Politik

Präsident auf Weltkriegs-Tour

Macrons neue Front gegen den Populismus

Der französische Präsident Emmanuel Macron reist eine Woche an der Front des Ersten Weltkriegs entlang. Er will alte Kriegsängste in neuen Mut für Europa verwandeln. Ein politisches Wagnis.

LUDOVIC MARIN/ POOL/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock
Aus Lothringen berichtet
Donnerstag, 08.11.2018   21:13 Uhr

"Wie geht es Ihnen?" fragt Emmanuel Macron nun schon zum zweiten Mal und schaut in überraschte Gesichter.

Drei Frauen stehen vor ihm, eine Mutter und ihre erwachsenen Töchter. Sie tragen Alltagskleidung, Filz-Pullover und Lederjacke. Eben noch haben sie daheim beim Frühstückskaffee über hohe Steuern und den "Präsidenten der Reichen" geklagt. Jetzt steht Macron vor ihnen und macht sie sprachlos. Nicht alle Tage kommt ein Präsident ins kleine lothringische Dorf Les Eparges.

Macron probiert mal wieder etwas Neues. Er hat es nötig. Die Ergebnisse seiner Reformpolitik lassen auf sich warten. Die Stimmung im Land ist nicht gut, seine Umfragewerte sind es auch nicht. In einer Umfrage zur Europawahl 2019 lag seine rechtsextreme Erzrivalin Marine Le Pen zuletzt vorn. Das sind Alarmsignale.

Also nimmt Macron die Hundertjahresfeiern des Endes vom Ersten Weltkrieg zum Anlass, eine Woche entlang der damaligen Front zu reisen: zu Denkmälern und Friedhöfen, durch Dörfer und Kleinstädte. Eine "Gedächtnis-Reise" nennt er das, im Grunde ist es Vorwahlkampf. Es ist ein Experiment: Mit den Kriegsängsten von gestern will er die Ängste vor Wohlstandsverlusten von heute einfangen.

Selbstzweifel, Armut und Krise treffen aufeinander

Am Ende der Reise wird Macron kommenden Sonntag 80 Staatschefs, unter ihnen Donald Trump, Wladimir Putin und Angela Merkel, zur Staatsfeier des Kriegsendes unter dem Pariser Triumphbogen empfangen. Doch seine eigentliche Botschaft bringt er dieses Mal unter diejenigen, die ihm gewöhnlich nicht zuhören. Zum Beispiel die Dorfbewohner von Les Eparges.

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Macron auf Tour: Frankreichs Geister der Vergangenheit

"Militärparaden und Gedächtnisfeiern haben die Mütter der Toten noch nie trösten können", sagt Macron vor dem Rathaus von des Ortes. Die Mutter und ihre Töchter hören ihm zu. "Nichts ist für immer gewonnen", warnt Macron. "Die alten Teufel durchdringen noch immer unsere Gesellschaften" - und meint Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Isolation. Die Frauen scheint er damit zu erreichen. "Nichts ist wichtiger als Frieden", sagt die ältere Tochter, die in einer Schulkantine arbeitet, hinterher. Sie wirkt, als staune sie über ihre eigenen Worte.

Macron will die Leute packen, wie sie es nicht gewohnt sind. Eine Woche lang ist er durchgehend auf Tour, redet mit Bürgern, gibt der Lokalpresse Interviews. Und zwar dort, wo Selbstzweifel, Armut und die wirtschaftliche Krise ganz real wirken. Denn Lothringen, Elsass und Nordfrankreich sind Krisenregionen. Man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel würde eine Woche lang von Görlitz über Chemnitz nach Magdeburg reisen, um deutsche Geschichte und Europa zu diskutieren.

Lektionen aus der Vergangenheit

Im Morgennebel besucht Macron das Städtchen Morhange nahe der Mosel, Ort eines französischen Albtraums. An einem einzigen Samstag im August 1914 kamen hier 27.000 französische Soldaten ums Leben. Sie zogen im Überschwang an die Front, "wie wir Franzosen so sind", bemerkt Christian Stinco, 53 Jahre, ein Amateur-Historiker aus Morhange. Dem Präsidenten schenkt er eine alte Schwarz-Weiß-Postkarte vom ersten Denkmal für die damalige Schlacht. Macron versichert, sie sorgfältig aufbewahren zu wollen.

Stinco erzählt, dass es Deutsche waren, die im Jahr 1964 das heutige Denkmal von Morhange aufbauten. Auch darauf verweist der Besuch Macrons. Deutsche waren es, die schon früh in den Sechzigerjahren den französischen Albtraum aufarbeiten halfen. "Es geht nicht um Triumphalismus, sondern um Lektionen aus der Vergangenheit", sagt denn auch sein Sprecher Sylvain Fort.

Doch Macron warnt auch vor neuen Gefahren. "In einem Europa, das gespalten ist von Ängsten, dem Rückzug in den Nationalismus und den Folgen der wirtschaftlichen Krise, sieht man heute all das wieder zum Vorschein treten, was das Leben Europas zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Krise von 1929 geprägt hat", sagte der Präsident vergangene Woche der französischen Zeitung "Ouest-France".

