beschränkt werden sollte. Diplomaten können das anschließend auch [...]
doppelten Staatsbürgerschaft. Man sollte überlegen, ob das wirklich ein brauchbares Standard-Instrument ist, oder nicht besser nur auf wenige Ausnahmefälle beschränkt werden sollte. Diplomaten können das anschließend auch nicht immer beheben, was der einzelne an Fehlentscheidungen trifft (zB. durch die Reise in ein unsicheres Land.)
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