Politik

Anschlag in Neuseeland

"Er wollte keine Überlebenden"

Die Rettungskräfte waren in Hörweite, doch sie gelangten nicht zu den Opfern: Nach dem tödlichen Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland berichten Überlebende von dramatischen Szenen - und wie sie sich in Sicherheit bringen konnten.

Foto: Getty Images
Freitag, 15.03.2019   12:21 Uhr

Die ersten Schüsse fielen gegen 13.45 Uhr. So berichten es Augenzeugen, die den Anschlag auf die Masjid-Al-Noor-Moschee im Stadtzentrum von Christchurch überlebt haben.

Etwa 300 Gläubige haben sich zum üblichen Freitagsgebet versammelt, als ein schwer bewaffneter Mann in das Gotteshaus marschiert. Der Angreifer sei durch die Hintertür in die Moschee gelangt, er habe immer wieder abgefeuert und nachgeladen, sagte ein Augenzeuge in einem Gespräch mit Radio New Zealand. "Er wollte keine Überlebenden", sagt der Zeuge weiter.

Demnach habe der Täter sehr ruhig gewirkt. Der Zeuge beschreibt ihn als klein, das Gesicht sei verdeckt gewesen, er habe Uniform getragen. Später wird bekannt, dass er aus Australien kommt, 28 Jahre alt ist. Auf dem Helm hat er eine Kamera, die alles filmt.

"Er hat geschossen und immer weiter auf alle gefeuert, die er noch für lebendig hielt", erzählt der Zeuge, der sich nach eigenen Angaben in der Kanzel der Moschee verstecken konnte. Andere Menschen hätten hingegen die Scheiben der Moschee eingeschlagen und seien aus den Fenstern geflohen.

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Terror in Christchurch: Angriff auf zwei Moscheen

Ein anderer Zeuge erzählt dem Radiosender, er habe sich hinter die Moschee retten können und von dort aus die Polizei alarmiert. "Ich habe ein sehr lautes Geräusch gehört, das war die Waffe. Noch im selben Moment bin ich losgerannt", sagt der Mann Radio New Zealand. Viele andere Menschen hätten zu dem Zeitpunkt auf dem Boden gesessen.

Bei den tödlichen Anschlägen auf die zwei Moscheen in Neuseeland sind mindestens 49 Menschen gestorben, 48 weitere werden mit Schussverletzungen in den Krankenhäusern der Stadt versorgt. Unter den Verletzten sind den Behörden zufolge auch mehrere Kinder.

"Plötzlich fielen die Leute einfach um"

Eine Autofahrerin, die während des Angriffs in der Nähe der Moschee unterwegs ist, hält das, was sie hört und sieht, zunächst für Feuerwerkskörper. "Dann sah ich junge Menschen rennen und plötzlich wurde die Szene sehr gewalttätig", erzählt die 66-jährige Frau der BBC. "Da wurde mir klar, das sind keine Feuerwerkskörper, und plötzlich fielen die Leute einfach um. Einer ist direkt links neben meinem Auto gefallen, ein anderer auf der rechten Seite", sagt die Frau weiter.

Sie habe dann versucht, sich in ihrem Auto zu verstecken. Eine Kugel sei direkt über das Dach des Wagens hinweg geflogen, hätte ihr Ziel - einen jungen Mann - jedoch verfehlt.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

"Ich habe die Autotür geöffnet, und gemeinsam mit dem Mann habe ich eines der Opfer von der Straße in den Wagen gezogen", sagt die Zeugin. In der Ferne hätten sie die Sirene der Rettungskräfte bereits gehört, doch die Helfer konnten nicht zu ihnen gelangen. "Ich hatte Angst etwas falsch zu machen, ich habe gezittert bei den Wiederbelegungsversuchen", sagt die Frau. Andere Passanten hätten Verletzte in ihren Autos in Krankenhäuser gebracht, berichtet die Frau.

Für Neuseeland ist der Anschlag eine der schlimmsten Gewalttaten der jüngeren Geschichte. Der letzte Amoklauf liegt hier mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. 1990 erschoss ein Mann 13 Menschen.

Premierministerin Jacinda Ardern spricht von "dunkelsten Tagen". Über die muslimischen Opfer sagt sie: "Neuseeland war ihre Heimat. Sie hätten sich hier sicher fühlen sollen." Sie waren es nicht.

asc/dpa

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