Politik

Britische Karibik-Insel Anguilla

Brexit-Chaos am Traumstrand

Der Brexit ist ein europäisches Problem - aber nicht nur. Auf der anderen Seite der Erde verzweifeln die Briten der Insel Anguilla am Chaos des Mutterlandes. Doch kaum jemand nimmt das zur Kenntnis.

imago/ robertharding

Karibik-Insel Anguilla

Von , London
Freitag, 12.10.2018   09:23 Uhr

Die Bewohner von Anguilla sind freundliche Menschen, die sich als stolze Untertanen ihrer Majestät, Queen Elizabeth II., empfinden. Sie fahren links, sprechen Englisch und essen viel Fisch. Sie sind, mit anderen Worten, typische Briten - auch wenn ihre Insel etwa 6500 Kilometer entfernt von London ist.

Das kleine Anguilla, ein schmaler, nur 25 Kilometer langer Streifen Land in der Karibik, ist eines von 14 sogenannten Britischen Überseeterritorien. Aber anders als Gibraltar oder die Falklandinseln spielt es im Bewusstsein der meisten Briten keine Rolle. Das ist in normalen Zeiten ärgerlich, aber die Zeiten sind alles andere als normal. Deshalb bangen die 16.000 Anguillaner gerade um ihre Existenz - der Grund dafür heißt Brexit.

Wenn kein Wunder mehr geschieht, dann wird das Vereinigte Königreich in weniger als einem halben Jahr die Europäische Union verlassen. Und während sich alle Augen gerade auf die irische Insel richten, über die künftig eine Außengrenze der EU verlaufen wird, hat bislang fast niemand bedacht, dass der europäische Scheidungsprozess auch am anderen Ende der Welt kaum lösbare Probleme schafft. Am Beispiel Anguilla lassen sie sich wie durch ein Brennglas betrachten.

Wer das Inselchen mit den Traumstränden besuchen möchte, für den führt fast kein Weg vorbei an den Niederlanden und Frankreich. Große Flugzeuge können in der Region nur auf dem Princess-Juliana-Airport in Sint Maarten, dem niederländischen Teil von Anguillas Nachbarinsel St. Martin, landen. Anschließend werden Reisende per Bus über eine kaum sichtbare Grenze an die Nordküste des französischen Teils Saint-Martin transportiert. Von dort aus steuern Fähren den Hafen von Anguilla an, die Überfahrt dauert knapp 20 Minuten.

Vom Mutterland nur Almosen

Für die Menschen auf den zwei Karibikinseln spielt es schon seit Jahrzehnten keine große Rolle mehr, dass sie formal in drei verschiedenen EU-Staaten leben. Anguilla importiert reibungslos Benzin, Lebensmittel und Trinkwasser über St. Martin und schickt umgekehrt Früchte und Fisch auf die Nachbarinsel. Anguillaner gehen auf St. Martin zum Arzt und erhalten von dort ihre Post. Die Menschen auf beiden Seiten des anguillanischen Kanals machen miteinander Geschäfte, pendeln zu ihrem Arbeitsplatz, heiraten, gründen Familien. Anguillas Regierungschef ist mit seinem Amtskollegen auf St. Martin verwandt. "Wir sind alle eine Familie, so war es immer schon", sagt Blondel Cluff.

Cluff, eine elegante Frau mit grau melierten Haaren, ist Anguillas Regierungsvertreterin in London. An einem warmen Spätsommertag sitzt sie in ihrem Büro an der Themse, keine fünf Minuten von Downing Street entfernt. Vor ihrem Schreibtisch steht ein Modell des Flaggschiffs Santa Maria, auf dem Kolumbus einst die Neue Welt "entdeckte". "Die Menschen in der Karibik waren schon immer ein Spielball Europas", sagt Cluff , "aber wir können jetzt nicht noch mehr Leid gebrauchen."

Schon ohne den Brexit durchlebe Anguilla gerade eine seiner dunkelsten Stunden, sagt die 58-Jährige. Vor einem Jahr fegte Hurrikan "Irma" über die Insel und zerstörte oder beschädigte 90 Prozent der Gebäude. Der Tourismus, die Lebensversicherung Anguillas, brach ein. Und bezeichnenderweise war es die EU, die den Wiederaufbau mit Millionenzuschüssen ermöglichte. Ohne deren Entwicklungsfonds, der immerhin ein Drittel des Verwaltungsbudgets ausmacht, wäre Anguilla praktisch pleite.

Garson Kelsick via AP

Folgen von Sturm "Irma" (September 2017)

Von der britischen Regierung dagegen erhält die Insel traditionell nur Almosen. Für London spielt sie - ähnlich wie die Caymans und die Virgin Islands - nur als Steuerparadies eine Rolle. Und das wird Anguilla, ob mit oder ohne Brexit, wohl auch bleiben.