"Ich glaube an ein ehrgeiziges Europa"

Für solche Parallelen kritisiert man ihn mitunter scharf: Wie er das Heldentum der französischen Soldaten im Ersten Weltkrieg für den heutigen Kampf um Europa und seiner Grenzen verwenden könne, fragte der "Figaro". Schließlich hätten die Soldaten damals die französische Grenze verteidigt. Für Irritation sorgt Macron auch, als er den späteren Nazi-Kollaborateur Philippe Pétain als "großen Soldaten" des Ersten Weltkriegs bezeichnete. Der Élysée-Palast beeilte sich klarzustellen, dass eine Ehrung Pétains nicht geplant sei.

In Lothringen spricht Macron schließlich - neben Denkmälern und Friedhöfen - von der neuen Produktion von Mercedes-Elektroautos im benachbarten Hambach. Von "echten deutsch-französischen Projekten" schwärmt er und sagt: "Ich glaube an ein ehrgeiziges Europa".

Bis zum Wochenende geht die Tour noch, bis dahin tingelt der Präsident durch die Provinz. Werden die Franzosen ihm und seiner unverändert proeuropäischen Botschaft folgen? Das ist völlig offen. Aber die Frage wird über die Zukunft Frankreichs und Europas mitentscheiden.

insgesamt 25 Beiträge
Stäffelesrutscher 08.11.2018
1.
»Man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel würde eine Woche lang von Görlitz über Chemnitz nach Magdeburg reisen, um deutsche Geschichte und Europa zu diskutieren.« Ein hinkender Vergleich. Erstens ist Macron Staatsoberhaupt und [...]
»Man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel würde eine Woche lang von Görlitz über Chemnitz nach Magdeburg reisen, um deutsche Geschichte und Europa zu diskutieren.« Ein hinkender Vergleich. Erstens ist Macron Staatsoberhaupt und direkt gewählt. Zweitens müsste man die Orte, in die ausländische Armeen 1914 eingefallen sind, in Deutschland erst noch suchen. Oder soll man eine Reise nach Leipzig, Jena/Auerstedt, Großgörschen und Lützen unternehmen?
schwäbischalemannisch 08.11.2018
2. Er spricht mit den Menschen
Auch wenn es Wahlkampf ist. Eine hervorragende Idee die Menschen zu erreichen, die ihm sonst nicht zuhören. Wie der Autor schreibt. Merkel könnte sich da eine Scheibe abschneiden.
Auch wenn es Wahlkampf ist. Eine hervorragende Idee die Menschen zu erreichen, die ihm sonst nicht zuhören. Wie der Autor schreibt. Merkel könnte sich da eine Scheibe abschneiden.
brux 08.11.2018
3. Genau
Nichts ist wichtiger als Frieden. Aber natürlich ist das keine spontane Macron Agitprop Nummer. Der 100. Jahrestag des Waffenstillstands von 1918 ist seit hundert Jahren terminlich bekannt. Dieser Tag ist der zweitwichtigste [...]
Nichts ist wichtiger als Frieden. Aber natürlich ist das keine spontane Macron Agitprop Nummer. Der 100. Jahrestag des Waffenstillstands von 1918 ist seit hundert Jahren terminlich bekannt. Dieser Tag ist der zweitwichtigste französische Feiertag. Das grosse Programm wird seit 4 Jahren geplant. Dass das den Deutschen entgangen ist, wundert mich aber nicht.
thoms1957 08.11.2018
4. Macron wenigstens bedeutet Europa noch etwas
Bei der deutschen Regierung vermisse ich das. Überall Bedenken und Mutlosigkeit und Angst vor der Zukunft. Anstatt diese Zukunft zum Wohle aller Europäer gestalten zu wollen, wird hier nur irgendwie der Status Quo verwaltet. [...]
Bei der deutschen Regierung vermisse ich das. Überall Bedenken und Mutlosigkeit und Angst vor der Zukunft. Anstatt diese Zukunft zum Wohle aller Europäer gestalten zu wollen, wird hier nur irgendwie der Status Quo verwaltet. Begeisterung für das Potential und die Möglichkeiten, die Europa bietet, wird so trantütig im Keim erstickt.
quark2@mailinator.com 08.11.2018
5.
Hmmm, die Weltkriege sind zwar DAS Argument, die europäische Einigung nicht zu versauen. Aber leider bekommt man eine Einigung nicht hin, wenn man alte Schuld und alte Niederlagen vorholt und sie der ehemals anderen Seite unter [...]
Hmmm, die Weltkriege sind zwar DAS Argument, die europäische Einigung nicht zu versauen. Aber leider bekommt man eine Einigung nicht hin, wenn man alte Schuld und alte Niederlagen vorholt und sie der ehemals anderen Seite unter die Nase reibt. Wenn Frankreich ernsthaft eine weitere Einigung Europas will, dann muß es leider genau das tun, was es nicht vorhat, nämlich seine damals gewonnene Position der Stärke gegenüber DE soweit zurückfahren, daß eine echte Balance entsteht. Eine Einigung via primus inter pares ist auf Dauer einfach nicht gut genug. Sie würde es erfordern, daß BEIDE Seiten verdammt viel davon aufgeben, was ihnen wertvoll ist. Wenn dazu keine Bereitschaft da ist, sind Macrons Visionen unrealistisch, denn dann fehlt seinen gemeinsamen Armeen, Sozialversicherungen, Rettungsschirmen, etc. einfach der nötige Unterbau. Wovon ich rede ? Nun, ich rede von UN-Sicherheitsrat und Atomwaffen. Ja, schon klar. Aber mMn. geht es nicht ohne. Vertrauen gegen Vertrauen, um mal aus alten Büchern zu zitieren :-).

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