"Es geht um kulturelle und familiäre Verbindungen"

Umgekehrt gilt die Loyalität der Anguillaner dem Vereinigten Königreich. Als London die Insel Ende der Sechzigerjahre gemeinsam mit Saint Kitts und Nevis in die Unabhängigkeit entlassen wollte, kam es gar zu bewaffneten Aufständen. "Wir sind der einzige Ort der Welt, der die Briten bekämpft hat, um britisch zu bleiben", sagt Blondel Cluff. Gedankt hat es Anguillanern bis heute niemand.

Und nun also der Brexit, der bald schon dafür sorgen könnte, dass Grenzen und Handelsbarrieren entstehen, wo längst keine mehr sind. Der den Inseltourismus, der sich gerade erst wieder erholt, empfindlich behindern könnte. Der ein riesiges Haushaltsloch in Anguillas Kasse reißen wird. Und der, auch das, Korallenriffe, seltene Schildkröten und Leguane bedroht, weil niemand weiß, wer künftig für ihren Schutz bezahlen wird, wenn nicht die Europäische Union. Als der britische "Independent" die Regierung kürzlich danach fragte, erhielt er zur Antwort, man überlege, "wie Naturschutzprojekte nach dem Brexit am besten weiterfinanziert werden können".

Doch es geht längst nicht nur um finanzielle Belange, sagt Cluff, sondern "um kulturelle und familiäre Verbindungen - wir könnten ab Tag eins nach dem Brexit abgeschnitten sein von der Welt".

All das hat Anguillas Vertreterin auch der britischen Regierungschefin Theresa May zu erklären versucht, als die sie zu einem persönlichen Gespräch empfing. May habe durchaus zugehört, sagt Cluff, "sie hat uns versichert, dass sie uns nicht vergessen hat". Aber das ist nun Monate her. Nun bleiben nicht mal mehr sechs übrig. Und bislang war in den Brexit-Verhandlungen keine Zeit für Anguilla.

insgesamt 94 Beiträge
max-mustermann 12.10.2018
1.
Na dann kann mann ja jetzt, 50 Jahre verspätet die Unabhängigkeit erklären und dann entweder Frankreich oder den Niederlanden beitreten. Problem gelöst
Na dann kann mann ja jetzt, 50 Jahre verspätet die Unabhängigkeit erklären und dann entweder Frankreich oder den Niederlanden beitreten. Problem gelöst
power.piefke 12.10.2018
2. Brexit ist eh das falsche wort
engxit müsste es heißen. Schließlich wollten weder die schotten noch die nordiren aus der eu. nur interessiert die Engländer traditionell nicht, was ihre besetzten Territorien so denken und wollen.
engxit müsste es heißen. Schließlich wollten weder die schotten noch die nordiren aus der eu. nur interessiert die Engländer traditionell nicht, was ihre besetzten Territorien so denken und wollen.
susuki 12.10.2018
3. Witzig...
... ich mochte die Hummer welche in Anguilla gezüchtet/gefangen werden immer sehr gerne. Ich bin gespannt ob die Züchter/Fischer welche diese anlanden bei der kurzen Überfahrt ein GATT Formular ausfüllen... lol Die [...]
... ich mochte die Hummer welche in Anguilla gezüchtet/gefangen werden immer sehr gerne. Ich bin gespannt ob die Züchter/Fischer welche diese anlanden bei der kurzen Überfahrt ein GATT Formular ausfüllen... lol Die lokals machen das schon...
ExptFrance 12.10.2018
4. Deutsch?
Man sollte Anguilla anbieten, deutscher Stadtstaat zu werden (ärmer als Bremen kann die Insel auch nicht sein aber dafür sonniger!), dann wäre man dort noch immer in der EU und Deutschland würde im Gegenzug Englisch als zweite [...]
Man sollte Anguilla anbieten, deutscher Stadtstaat zu werden (ärmer als Bremen kann die Insel auch nicht sein aber dafür sonniger!), dann wäre man dort noch immer in der EU und Deutschland würde im Gegenzug Englisch als zweite Verwaltungssprache einführen, was endlich einen verstärkten Focus auf Fremdsprachen im deutschen Schulsystem bedeutete. Win-Win auf allen Seiten!
HAJ 12.10.2018
5. Wird Zeit, die koloniale Vergangenheit zu überwinden
Die unklaren Rechtssitationen in einigen ehemaligen Kolonien, darunter auch das Steuerrecht, schaffen den Bewohnern und Nutzniessern sowohl Vorteile wie Nachteile. Ein halbes Jahrhundert nach dem endgültigen Ende des [...]
Die unklaren Rechtssitationen in einigen ehemaligen Kolonien, darunter auch das Steuerrecht, schaffen den Bewohnern und Nutzniessern sowohl Vorteile wie Nachteile. Ein halbes Jahrhundert nach dem endgültigen Ende des Kolonialismus wäre es besser, gelegentlich für geordnete Verhältnisse zu sorgen.

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